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Pharma-Lobbyisten unter Kritik

Warum Österreich noch immer zu wenige Corona-Tests macht

Die Bundesregierung hinkt bei den täglichen Coronatest-Kapazitäten hinterher, auf Kosten der Patienten. Österreichische Unternehmen geben einen exklusiven Einblick in die Pharmabranche.

Die Bundesregierung wollte die Coronatest-Kapazitäten auf 15.000 pro Tag ausbauen. Laut Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) liegt die derzeitige Testkapazität bei 10.000. Dennoch wurden laut Covid19-Dashboard in den letzten fünf Tagen durchschnittlich nur 4.412 Testungen pro Tag durchgeführt. Am gestrigen Tag immerhin 4.999 Tests. Die Gesamtzahl beträgt laut Sozialministerium derzeit mehr als 156.795 Testungen.

Dies wirft Fragen auf, da in Österreich das Know How und die Kapazität für Testungen des Coronavirus verfügbar sind. Im Hintergrund dürften Strippenzieher am Werk sein.

Erster Corona-Schnelltest der Welt aus Österreich

Das Salzburger Biotech-Unternehmen „Procomcure Biotech“ hat im vergangenen Monat einen „klinisch validiert“ Coronavirus-Schnelltest auf den Markt gebracht. Durchgeführt werden kann der Test in jedem privaten Diagnostiklabor. Bereits nach einer halben Stunde liegt ein Testergebnis vor, dennoch wird der Test in Österreich kaum eingesetzt.

Im Interview mit oe24 erörtert der Geschäftsführer, Dr. Kamil Önder, warum der „PhoenixDx“-Schnelltest kaum Anklang findet: „Es ist absurd. Unsere Lager sind voller Produkte. Wir könnten eine Million Tests pro Woche herstellen und ganz Österreich versorgen.“ Daher exportiert das Biotech-Unternehmen seine Produkt erfolgreich ins Ausland: „Unsere Tests sind sehr begehrt. 80 Prozent der Verkäufe gehen ins Ausland, zum Beispiel nach Deutschland.“ Aus Sicht des Geschäftsführers liegt eine massive Lobbyarbeit vor. Einzelne Forscher und Professoren versuchen, Stimmung gegen sein Unternehmen zu betreiben. Mittlerweile ist von rechtlichen Schritten die Rede. Das Schreiben liegt der Redaktion vor:

© oe24

10.000 Labortests pro Tag möglich

Aber nicht nur Coronatests sind notwendig, sondern auch die Auswertung dieser. Der Geschäftsführer der Novogenia GmbH mit Sitz in Strass, Dr. Daniel Wallerstorfer, sieht das Hauptproblem für die geringe Anzahl an Coronavirus-Tests an mangelnden Alternativen im österreichischen Gesundheitswesen. Für die Auswertung eines Tests bedarf es an einem Analysegerät, die aber ein Pharmariese zur Verfügung gestellt hat. „Sie müssen sich das wie bei einem Drucker vorstellen. Sie können nur Originaldruckerpatronen in ein Gerät geben. Ähnlich verhält es sich mit Reagenzien. Und diese werden gerade auf der ganzen Welt gekauft“, so Wallerstorfer. Daher bestehe ein großer Bedarf und der Pharmariese hat Lieferungsengpässe. Novogenia könnte „täglich bis zu 10.000 Labortests durchführen. Bei den Coronavirus-Tests handelt es sich um genetische Tests und darauf sind wir vorbereitet“, so der Molekularbiologe und promovierter Biotechnologe.

Bedarf an Tests wird steigen

In einer Stellungnahme gegenüber oe24 erörtert das Gesundheitsministerium die Testlage wie folgt: "Aufgrund der rückläufigen Zahlen an Neuerkrankungen liegt die Anzahl der täglichen Testungen bei etwa 5.000. Durch die Teststrategie, die u.a. auch Fokus-Testungen von MitarbeiterInnen im Gesundheitsbereich und im Handel sowie Personal und Bewohner von Alters- und Pflegeheimen, inkludiert, wird die Anzahl der Testungen steigen." Auf die Frage, ob das Gesundheitsministerium die Namen der Unternehmen nennen könnte, die Reagenzien zur Verfügung stellen, heißt es knapp: "Namen und Kontaktdaten von Anbieter-Firmen werden grundsätzlich nicht weitergegeben, wir bitten um Verständnis."

Opposition übt Kritik

NEOS-Gesundheitssprecher Gerald Loacker gegenüber oe24: „Sebastian Kurz hat den Österreichern 15.000 Tests am Tag versprochen. Passiert ist wenig bis nichts. Er hofft wohl, dass die Bürger die vielen Zahlen aus den täglichen Pressekonferenzen schnell vergessen." So hält der pinke Nationalrat im Interview fest, dass die Öffnung der Wirtschaft wichtig sei. Diese sollte laut dem Abgeordneten aber von einer guten Teststrategie begleitet werden. „Wer keine Zahlen hat, ist im Blindflug unterwegs. Die Regierung arbeitet lieber mit der Unsicherheit der Menschen als mit konkreten Zahlen aus vielen Tests, “ so Loacker abschließend.

Testungen für Privatpersonen auf Krankenkasse

Eine Kostenübernahme für einen Coronatest von der Krankenkasse ist laut Novogenia nur dann möglich, wenn der Test von einem Arzt angeordnet wurde. Wer sich ohne medizinische Notwendigkeit auf das Coronavirus testen lassen möchte, muss die Kosten in diesem Fall selbst tragen. Weitere Informationen finden Sie hier.

[Alexander Surowiec]

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