Wie lange hält der Impfschutz an? Haben Mutationen darauf einen Einfluss? Beginnt ab Herbst das Impfen wieder von vorne?
Mit spätestens Juli sollen alle, die es auch wollen, durchgeimpft sein. Doch wie geht es danach weiter?
Die EU hat sich weitere 1,8 Milliarden Impfdosen des mRNA-Impfstoffes von Biontech/Pfizer gesichert. Der Vertrag läuft bis 2023, und das Liefervolumen beläuft sich auf mehr als 35 Milliarden Euro. Kommissionschefin Ursula von der Leyen: "Die EU muss sich auf Technologien konzentrieren, die sich bewährt haben. Die mRNA-Impfstoffe sind ein klares Beispiel dafür."
An Österreich gehen rund zwei Prozent der Dosen, das entspricht 18 Millionen Dosen pro Jahr. Kanzler Sebastian Kurz sieht das als "einen Meilenstein" an. Mit ausschlaggebend für die Entscheidung der EU war die hohe Wirksamkeit der mRNA-Impfstoffe gegen die zunehmend neu auftretenden Mutationen des Virus. Auch werden die Zulassungsverfahren der EU-Arzneimittelbehörde (EMA) verkürzt, es wird jeweils nur noch kleine Anpassungen geben.
Pfizer-Chef hält 3. Dosis innerhalb eines Jahres für wahrscheinlich
Die Impfstoffe sollen auch, sagt Marco Cavaleri, der Impfstrategie-Direktor der EMA, vor der neuen indischen Virusvariante schützen. Die bisherigen Daten würden auf einen "ausreichenden Schutz hindeuten". Monika Redlberger-Fritz, Virologin und Mitglied des Nationalen Impfgremiums (NIG): "Durch die mRNA-Technologie ist es relativ einfach, die Impfstoffe anzupassen und in der Produktion 'umzustellen'."
Biontech-Chef Ugur Sahin: "Sollten weitere Mutationen auftreten, kann mit einer dritten Dosis die Immunreaktion gesteigert werden."
Das Gesundheitsministerium geht aber davon aus, dass aufgrund der Varianten "weitere Impfungen notwendig sein werden". Fix ist jedenfalls: Der mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer ist in, der Vektor-Impfstoff von AstraZeneca ist out.
Und ebenso fixiert scheint: Es wird eine Auffrischung, also eine dritte Dosis geben. Die Frage stellt sich nur, wann diese erfolgen wird.
Pfizer-Chef Albert Bourla hält eine dritte Dosis innerhalb eines Jahres nach der Zweitimpfung für die wahrscheinlichste Variante. Gegenüber dem US-Sender CNBC sagte er: Die dritte Dosis binnen sechs bis zwölf Monaten, gefolgt von jährlichen Auffrischungen, sei "ein sehr wahrscheinliches Szenario."
Das Nationale Impfgremium geht davon aus, dass die Schutzdauer von mRNA-Impfstoffen nach der zweiten Dosis mindestens sechs Monate lang anhält. Eine Empfehlung für eine Drittimpfung wurde aber bislang nicht abgegeben: "Weitere Impfungen werden für einen dauerhaften Schutz notwendig sein. Es ist jedoch noch nicht geklärt, wann dies erfolgen wird."
Angedacht ist aber, dass spätestens ab Oktober mit Auffrischungsimpfungen begonnen werden müsse.
Rasch entwickelt. Die Corona-Impfstoffe wurden unter allerhöchstem Zeitdruck entwickelt. Mangels Daten könnten also, so Experten, derzeit noch keine wirklich verlässlichen Aussagen hinsichtlich der Dauer ihrer Wirksamkeit getroffen werden. Sechs Monate nach der zweiten Impfdosis halte die Schutzwirkung in jedem Fall an, heißt es in Studien. Wie lange der Schutz darüber hinaus aufrecht bleibt, sei jedenfalls noch Gegenstand der Forschungen.
Bereits reagiert. In Großbritannien hat man bereits reagiert. So soll jeder Bürger über 50 Jahre ab Herbst ein Angebot für eine dritte Coronavirus-Impfung erhalten. Laut der Times teste man unter der Aufsicht von Epidemiologen bereits zwei Optionen. Entweder werde man mit modifizierten Impfstoffen arbeiten, die auch gegen neue Varianten wirksam seien, oder die dritte Impfung werde mit den mRNA-Vakzinen von Biontech/Pfizer und Moderna oder dem Vektor-Impfstoff von AstraZeneca vorgenommen.
Denn auch für einen Vektor-Impfstoff wie AstraZeneca würde nach bisherigen Erkenntnissen gelten: Der Schutz müsste aufgefrischt werden.
Planlos. In Deutschland schrillen jetzt schon die Alarmglocken. Seitens der Ärzte rechnet man mit Ende Juni oder spätestens Anfang Juli mit einer Auffrischung der Impfungen, aber: "Vonseiten der Politik gibt es keinerlei Vorschläge. Hier wird planlos in eine Situation hineingelaufen."
Harald Brodnig
Virologin: »Es wird eine Auffrischung nötig sein«
Monika Redlberger-Fritz ist Mitglied des Nationalen Impfgremiums.
InsIder: Werden wir eine 3. Impfung brauchen?
Monika Redlberger-Fritz: Wie bei allen Totimpfstoffen ist vorhersehbar, dass auch bei SARS-CoV-2 irgendwann eine Auffrischungsimpfung nötig sein wird. Der Zeitpunkt, wann diese zu geschehen hat, ist derzeit noch nicht klar, und es müssen im Moment noch die laufenden Studien abgewartet werden. Erst nach Beendigung der Studien und wenn wissenschaftlich fundierte Daten zur Dauer des Impfschutzes zur Verfügung stehen, kann man die Auffrischungsimpfung planen.
Insider: Kann man trotzdem einen Zeitpunkt abschätzen?
Redlberger-FrItz: Jede Auffrischungsimpfung soll immer entsprechend den empfohlenen Impfintervallen erfolgen. Die Impfintervalle bei SARS-CoV-2 werden derzeit noch in Studien erforscht. Wann eine Auffrischungsimpfung nötig sein wird, wird dann basierend auf den ermittelten Forschungsergebnissen empfohlen werden.
InsIder: Macht es einen Unterschied zwischen vorher erfolgten mRNA-und Vektor-Schutzimpfungen?
Redlberger-FrItz: Das ist eigentlich nicht zu erwarten, aber auch dies wird derzeit in Studien untersucht.
Insider: Können die derzeit zugelassenen Impfstoffe den Mutationen erfolgreich angepasst werden?
Redlberger-FrItz: Eine Anpassung der derzeitigen Impfstoffe an auftretende Mutationen ist technisch möglich und auch in relativ kurzer Zeit durchführbar. Manche Impfstoffhersteller arbeiten sogar bereits daran.
InsIder: Unabhängig davon: Wie wird unser Sommer?
Redlberger-FrItz: Die Auswirkungen der Pandemie werden sicherlich noch im Sommer spürbar sein. Es muss uns aber auch bewusst sein, dass unser Sommer umso besser wird, je mehr Eigenverantwortung jeder Einzelne von uns trägt. Das bedeutet, je mehr Personen sich impfen lassen, je häufiger wir uns testen und je besser wir weiterhin einfache Maßnahmen wie Maskentragen und Abstandhalten einhalten, desto besser wird das Virus zurückgedrängt und desto eher können wir vielleicht einem fast normalen Sommer entgegensehen.