7 Stunden im Wortlaut: Das volle Ibiza-Video

"Die Ibiza-Affäre"

7 Stunden im Wortlaut: Das volle Ibiza-Video

Das erste Kapitel der „Ibiza-Affäre“ beginnt mit dem Treffen der beiden Redakteure der Süddeutschen Zeitung mit ihrem/ihren geheimnisvollen Informanten in einem Hotelzimmer „irgendwo in Deutschland“. Dort werden Frederik Obermaier und Bastian Obermayer mit dem ersten Video konfrontiert. Sie wissen davor nur, dass es sich um kompromittierendes Material über einen europäischen Spitzenpolitiker handeln soll.

Schließlich erfahren sie, dass es sich um Österreich und den Chef der Freiheitlichen Partei, Heinz-Christian Strache handelt. Die meisten der Videos sind aus unterschied­lichen Perspektiven aufgenommen und „verschlüsselt“, damit sie nicht heimlich abfotografiert oder mitgefilmt werden. Der Bildschirm ist weiß, sehen kann man das Video nur mit einer Spezialbrille. Als sich die beiden Journalisten und der Informant über die Modalitäten einig sind, wird die Play-Taste gedrückt:

Maybach parkt stilgerecht vor Haus

Es ist der Abend des 24. Juli 2017. Heinz-Christian Strache, sein Freund Johann „Joschi“ Gudenus, Vizebürgermeister von Wien, und dessen Ehefrau Tajana treffen in der Villa nahe dem Dorf Sant Rafel de sa Creu ein. Vor dem Haus parkt stilgerecht eine Maybach-­Limousine.

Das Haus hat zwei Terrassen, Pool und mehrere Schlafzimmer. Es ist nicht schön, doch alles andere als preiswert. Bucht man es über das Portal „Architect Country Villa“, blättert man schon an die 1.000 Euro pro Nacht hin.

Doradentartar. Das Abendessen ist bereits um 19 Uhr geliefert worden. Alles, was der schicke Mensch von heute gerne mag, kommt auf den Tisch: verschiedene Sashimi, Wolfsbarsch-Carpaccio, Doradentartar, Algensalat, dazu gibt’s Champagner, Weißwein, Wodka und, man weiß ja, was man dem hohen Gast schuldig ist, jede Menge Red Bull. FPÖ-Chef Strache, der sich anschickt, seine Partei bei der Wahl in die Regierung zu führen, weiß das zu schätzen: „I’m the Red Bull Brother from Austria“, wird er später sagen.

Obermeier und Obermayer Ibiza-Affäre © CHRISTOF STACHE / AFP; Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co KG Frederik Obermaier und Bastian Obermayer - die Aufdecker - fassten die Affäre in einem Buch zusammen.

"1.600 Euro für zwölf Leut’ – so teuer war’s net"

Strache als Herr im Ring. Die Gastgeber, die angebliche Oligarchennichte Aljona Makarowa und ihr Begleiter, bitten zum Aperitif auf die Terrasse an einem Lounge-Tisch. Man beginnt mit Small Talk, spricht über die ausgezeichneten Restaurants auf der Insel. Strache war unlängst in einem Klub, „exzellent“, nur „das Saufen“ sei „sauteuer“ gewesen. Mehrere Liter Rosé, Champagner, Wodka, Austern, Kaviar und Fisch für zwölf Personen. „So teuer war’s net“, findet Strache, der selbst ernannte „Vertreter der kleinen Leute“: „1.600 Euro für zwölf Leut’.“

Es entspinnt sich ein lebhaftes Gespräch. Heinz-Christian Strache ist eindeutig der Herr im Ring, er beherrscht den Abend, erklärt den Anwesenden die Welt und prahlt mit seinen Kontakten in aller Welt.

Bald ist von Parteispenden die Rede. Strache erzählt von „einflussreichen Spendern“, die Sebastian Kurz hat. Die hätten bereits „über 20 Millionen“ für dessen Wahlkampf „in den Topf geworfen“. „Die umgehen das mit Vereinen“, sagt Gudenus auf den Einwand, dass es doch ein Wahlkampfkostenlimit geben würde. Strache erntet Lacher mit dem Hinweis, es würde sich in jedem Fall auszahlen: „Diese Spender würden 20 Millionen zahlen, es irgendwann dem Rechnungshof melden und dann 600.000 Eu­ro zahlen.“ „It’s crazy“, lacht Strache.

