Schallenberg will Koalitions-"Ruhephase" schaffen

Kanzler: "Mache ­sicher keine Social-Media-Politik"

Der Kanzler im ÖSTERREICH-Interview mit Isabelle Daniel. 

ÖSTERREICH: Wie wollen Sie das Vertrauen in der Regierung wiederaufbauen?
Alexander SCHALLENBERG:
Wir sind alle Menschen, das darf man nicht vergessen, und es sind Wunden zurückgeblieben. Ich werde Vizekanzler Kogler vorschlagen, dass wir nach dem Nationalfeiertag eine Aussprache und ein Get-together organisieren mit dem gesamten Regierungsteam.

ÖSTERREICH: Mit allen Ministern?
Schallenberg:
Ja, allen Ministern. Es ist ein bisschen wie bei einer Fußballmannschaft. Wenn wir nicht gut zusammenspielen, können wir keine Tore schießen. Die Menschen aber erwarten zu Recht von uns, dass wir Tore schießen. Ich sehe mich als eine Art Mediator, der das wieder zusammenführt. Werner Kogler und ich sind uns bewusst, dass wir uns auf dünnem Eis bewegen. Wenn einer aufstampft, sind wir alle im kalten Wasser. Ich werde alles tun, damit wir wieder in eine Ruhephase kommen.

ÖSTERREICH: Türkis-Grün war sehr von der Achse Kurz-Kogler abhängig …
SCHALLENBERG:
Ich habe vor, sehr eng abgestimmt vorzugehen. Ich bin ein Teamplayer, deshalb auch der Vergleich mit dem Fußballteam.

ÖSTERREICH: Wie lange wird die Koalition halten?
SCHALLENBERG:
Bis zum Ende der Legislaturperiode. Dazu bin ich angetreten und angelobt worden.

ÖSTERREICH: Sie werden also bis zum Ende der Legislaturperiode Kanzler bleiben?
SCHALLENBERG:
Ich gehe davon aus.

ÖSTERREICH: Es kam nicht gut an, dass Sie am Tag Ihrer Angelobung gesagt haben, die Vorwürfe gegen Kurz seien falsch. Warum haben Sie das getan?
Schallenberg:
Ich habe das sehr bewusst gemacht. Denn ich habe es für richtig befunden, meine Meinung zu sagen. Das war ­natürlich kein Zuruf in Richtung Justiz, das würde ich mir nie anmaßen. Selbstverständlich habe ich großes Vertrauen in die Justiz. Ich bin aber persönlich der Ansicht, weil ich Sebastian Kurz seit Jahren kenne, dass da strafrechtlich nichts hängen bleiben wird. Aber die Nerven liegen offenbar blank, wenn so ein Satz zum Thema wird.

ÖSTERREICH: Was haben Sie sich gedacht, als Sie diese Chats gelesen haben?
Schallenberg:
Man muss unterscheiden: Was sind die strafrechtlichen Vorwürfe, das muss die Justiz klären. Auf der anderen Seite ist das Bild, das entstanden ist, sicher kein schönes. Da wird aber sehr oft das eine mit dem anderen vermischt.

ÖSTERREICH: Wir sitzen hier im Metternich-Zimmer, hier amtierten Schüssel, ­Gusenbauer, Faymann – warum sitzen Sie nicht im Kreisky-Zimmer, in dem Sebastian Kurz arbeitete?
SCHALLENBERG:
Einfach weil dieses Zimmer heller ist, weil ich es gerne hell und luftig habe. Das Kreisky-Zimmer mit der dunklen Vertäfelung ist vom Stil her nie wirklich meines ­gewesen.

ÖSTERREICH: Hier stehen noch Ihre Umzugskisten – Sie haben aber sicher nicht die 100 Tage Schonfrist wie andere Politiker.
SCHALLENBERG:
Genau, es ist eine große Ausnahme­situation. Diese Zeit wird mir wohl nicht gegeben.

ÖSTERREICH: Zur Angelobung. Als Sie Außenminister wurden, war auch Ihr Vater dabei. Und man hat ihm den Stolz angesehen, er war ja selbst Diplomat. Wie hat er diesmal reagiert?
SCHALLENBERG:
Am Samstag habe ich mit ihm telefoniert, und er hat mir gesagt, dass es eine Ehre ist, in diesem Amt der Republik zu dienen.

ÖSTERREICH: Was sagen Ihre Kinder? Zwei sind ja schon über 20, zwei Teenager.
SCHALLENBERG:
Ich bin ein Familienmensch, und es ist für die gesamte Fa­milie eine sehr heraus­fordernde Zeit. Aber sie haben das schon einmal erlebt, wenn auch in anderer Dimension, als ich Außenminister wurde. Mir ist die klare Trennung zwischen privat und beruflich ex­trem wichtig. Ich schütze so meine Familie.

ÖSTERREICH: Social Media ist auch ein Faktor in der ­Politik geworden. Wie sehr werden Sie Politik via Social Media machen?
Schallenberg:
Ich hatte schon als Außenminister keine Social-Media-Apps auf dem Handy. Aber natürlich gehört das zur heutigen Kommunikation dazu. Man darf aber nicht den Fehler machen, das als Abbild der Realität zu sehen. Meine Aufgabe ist, in der Bundesregierung für die Österreicherinnen und Österreicher zu arbeiten. Da muss ich mir selber ein Bild machen. Ich werde ­sicher keine Social-Media-Politik betreiben.

ÖSTERREICH: Haben Sie ­politische Vorbilder?
SCHALLENBERG:
Es gibt Persönlichkeiten, die mich beeindrucken, z. B. der große Europa-Denker Jean Monnet, weil er immer in der Lage war, out of the box zu denken. Ich habe auch einen großen Respekt vor Wolfgang Schüssel.

ÖSTERREICH: Zurück zur Gegenwart: 3G am Arbeitsplatz – wann kommt es?
SCHALLENBERG:
Wir als Regierung wollen das. Die gesetzliche Grundlage wurde letzte Woche im National­rat beschlossen und wird nächste Woche im Bundesrat behandelt. Ich appelliere dringend an die SPÖ, der Regelung im Bundesrat ­ihre Zustimmung zu er­teilen und kein politisches Kleingeld zu machen.

ÖSTERREICH: Werden Sie mit Minister Mückstein in der Corona-Pandemie eng zusammenarbeiten?
SCHALLENBERG:
Ja, nicht nur mit ihm. Mit Wolfgang Mückstein konnte ich schon in den letzten Monaten eine sehr gut persönliche Beziehung aufbauen.

ÖSTERREICH: Zurück zu Ihrem Verhältnis zu Sebastian Kurz: Wie oft haben Sie seit der Angelobung mit ihm geredet?
SCHALLENBERG:
Nicht so oft. Die letzte persönliche Begegnung war am Montag bei der Klubsitzung. 



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