Boltz: Strom und Gas sind immer noch zu teuer
Energie ist immer noch zu teuer: Aus Sicht des Regulators sollte Gas für Endkunden um 10 % günstiger sein, der Energieanteil beim Strom um 5 %.
Auch nach den avisierten Verbilligungen per Anfang Dezember hätten Wienenergie und EVN noch Potenzial nach unten, andere Versorger erst recht, sagt E-Control-Chef Walter Boltz. Bei Strom könnte sich die Energiekomponente für Haushaltskunden um 5 Prozent verbilligen, bei den eher teureren Anbietern noch mehr, etwa 10 %.
Die EnergieAllianz-Unternehmen (Wienenergie, EVN, Bewag) könnten auf im Schnitt 250 bis 270 Euro im Jahr absenken, so Boltz. Derzeit liegt die Range für den Energieanteil bei 200 bis 300 Euro im Jahr, zu denen noch zwischen 185 und 240 Euro an Netzkosten hinzukommen. Industriestrom könnte sogar um 8 bis 10 % günstiger sein.
"Wir haben noch immer Probleme im Wettbewerb in Österreich", sagte Boltz bei der Vorlage des "Marktberichts 2009". Bei Strom seien die Großhandelspreise wieder auf das Niveau von 2007 gesunken, und die Margen seien gestiegen. Elektrizität für 2010 kann derzeit mit 45 Euro je MWh um fast die Hälfte gekauft werden wie 2008 (85 bis 90 Euro/MWh). Die Energiebranche sei fast die einzige, der es trotz Wirtschaftskrise noch immer sehr gut gehe. Die Bruttomargen seien zuletzt je nach Versorger und Zeitpunkt bis zu 40 % gelegen.
Aufgrund der Ökostrom-Mehrkosten, die die Versorger in Rechnungen ausweisen, geht Boltz davon aus, dass diese Mehrbelastung von den Versorgern entweder tatsächlich den Kunden zu hoch weiterverrechnet wurden - oder die Margen vereinzelt sogar bis zu 100 % betragen haben könnten, falls Grünstrom von den EVU günstiger eingekauft wurde als angegeben.
In den vergangenen Jahren dürften im Schnitt jeweils über 77 Mio. Euro zu viel verrechnet worden sein, hatte die E-Control schon im Sommer errechnet - die E-Wirtschaft hatte dies als unzutreffend zurückgewiesen. Nach der Rechnung des Regulators hätte Ökostrom die Österreicher 2008 damit 329 Mio. Euro und nicht nur das Einspeistarif-Fördervolumen von 252 Mio. Euro gekostet. Mittlerweile untersucht die Bundeswettbewerbsbehörde (BWB). Boltz rechnet mit einer Aufklärung bereits in den kommenden Wochen.
Neue Gaskrise denkbar, sind aber vorbereitet
Eine ernsthafte Gasversorgungskrise für Europa wie Anfang 2009 kann sich nach Boltz "jederzeit wiederholen, das muss man derzeit sagen", doch wäre Österreich darauf diesmal besser vorbereitet. Die Erdgasspeicher seien "randvoll", der Gasverbrauch sei durch die Rezession gesunken und Gastransporte seien in den Pipelines mittlerweile in beiden Richtungen möglich, auch von West nach Ost.
Vom 3. EU-Energie-Richtlinienpaket erhofft sich Boltz zahlreiche Verbesserungen: Von den Endkundenbestimmungen würden nicht nur Haushalte profitieren, sondern auch das Gewerbe. Der Markt werde transparenter und damit auch effizienter. Durch Kooperation der Übertragungsnetze werde das Versorgungssystem verbessert und der Großhandel vereinfacht. Eine eigene EU-Agentur für Energieregulierung werde für eine bessere grenzüberschreitende Koordinierung der Entscheidungen sorgen.
Gegen eine Diskriminierung der Marktteilnehmer ist zudem ein Unbundling der Übertragungsnetze vorgesehen. Dabei müssen die Energiekonzerne Produktion und Übertragung stärker trennen, dürfen die Netze aber weiter behalten. Österreich wird sich dabei voraussichtlich für das ITO-Modell (Independent Transmission Operator) mit unabhängigen Systembetreibern entscheiden. Dieses Modell enthält strenge Auflagen für die personelle und strukturelle Trennung zwischen Netztöchtern und ihren Konzernmüttern.
Haushaltskunden sollen durch das 3. EU-Paket noch schneller ihren Energieanbieter wechseln können, geplant ist eine Verkürzung auf maximal 3 Wochen. Seit Beginn der Liberalisierung in Österreich haben bei Strom bisher 313.000 Haushaltskunden (7,8 %) einen Wechsel vollzogen, bei Gas 56.400 (4,5 %), geht aus neuen Daten der E-Control hervor. Samt den Gewerbe- und Industriekunden haben sich bisher 557.000 (9,8 %) Abnehmer bei Strom und 63.000 (4,7 Prozent) bei Gas einen neuen Lieferanten gesucht.
EVUs weisen Boltz-Kritik zurück: Markt funktioniert
Österreichs E-Wirtschaft hat die Behauptungen der E-Control standesgemäß zurückgewiesen. "Die Spielregeln des freien Marktes funktionieren, auch wenn manche mit dem aktuellen Spielstand nicht zufrieden sind", so die VEÖ-Generalsekretärin Barbara Schmidt. Sie kritisierte auch "Zahlenspielereien" des aktuellen Marktberichts der E-Control, die den Eindruck erwecken könnten, Österreich habe EU-weit die höchsten Strompreise.
Tatsächlich liege Österreich bei den Industriestrompreisen mit 9,05 Cent pro kWh und bei den Preisen für KMU von 10,44 ct/kWh im EU-27-Vergleich auf dem 14. Rang. Schmidt: "Das sind die realen Zahlen und keine willkürlich gewählten Indizes."
Auch bei den Haushaltsstrompreisen liege Österreich im guten EU-Mittelfeld. Ohne Steuern würden die Haushaltskunden derzeit 12,68 Cent im Schnitt zahlen (für Energie und Netz exkl. Abgaben und Steuern) - nur knapp mehr als der EU-Durchschnitt, in dem die CEE-Länder mit ihren niedrigen Preisen enthalten sind.
Völlig unverständlich seien Spekulationen des Regulators über angeblich überhöhte Margen der E-Wirtschaft. Im Gegenteil: Die Vertriebsmargen bei Strom lägen laut A.T.Kearney mit weniger als 0,5 Cent pro kWh weit unter anderen EU-Ländern. Dies erkläre auch die geringe Attraktivität Österreichs für neue Anbieter. Auf Basis fiktiver Einkaufspreise für Strom im Ökostrombericht die Margen zu bewerten, sei eine "pure Spekulation", so Schmidt.
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