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Gleiskartell

voestalpine bangt um Kronzeugenstatus

Untersuchungen angeblich durch Anzeige von Ex-Mitarbeiter ins Rollen gebracht.

Der börsennotierte Stahlkonzern voestalpine muss laut einem Bericht der deutschen Zeitung "Handelsblatt" (Montag-Ausgabe) um seine Befreiung von einer millionenschweren Strafe wegen Absprachen auf dem deutschen Eisenbahnmarkt bangen. Anders als bisher dargestellt, seien die Ermittlungen gegen das Schienenkartell, an dem die voestalpine beteiligt gewesen sei, nicht von der österreichischen Firma ausgelöst worden, meldete das "Handelsblatt". Dem hat der Linzer Stahlkonzern am Montag widersprochen. "Wir haben die Anzeige eingebracht und wir haben sie umfassend gemacht. Am Status quo beim Thema Kronzeugenregelung hat sich nichts geändert", sagte voestalpine-Sprecher Gerhard Kürner.

Anonyme Anzeige
Schon vorher habe es eine anonyme Anzeige eines Ex-Mitarbeiters gegeben, wie das "Handelsblatt" aus informierten Kreisen erfuhr. Hinzu kommt, dass es laut Kartellteilnehmern nicht nur bei Schienen Preisabsprachen gegeben haben soll, sondern auch bei Weichen. Erhärtet sich dieser Verdacht, dann hätte voestalpine die Behörden nicht vollumfänglich über den Umfang des Eisenbahnkartells ("Schienenfreunde") informiert, so der Vorausbericht.

Die voestalpine hatte Anfang Juli erklärt, dass die Ermittlungen der Behörden durch Hinweise des Konzerns in Gang gebracht worden waren. Als Kronzeuge des deutschen Bundeskartellamts hoffte das Industrieunternehmen auf eine Befreiung von dem drohenden Strafgeld, das sich bei einer Verurteilung auf einen dreistelligen Millionenbetrag summieren könnte.

Gefahrenpotential relativiert
Experten von Erste Group und Raiffeisen Centrobank, können hohe Kartellstrafen für die voestalpine nicht ausschließen, relativieren aber das Gefahrenpotenzial. "Wir gehen nicht vom worst case aus, schlanken Fuß macht die Sache aber keinen", sagte Raiffeisen-Analyst Klaus Küng. Neben den möglichen Kartellstrafen in dreistelliger Millionenhöhe drohe die voestalpine ein "Imageschaden", der sich auf die anderen Divisionen ausbreiten könnte.

Absprachen
Die voestalpine hatte zusammen mit Thyssen-Krupp und anderen Firmen seit mindestens 1998 Preise und Mengen auf dem deutschen Schienenmarkt abgesprochen. Geschädigt wurde vor allem die Deutsche Bahn (DB), die mehr 80 Prozent des deutschen Schienenbedarfs abdeckt.

Um in Deutschland als Kronzeuge zu gelten, muss eine Firma umfassend mit den Behörden kooperieren. Werden Details oder andere Kartelle verheimlicht, dann fällt der Status, wie ein Kartellamtssprecher ohne Bezug zum Schienenkartell sagte. Dies könnte im Fall voestalpine geschehen sein. Nach Angaben von zwei Personen, die Mitglieder im Club der "Schienenfreunde" waren, erstreckten sich die Absprachen auch auf das Weichengeschäft. "Dieses Kartell wurde nicht bei den Behörden angezeigt", sagte einer der "Schienenfreunde" dem "Handelsblatt".

Die voestalpine ist Weltmarktführer in dem Geschäft - gerade bei Weichen für Hochgeschwindigkeitsstrecken. Eine dieser Anlagen kostet bis zu einer halben Million Euro, der jährliche Bedarf der Deutschen Bahn soll bei 1.000 bis 2.000 Weichen liegen. Nach eigenen Angaben hat voestalpine keine Informationen über Preisabsprachen bei Weichen. Die DB lehnte einen Kommentar dazu ab.