Perfekte Tarnung

Perfekte Tarnung

Karadzic arbeitete als Gesundheits-Guru in Belgrad

Radovan Karadzic, bosnisch-serbischer Ex-Präsident und einer der meist gesuchten mutmaßlichen Kriegsverbrecher, ist nach offiziellen Angaben am Montagabend in Belgrad festgenommen worden. Dies bestätigte der für die Kooperation mit dem UNO-Tribunal zuständige serbische Arbeitsminister Rasim Ljajic am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Belgrad.

Krawalle
Der amtierende SRS-Chef Tomislav Nikolic hat daraufhin "massive Proteste" gegen die Festnahme des mutmaßlichen Kriegsverbrechers Karadzics angekündigt, ohne einen genauen Termin dafür nennen zu wollen. Auch werde seine Partei mit allen demokratischen Mitteln kämpfen, um den pro-europäischen Präsidenten Boris Tadic zu stürzen, kündigte Nikolic an. Der serbische Staatschef wird von den Radikalen als der Hauptverantwortliche für die Festnahme Karadzic' angesehen.

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Einige Dutzend Anhänger serbischer nationalistischer Organisationen protestierten daraufhin am frühen Abend im Stadtzentrum Belgrads. Die Demonstranten, die von einem großen Polizeiaufgebot auf dem Republikplatz umzingelt wurden, bewarfen die Ordnungshüter mit Stühlen aus den umliegenden Cafés und Knallkörpern. Den Protestlern schlossen sich auch der Generalsekretär der ultranationalistischen Serbischen Radikalen Partei (SRS), Aleksandar Vucic, sowie Karadzic' Bruder Luka an.

Perfekte Tarnung als Gesundheits-Guru in Belgrad
Der Paukenschlag birgt gleich mehrere Überraschungen in sich: Nicht nur lebte der vom UNO-Tribunal in Den Haag wegen Genozid und Kriegsverbrechen angeklagte Karadzic zur großen Überraschung vieler in Belgrad, sondern er arbeitete noch dazu in einer privaten Ordination und lebte unter einer falschen Identität - mit dem Namen Dragan Dabic - offensichtlich ziemlich unbehelligt in der serbischen Hauptstadt. Im offiziellen Verzeichnis der serbischen Ärztekammer tauchte er indes nicht auf.

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Er bewegte sich vollkommen frei
Die Tarnung sei so perfekt gewesen, dass er sich in Belgrad frei bewegen konnte, sagte der Sonderstaatsanwalt für Kriegsverbrechen, Vladimir Vukcevic, bei einer Pressekonferenz in Belgrad. Weder seine Arbeitgeber noch die Wohnungsvermieter hätten einen Verdacht geschöpft. Auf einem ersten der Öffentlichkeit präsentierten Foto war Karadzic nicht zu erkennen: Stark abgemagert, weißes langes Haar, Vollbart und Brillen. Karadzic, der bei seinen Vorträgen mit Vorliebe schwarz angezogen mit einem hellen Hut auftauchte, war ein erfahrener Redner.

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Unter dem Namen Dragan Dabic war er einer für die alternative Medizin interessierten Öffentlichkeit bekannt. Jahrelang publizierte der Ex-Präsident der Republik Srepzka nämlich unter seinem falschen Namen Fachartikel in der populären Belgrader Zeitschrift "Gesundes Leben" (Zdrav zivot). Der Chefredakteur der Zeitschrift, Goran Kojic, zeigte sich schockiert, dass einer seiner Mitarbeiter der mutmaßliche Kriegsverbrecher war, berichtete der TV-Sender B-92.

