11. April 2009 15:53

BAWAG-Skandal 

Ruth Elsner: Ihre Kampf-Ansage

Die Frau von Helmut Elsner rechnet nach der kurzen U-Haft von Julius Meinl mit der Justiz ab.

Ruth Elsner: Ihre Kampf-Ansage

13. Februar 2007: Österreich zeigt sich befriedigt. Nach monatelangem Hin und Her sitzt Ex-Bawag-Chef Helmut Elsner (73) endlich in der Landesjustizanstalt Wien-Josefstadt als U-Häftling ein. Den Status als prominentester Häftling Österreichs hat Helmut Elsner mittlerweile seit über 800 Tagen.

4. April 2009: Für den 49-jährigen Julius Meinl V. gehen gegen eine Kaution von beachtlichen 100 Millionen Euro nach nur 39 Stunden Haft die Türen der Wiener Justizanstalt Josefstadt auf. Obwohl er angeblich 150.000 Kleinanleger geschädigt hat.

Gerechtigkeit
Helmut Elsner, nicht rechtskräftig zu 9,5 Jahren Gefängnis verurteilt, bleibt hingegen U-Häftling. Doch die Stimmung steht an der Kippe – selbst bei jenen, die keine Freunde von Helmut Elsner sind. Seit seiner Verhaftung wurden insgesamt zehn Enthaftungsanträge gestellt – und von der Justiz jedes Mal abgelehnt. Fragen wie: Ist es unfair, dass sich Julius Meinl freikaufen kann und Helmut Elsner noch immer in Haft sitzt, werden in Zeitungskommentaren, Diskussionsforen und am Stammtisch immer häufiger diskutiert.

Optimistisch
Auch Ruth Elsner (52) wittert ihre Chance und bringt wenige Tage nach der Meinl-Freilassung den 11. Enthaftungsantrag ein. Sie verdoppelt sogar das Kautionsangebot auf zwei Millionen Euro. Und sie gibt sich zuversichtlich, dass es dieses Mal klappt. Mehr noch: Im großen ÖSTERREICH-Interview glaubt Ruth Elsner sogar, dass ihr Mann seinen 74. Geburtstag am 12. Mai in Freiheit feiern wird. Auf die Frage, was sie ihm zum Geburtstag schenken will, antwortet sie spontan: „Ein Essen im Kreise der Familie.“

Druck erhöhen
Ruth Elsner wirkt gebrechlich, aber kampfeslustig. Ihr erklärtes Feindbild: Claudia Bandion-Ortner, Ex-BAWAG-Richterin und nach dem Job flugs Justizministerin.
Mit der Akte Elsner wird sich Bandion-Ortner noch mehrfach beschäftigen müssen. Denn Ruth Elsner hat ein erklärtes Ziel: Ihren Mann mit alle Mitteln aus der U-Haft zu boxen. Dafür hat sie mehrere Beschwerden beim europäischen Gerichtshof eingebracht, die die Republik Österreich beantworten muss. „Der Druck auf die Justiz muss ständig aufrecht erhalten werden. Da lasse ich nicht locker“, sagt sie.

Mittlerweile schöpft Ruth Elsner aus der Situation Kraft. Aber die Freiheit für ihren Mann ist der zierlichen Frau, die wie eine Löwin kämpft, zu wenig: Sie will, dass die Geschichte ihres Mannes auch gleich neu geschrieben wird – so wie sie es für richtig hält.

Lesen Sie auf Seite 2 das ÖSTERREICH-Interview mit Ruth Elsner

"Fordere die Justiz auf, das Unrecht zu beenden" - Ruth Elsner im ÖSTERREICH-Interview:

ÖSTERREICH: Frau Elsner, Sie haben am Dienstag zwei Millionen Euro Kaution für die Freilassung Ihres Mannes geboten. Sind die Chancen nach der Meinl-Causa so gut wie noch nie, dass Ihr Mann aus der U-Haft kommt?

Ruth Elsner: Die Untersuchungshaft meines Mannes ist ein politisch motivierter Justizskandal der Republik. Ich fordere die Justiz auf, dieses Unrecht zu beenden. Die Meinl-Causa ist nur die „Hintergrundsmusik“. Der wahre Beweggrund für einen neuerlichen Enthaftungsantrag war das Interview der Justizministerin Claudia Bandion-Ortner in der ZiB 2, in der sie behauptet hat, wir hätten nie konkret eine Kaution angeboten. Das ist unwahr. Sowohl in Frankreich als auch in Österreich wurde schriftlich eine Million Euro an Kaution geboten, in Frankreich war mein Mann durch die Kautionszahlung frei. Auch Frankreich ist Mitglied der EU. Das Unglaubliche ist ja, dass das gesamte Vermögen meines Mannes – und somit auch meines – viele Wochen vor seiner Verhaftung in Frankreich gesperrt wurde. Somit war und ist es uns nach wie vor nicht möglich, selbst eine Kaution zu stellen. Auch das ist eine weitere pikante Facette dieses unglaublichen Skandals.

ÖSTERREICH: Der Enthaftungsantrag ist nicht der einzige Versuch, seine U-Haft zu beenden...

Elsner: Es ist bereits der elfte Versuch! Die Beschlüsse der Justiz, die U-Haft zu verlängern werden immer skurriler und absurder, ja geradezu perverser. Wir haben beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg mehrere Beschwerden eingebracht, auch gegen die Verhaftung, fünf davon wurden angenommen, spätestens im Sommer erwarten wir eine Entscheidung. Das wird unangenehm für die Republik.

