Russen gehen, Raketen bleiben

ÖSTERREICH-Reporter

© Florian Lems

Russen gehen, Raketen bleiben

Unser Reporter Florian Lems berichtet aus Gori:

Von dem versprochenen Abzug der russischen Truppen ist im besetzten Gori am Montagabend vorerst noch nichts zu spüren. Denn die Russen besetzten nach wie vor strategisch wichtige Stellen wie Brücken. Dort wird eifrig kontrolliert. „Wann zieht ihr ab ?“, wird ein Posten gefragt. Der Russe lächelt: „Nicht jetzt, aber bald.“

Die rund 50.000 Einwohner zählende Geburtsstadt Josef Stalins wirkt wie eine Geisterstadt. Kaum ein Zivilist ist auf der Straße zu sehen – und wenn, dann handelt es sich um alte Menschen, denen die Flucht zu beschwerlich war oder die einfach nicht weg wollten. Die meisten sind zum Zeichen der Trauer schwarz gekleidet. Noch eine Woche nach Beginn der Kampfhandlungen zwischen georgischem und russischem Militär sitzt der Schock sichtlich tief.

Im Rathaus von Gori, das auch der Sitz der Regionalverwaltung ist, wurde eine Art Notzentrum eingerichtet. Hier werden die wenigen Rot-Kreuz-Hilfslieferungen, die am Montag per Lkw angekommen sind, verteilt. „Wir haben zu Hause nichts mehr zu essen und leiden großen Hunger“, klagt eine alte Frau, die sich, so wie viele andere Menschen auch, in einer langen Warteschlange angestellt hat, um Hilfsgüter entgegen zu nehmen.

Gori stark betroffen
Zwar sollen in Gori insgesamt nur zwölf Häuser vollkommen zerstört worden sein, doch kaum ein Haus weist nicht Einschusslöcher oder kaputte Fensterscheiben auf. Mitten in der Stadt gibt es eine Grube. Dort werden Gliedmaßen, die niemandem zugeordnet werden können, begraben.

Im örtlichen Militärspital, in dem auch zivile Kriegsopfer behandelt werden, wird mit Hochdruck gearbeitet. Hier waren nach der ersten Angriffswelle der Russen mehr als 1.500 Menschen behandelt worden.

Doch es ist noch lange nicht vorbei: Anstatt die ­Besetzung der Stadt zu beenden und abzuziehen, scheinen sich die Russen auf einen längeren Aufenthalt im georgischen Kernland vorzubereiten: Russische Versorgungs-Lkws beliefern die Besatzungen der dort stationierten Panzer.

Verwirrung
Die Situation ist äußerst unübersichtlich. Auf halber Strecke zwischen Gori und Tiflis standen Montagvormittag georgische Polizisten – etwa 70 bis 100 Mann – die darauf warten, nach dem Abzug der Russen nach Gori vorrücken zu können. Andererseits: Abseits der Hauptstraße, rund fünf Kilometer von Gori entfernt, sind ebenfalls georgische Polizisten zu sehen. Und hier sollten nach offiziellen Berichten eigentlich nur Russen sein...

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