So ein Wahlkampf sei halt kostspielig. Die FPÖ werde einen israelischen Wahlkampfberater engagieren, der zuletzt die Brexit-Kampagne betreut hätte: „Der ist wirklich gut, wenn auch sehr teuer.“ Dieser Berater könne den anderen guten israelischen Spin-Doctor, der für die Konkurrenz arbeitet, „ein bissel neutralisieren“.

„You are from Russia?“ Strache spricht über seine eigene wichtige Rolle in der Partei – und wird dabei fast prophetisch: „Du kannst davon ausgehen: Solange ich nicht tot bin, habe ich die nächsten 20 Jahre noch das Sagen – in welcher Position auch immer.“

Mittlerweile hat man die Terrasse gewechselt und nimmt das Abendessen ein. „You are from Russia?“, fragt Strache die Oligarchennichte. Er hätte großartige Beziehungen zu Russland, sei schon oft da gewesen: „Ich habe jede Menge russischer Freunde, alles gute Typen, die haben ja Kohle ohne Ende.“ Strache betont aber, kein Geld aus Russland zu bekommen. Russland würde Europa guttun: „Wir haben die Dekadenz im Westen, im Osten sind sie normal“, sagt er.

Wie bei Orbán. Wie Ungarns Ministerpräsident Viktor ­Orbán, zu dem Strache ein großartiges Verhältnis hätte: „Wenn ich was brauch’, dann kann ich einfach anrufen. Da hebt er ab.“ Und Gudenus ergänzt: „Inoffiziell ist er mit uns sehr gut, weil er die Politik macht, die wir gut finden.“ Dann sagt Strache den berühmten Satz: „Wir wollen eine Medienlandschaft ähnlich wie der Orbán aufbauen.“ Ein wenig später wird er genau erklären, wie er sich das vorstellt.

Ungeduldige Russin: "Wir haben nicht viel Zeit"

„Seltsame Lesbe.“ Noch geht’s um den Osten. Strache preist seine hervorragenden Kontakte zu Serbien, wie zu Präsident Aleksandar Vučić: „Der empfängt uns permanent.“ Nur die momentane Premierministerin Ana Brnabić finden Strache und Gudenus seltsam. „Die ist doch Lesbe.“ „Die ist auf Druck der EU installiert worden“, sagt Gudenus. „Typisch“, meint Strache.

Die russische Nichte wird ungeduldig. Sie beginnt, sich zu langweilen. „Können wir beginnen, offen zu sprechen“, fragt sie, „wir haben nicht so viel Zeit.“

Der Begleiter meint, es wäre dazu besser, ins Haus zu gehen. Da draußen könne ja doch jeder mithören.

„Krone wär’ interessant.“

Im Wohnzimmer kommt man dann wirklich zur Sache. Die beiden Autoren schildern, wie Strache selbst das Gespäch auf die Krone bringt. „Wenn die Russin ihn mit der Kronen-Zeitung vor der Wahl unterstütze, würde er dafür sorgen, dass eine andere Firma keine Staatsaufträge mehr bekomme. Die Autoren: „Das ist ja ein starkes Stück. Allein dieser Satz müsste eigentlich für jeden Politiker in einem demokratischen Rechtsstaat das Ende der politischen Karriere bedeuten.“

Obermaier und Obermayer erkennen, wie brisant das Material ist, das sie vorgesetzt bekommen.

Das mit der Krone ist Gudenus’ Idee, die er mit der Russin bereits vorbesprochen hat. „Wie wir uns das erste Mal getroffen haben und ich gemerkt hab’, dass sie Interesse hat, in Österreich zu investieren, hab’ ich gesagt: „Die Kronen-Zeitung wär’ interessant.“

Gudenus’ Plan: Aljona Makarowa soll die Hälfte der Krone kaufen, und die Zeitung soll bis zur Wahl im Oktober das blaue Sprachrohr werden. Strache findet das gut: „Du kriegst mit der Zeitung jeden Einfluss. Du hast die Waffe in der Hand, dass alle dich schalten und walten lassen.“

Keiner darf’s wissen, auch nicht die Frauen

Gudenus erklärt Strache, dass er der Witwe erklärt hatte, ihr beim Kauf der WAZ-Anteile helfen zu können: „Daran arbeiten Freunde von uns.“ Nun sei Makarowa aber selbst aktiv geworden und hätte einen Kontakt zur Familie Dichand hergestellt – zu zwei der vier Familienmitglieder, die je 12,5 Prozent der Anteile halten –, 25 Prozent wären also bereits in Reichweite.