ÖSTERREICH: Das heißt, Justizministerin Bandion-Ortner muss die Zulässigkeit ihrer damaligen Handlungen als BAWAG-Richterin begründen?

Elsner: Das ist der Treppenwitz der Geschichte, dass die Justizministerin ihre eigenen Handlungen offiziell kommentieren kann.

Österreich: Woher nehmen Sie die Kraft, an so vielen Fronten zu kämpfen?

Elsner: Meine Kraft nehme ich aus der starken Liebe zu meinem Mann. Und ich kämpfe aus dem Bewusstsein heraus, dass das, was hier passiert, ein unglaublicher Skandal ist. Auch das Urteil im BAWAG-Verfahren kann nicht halten. Zu behaupten, die Währungsoptionsgeschäfte hätten nicht gemacht werden dürfen, ist unsinnig. Diese banktypischen Geschäfte wurden und werden nach wie vor weltweit gemacht, auch von vielen österreichischen Banken.

ÖSTERREICH: Glauben Sie, dass es heute überhaupt zu einer Anklage gegen Ihren Mann kommen würde?

Elsner: Heute würde es nicht zu einer Anklage kommen.

ÖSTERREICH: Wie hart ist die U-Haft für Ihren Mann?

Elsner: Jede Haft ist schrecklich. Die Freiheit ist das höchste Gut. Mein Mann wird 74 Jahre alt, hat zwei schwere Operationen während der Haft hinter sich, sein Gesundheitszustand verschlechtert sich zusehends. Ich darf meinen Mann zwei Mal pro Woche für 30 Minuten besuchen. Zwischen uns ist seit über 800 Tagen eine Glaswand und wir unterhalten uns über ein Telefon. Alle zwei Monate darf ich unter Aufsicht von Justizwachebeamten mit ihm an einem Tisch sitzen. Das Schlimmste in der Haft ist aber, dass die Türe von außen zugesperrt wird. Sie können die einfachsten Dinge nicht mehr selbst entscheiden. Da hilft es auch nichts, dass die Justizwachebeamten versuchen, die Situation für alle menschlich zu machen.

ÖSTERREICH: Wie oft denken Sie an Ihren Mann am Tag?

Elsner: Er ist mein erster und letzter Gedanke.

ÖSTERREICH: Sie wirken psychisch sehr stark, aber optisch sehr zerbrechlich: Wie sehr haben Sie die letzten Jahre mitgenommen?

Elsner: Mein ganzes Leben ist seither aus den Fugen geraten. Ich bin zwar frei, fühle mich aber trotzdem mitgefangen. Durch die Verhaftung und die weiteren Geschehnisse wurde die gesamte Familie physisch und psychisch angegriffen. Es gibt Tage voller Hoffnung und dann wieder Tage der Verzweiflung. Da versuche ich mich abzulenken. Manchmal brauche ich jemanden, der mich festhält, da habe ich wenigsten meine Familie und meine Freundinnen. Doch wer hält meinen Mann fest?

ÖSTERREICH: Im Mai hat Ihr Mann den 74. Geburtstag, was werden Sie ihm schenken?

Elsner: Eine Geburtstagsfeier im Kreise der Familie und Freunde, weil ich hoffe, dass mein Mann frei kommt. Aber in den letzten zwei Jahren konnte ich ihm gar nichts schenken, weil keine Geschenke erlaubt sind. Man darf in der U-Haft nur ein Wäschepaket abgeben. Nicht einmal ein Schokoriegel ist erlaubt.

ÖSTERREICH: Können Sie und Ihr Mann noch lachen?

Elsner: Zum Glück schon und das ist auch sehr wichtig. Nur wenn man trotzdem positiv denkt, kann man schwierige Situationen bestehen.

ÖSTERREICH: Sie waren es gewohnt, ein sehr unbeschwertes Leben zu führen, nun müssen Sie mit 1.200 Euro Pension auskommen. Fällt Ihnen das schwer?

Elsner: Mein Leben war vielleicht in finanzieller Hinsicht unproblematisch, aber trotzdem nicht unbeschwert. Schicksalsschläge haben nichts mit dem Einkommen zu tun. Da ich seit fast drei Jahren alleine leben muss, ist das Interesse an manchen Bedürfnissen erloschen.

ÖSTERREICH: Sie leben aber noch immer im mittlerweile berühmten Penthouse?

Elsner: Warum auch nicht? Das ist nach wie vor meine Wohnung, mein einziges Rückzugsgebiet. Im Übrigen ist das kein „Penthouse“, sondern eine Dachgeschosswohnung. Berühmt wurde sie auf Betreiben der Bank im Jahr 2006 und nicht durch mich.

ÖSTERREICH: Nicht viele Österreicher leben in der Wiener Innenstadt auf über 200 Quadratmeter mit einem Swimmingpool...

Elsner: Nicht viele Österreicher werden mehr als 800 Tage mit irrwitzigen Begründungen im Alter von 74 Jahren willkürlich in Untersuchungshaft gehalten. Das ist das Thema, nicht ein Swimmingpool.

ÖSTERREICH: Was werden Sie tun, wenn der Enthaftungsantrag positiv entschieden wird?

Elsner: Ich werde mich mit meinem Mann unter einen Baum stellen und vor Glück schreien.




Posten Sie Ihre Meinung Neu anmelden Login |