Helmut Schüller

chronik

Schüller: "Ostern ist der Frühling des Menschen"

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Das große Oster-Interview mit dem „Rebellen-Chef“ Schüller.

Österreichs Pfarrer-Initiative Für eine glaubwürdige Kirche ist für Papst Benedikt heuer zu Ostern ein rotes Tuch. Just am Gründonnerstag donnerte er im Petersdom gegen den Aufruf zum Ungehorsam, den bereits 400 österreichische Pfarrer unterzeichnet haben.

„Wir wollen den Autoren dieses Appells glauben, dass sie von Sorgsamkeit für die Kirche bewogen sind“, heuchelte der Papst, fragte aber dann: „Ist Ungehorsam ein Weg? Ist es nicht ein verzweifelter Drang, die Kirche nach eigenen Wünschen umzuwandeln? Jesus ist es um den wahren Gehorsam gegangen, der gegen die Eigenwilligkeit des Menschen gerichtet war.“

Die zu Ostern damit weltweit populär gewordene Pfarrer-Initiative wird vom Wiener Helmut Schüller geleitet. Schüller, der früher für die Caritas und als Generalvikar sogar für Kardinal Schönborn arbeitete, hat die Pfarrer-Initiative gemeinsam mit Kirchenrebell Udo Fischer bereits vor sechs Jahren gegründet – im Vorjahr erregte er mit seinem Aufruf zum Ungehorsam Aufsehen. Diese Initiative, die in Österreich bereits 400 Pfarrer unterzeichnet haben, setzt sich für eine Kirchenreform, für mehr Mitsprache der Basis, für ein Ende des Zölibats, aber auch für Kommunion für Geschiedene ein.

Vor allem will Schüller Frauen und Verheiratete zum Priesteramt und auch in kirchliche Leitungsfunktionen zulassen.

Von der Predigt-Schelte des Papstes für Österreichs Kirchen-Rebellen zeigt sich Schüller „angenehm überrascht“: „Es ist schön, dass unsere Initiative jetzt vom Papst wahrgenommen wird – er billigt uns zu, dass es um die Zukunft der Kirche geht, und er spricht sogar selbst von der Trägheit der Kirche.“

Im Interview mit ÖSTERREICH zieht Schüller seine persönliche Bilanz für das Osterfest.

Rebell Schüller: "Es gibt eine Auferstehung für jeden"

ÖSTERREICH: Herr Pfarrer Schüller, wie sehen Sie als „Kirchen-Rebell“ Ostern?
Helmut Schüller: Ostern ist für mich der Frühling des Menschen. Das ist ein Fest der Lebenskraft, des Lebensmutes. Wir feiern die Auferstehung Jesu, der diesen Lebensmut über den Tod hinaus gezeigt hat. Wir müssen zu Ostern unseren eigenen, persönlichen Frühling finden.

ÖSTERREICH: Ostern ist für Sie der Frühling des Menschen?
Schüller: Ostern erinnert uns daran, dass wir aufblühen sollen, dass unser Leben Kraft haben soll. Ostern vermittelt uns Optimismus.

ÖSTERREICH: Gibt es für Sie ein neues Osterbild?
Schüller: Es geht darum, Jesus in den Mittelpunkt zu stellen. Es ist Jesus, der uns Menschen großen Mut macht, auch auf das zuzugehen, was finster, hoffnungslos ist, etwa den Tod – aber nie die Hoffnung aufzugeben, dass wir weiterleben.

ÖSTERREICH: Sehen Sie Jesus als Kirchen-Rebell?
Schüller: Ich sehe ihn als jemand, der mutig aufgestanden ist gegen die Enge von Gesetzen, gegen die Mutlosigkeit, gegen das Auseinanderdividieren von Menschen, gegen Unterdrückung. Er hat sich gewehrt, er ist gegen die Unterdrücker aufgestanden – er wollte Neues ermöglichen.

ÖSTERREICH: Was ist neu am Jesus-Bild?
Schüller: Für mich ist Jesus einer, der sich immer aufgelehnt hat gegen das, was Menschen unterdrückt. Und für mich ist Jesus ein Symbol, das Hoffnung gibt. Genau das sind die zwei großen Botschaften von Ostern. Der Mut von Jesus, sich gegen die Unterdrücker aufzulehnen. Und die große Hoffnung, die für uns alle mit der Auferstehung verbunden ist.