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Der Online-Auftritt der Zeitschrift "Gesundes Leben", für die Karadzic Fach-Artikel schrieb

Teilnahme an Festival
Den jüngsten Informationen nach nahm Karadzic alias Dabic auch am 3. "Festival des gesunden Lebens" teil, das vom 23. bis zum 25. Mai auf der Belgrader Save-Insel Ada Ciganlija abgehalten wurde. "Wie muss man die eigene Energie pflegen?", lautete damals der Titel seines Vortrages, zu dem laut einigen Augenzeugen etwa 100 Menschen erschienen waren. Karadzic, der bei seinen Vorträgen mit Vorliebe schwarz angezogen mit einem hellen Hut auftauchte, war ein erfahrener Redner.

Wohnsitz-Wechsel geplant
Karadzic wurde nach Angaben von Ljajic und Vukcevic am Montagabend in der Umgebung Belgrads festgenommen. Alle anderen Spekulationen seien unzutreffend. Die Festnahmeaktion sei am Montagnachmittag gestartet worden, jedoch bereits länger geplant gewesen. Möglich erscheint, dass Karadzic im Belgrader Vorort Batajnica gelebt hat. Der 63-Jährige sei in dem Augenblick festgenommen worden, als er seinen Wohnsitz ändern wollte.

Überstellung an UN-Tribunal
Ljajic zufolge ist das Fahndungsteam Karadzic unerwartet auf die Spur von Karadzic gekommen. "Wir haben weder den Termin noch den Ort für die Festnahme gewählt." Die Festnahme sei erfolgt, als das Sicherheitsrisiko am geringsten gewesen sei. Vukcevic bestätigte zudem, dass das Innenministerium nicht an der Festnahme von Karadzic beteiligt war. Karadzic ist laut Ljajic kein Staatsbürger Serbiens. Dies bedeutet, dass seine Überstellung an das UNO-Tribunal kaum verzögert werden kann.

Svetozar Vujacic, ein Anwalt von Karadzic, kündigte hingegen bereits an, dass er bis Freitag Berufung gegen die Auslieferung einlegen werde. Zuvor hatte ein Ermittlungsrichter nach der Einvernahme von Karadzic festgestellt, dass die Voraussetzungen für seine Überstellung an das UNO-Tribunal erfüllt seien. Es gebe keine Chance, dass Karadzic schon vor dem Wochenende an Den Haag überstellt werde, betonte Vujacic Medien gegenüber.

Die offizielle Schilderung der Festnahmeaktion wurde von Vujacic als "zutreffend" bezeichnet. Was aber nicht stimme, sei der Termin der Festnahme. Nach Angaben Karadzics soll die Festnahme bereits am Freitagabend in einem städtischen Bus, der zwischen dem Stadtviertel Neu-Belgrad und Batajnica verkehrt, erfolgt sein. Daraufhin sei er in einem Raum eingesperrt worden, sagte der Anwalt unter Berufung auf Karadzic. Vor dem Ermittlungsrichter habe er hauptsächlich geschwiegen. Den ganzen Fall nannte Karadzic eine "Farce".

Neue serbische Regierung
Der Pressedienst des serbischen Präsidenten Boris Tadic hatte am späten Montagabend mitgeteilt, dass Karadzic "in einer Aktion der serbischen Sicherheitsdienste aufgespürt und festgenommen" wurde. Die Festnahme erfolgte nur rund zwei Wochen nach dem Amtsantritt der neuen serbischen Regierung und vier Tage nach dem Personalwechsel an der Spitze des Geheimdienstes BIA, der seit vergangenem Donnerstag vom 36-jährigen Juristen Sasa Vukadinovic geleitet wird. Dessen Amtsvorgänger Rade Bulatovic war in der Ära von Slobodan Milosevic ein hoher Mitarbeiter der damaligen Nachrichtendienste.

Karadzic hatte im Sommer 1996 unter internationalem Druck den Posten des bosnisch-serbischen Präsidenten und dann auch die Führung der von ihm gegründeten Serbischen Demokratischen Partei aufgegeben. Kurz danach war er untergetaucht. Karadzic wurde vor allem im Grenzgebiet zwischen Bosnien und Montenegro vermutet.

Foto (c) Reuters, AP

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