Hocherfreut sagt Gudenus zu Strache „Sie meint, es wird real.“

Verkündet soll der Deal allerdings erst nach der Wahl werden, erklärt der Begleiter der Russin. Der FPÖ-Chef zeigt sich beeindruckt: „Hätt’ ich nicht erwartet.“

Strengste Diskretion wird vereinbart. Keiner darf davon wissen: „Weder Freunde noch Partei noch Frauen.“

Blaue träumen, die "Krone" auf Linie zu bringen

240 Millionen. Strache ist, angestachelt von Gudenus, mehr als interessiert. „Joschi“ sagt: „Das sind Ereignisse, die in den nächsten Wochen stattfinden, die sie beeinflussen kann.“ Rund 240 Millionen, so schätzt Strache, werde die Russin schon lockermachen müssen. Gudenus ist sicher, dass es klappt: „Sie lässt Leute daran arbeiten. Sie ist vorbereitet, sie kann’s zahlen, sie will’s zahlen.“

Strache will von Gudenus wissen: „Ist sie diejenige, die’s kaufen wird, oder eine Gruppe von Leuten?“ Der Begleiter erklärt, ein Medienberater sei eingebunden, aber man müsse sehr vorsichtig sein.

Auf Blau getrimmt

Strache ist interessiert, fragt nach: Er bekommt zwar von der Russin eher ausweichende Antworten, die beiden FPÖ-Politiker sind aber trotzdem nicht zu ­halten. Sie träumen davon, die Krone auf FPÖ-Linie zu trimmen.

Auch Funke-Anteile

Und Strache hat eine Idee, er bringt den Unternehmer Heinrich Pecina ins Spiel, der habe schon den ungarischen Medienmarkt „aufbereitet“. Er soll also beim Krone-Deal helfen. „Wir haben da einen sehr, sehr engen freundschaftlichen Zugang“, sagt Strache. Über Pecina könne man auch 
an die Anteile der Funke-Gruppe, der früheren WAZ, kommen. „Dann hast du alles“, gibt sich Strache euphorisch.

Welche Leistung hat die Russin zu erwarten?

„What do you want?“ Selbst im Eifer des Gefechts schwant den beiden Blauen, dass die Oligarchennichte nicht selbstlos handeln dürfte: „Sie macht das nicht aus Nächstenliebe zu uns“, ist sich Dolmetsch Gudenus klar, „sie fragt, was ist da für sie möglich.“ „What do you want“, fragt er Makarowa.

An dieser Stelle klinkt sich die Russin aus – ihr ­Begleiter übernimmt und bringt staatliche Aufträge ins Spiel. Seine Vorschläge: Die FPÖ könnte doch, wenn einmal an der Macht, „staatliche Aufträge zum Überpreis“ vergeben, auch die Privatisierung der staatlichen Kunstsammlungen wäre eine Idee.

„Wasser kaufen?“

An dieser Stelle werden die beiden Freiheitlichen vorsichtig. Alles müsse legal ablaufen, betonen sie. Auch als der Begleiter der Russin eine Beteiligung am österreichischen Wasser ins Spiel bringt, lehnt Strache erst bestimmt ab: „Eine Privatisierung des Wassers ist undenkbar.“ In dieser Frage wären die Österreicher ­„allergisch“. Dann denkt er aber weiter: Vielleicht könnte es doch eine Möglichkeit geben: „Wo wir das Wasser verkaufen, wo der Staat eine Einnahme hat und derjenige, der das betreibt, ebenso. Man muss sich dann nur um die Prozente streiten.“

35 Millionen Gewinn

Immer wieder kommt Strache auf die Kronen-Zeitung zu sprechen. Schließlich würde das Blatt ebenfalls viel Ertrag bringen: „Du bringst die Hütte von 15 Millionen auf 35 Millionen Jahresgewinn.“ Außerdem wäre die Oligarchennichte dann die schönste Medieneigentümerin Österreichs. „Und die machen dann alle bei ihr: So …“ Strache imitiert mit den Händen einen Hund, der Männchen macht.

Redaktion auf Linie

Der FPÖ-Chef zerteilt das Fell des Bären, bevor er erlegt ist, und erklärt der Russin, wie sie mit der Redaktion der Zeitung zu verfahren hat. Man müsse die Redakteure in Ampelfarben einteilen: Grün sind jene, die auf Linie sind, Orange diejenigen, die noch auf Linie zu bringen sind. Und Rot sind jene, die aufs Abstellgleis gehören.

Journalisten sind Huren

Das alles sei nicht allzu schwierig. Strache breitet seine Erfahrung mit den Medien aus: „Journalisten sind ja sowieso die größten Huren auf dem Planeten. Sobald sie wissen, wohin welche Reise geht, funktionieren sie so oder so.“

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