ÖSTERREICH: Glauben Sie an die Auferstehung?
Schüller: Da gelangen wir an die Grenzen unserer ­Erkenntnis. Da stammelt ja auch die Bibel nur mehr herum. Aber die Botschaft ist klar: Jesus, aber auch jeder Mensch, lebt weiter, wirkt weiter. Ich werde in meiner Osterpredigt meiner Gemeinde sagen: Es gibt eine Auferstehung für jeden, lange schon vor dem Tod. Für ­jeden ist immer eine kleine Auferstehung im täglichen Leben möglich – man kann sein Leben immer neu ­beginnen, man kann immer mutig sein, und man braucht sich nicht vor dem Tod zu fürchten. Ostern ist ein Fest, das Mut machen soll.

ÖSTERREICH: Ist dieser Rebell Jesus auch Vorbild für Ihren Aufruf zum Ungehorsam der Pfarrer gewesen?
Schüller: Jesus ist Vorbild für alle, die nicht zufrieden sind mit dem, was ist. Wer an Jesus glaubt, glaubt auch daran, dass es wichtig ist, gegen Unterdrückung und für das Neue aufzustehen.

ÖSTERREICH: Wie ist die Bilanz Ihres Aufrufs zum Ungehorsam bisher?
Schüller: Fast 400 Priester sind schon Mitglieder, und wir wachsen weiter. Wir wollen jetzt eine internationale Vernetzung schaffen, und wir wollen unsere Initiative auf die Ebene der Pfarrgemeinderäte weiterführen. Es soll eine Plattform entstehen für alle, die die Kirche verändern wollen.

ÖSTERREICH: Kardinal Schönborn hat einen homosexuellen Pfarrgemeinderat zugelassen. Ist das gut?
Schüller: Das befürworte ich sehr. Es ist ein erster Schritt, die Menschen aus der Ausgrenzung zu holen. Das ist ganz im Sinne Jesu. Kardinal Schönborn könnte in der Kirche viel bewegen, wenn er mehr Mut hätte, sich mit anderen Bischöfen und Kardinälen zusammenzutun und die Kirche zu öffnen. Wenn sich da ein paar Kardinäle wie Schönborn zusammentäten und gegen den Vatikan auftreten würden, dann würde die Entwicklung der Kirche ganz anders aussehen.

ÖSTERREICH: Ostern ist traditionell ja die große Show des Papstes. Ist Papst ­Benedikt eine Katastrophe?
Schüller: Kein Mensch ist eine Katastrophe – der Papst schon gar nicht. Das vatikanische System ist eine Katastrophe. Der Papst ist ja – so seltsam es klingt – relativ machtlos. Das System des Vatikans macht, was es will. Benedikt hat früher sehr im Sinne einer Kirchenerneuerung gedacht – jetzt wird er völlig vom Vatikan eingebremst. Der Vatikan ist eine Bürokraten-Herrschaft, die jede Öffnung der Kirche sofort im Keim erstickt. Dieses System lässt keine Reform zu.

ÖSTERREICH: Was wollen Sie denn mit Ihrer Initiative erreichen?
Schüller: Wir müssen als Kirche wieder mehr in die Nähe der Menschen kommen, wir müssen die Auferstehung leben und Öffnung zulassen. Dazu gehört ein Ende des Zölibats. Dazu gehört die Öffnung für die Frauen – sie müssen Priester werden und Leitungsämter in der Kirche besetzen dürfen. Warum soll eine Frau nicht Papst sein dürfen? Dazu gehört die Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene. Und wir müssen die Spaltung der christlichen Kirchen überwinden.

ÖSTERREICH: Sind Sie ein Kirchen-Rebell?
Schüller: Ich bin ein Kritiker, ich versuche anzuschieben. Ob ich das Wort Rebell verdiene, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass das Kirchenvolk kein Fußvolk ist, sondern Rechte und Würde hat. Das Kirchenvolk sollte endlich befragt werden, was es will. Ostern ist immer die Hoffnung auf Öffnung.

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