"Österreichs Anti-Atom-Politik ist Heuchelei"

ÖSTERREICH-Doppelinterview

"Österreichs Anti-Atom-Politik ist Heuchelei"

Im Interview: Ex-Grünen-Chefin Meissner-Blau, Nachfolgerin Glawischnig.

ÖSTERREICH: Frau Meissner-Blau, wie geht es Ihnen nach Fukushima?
Freda Meissner-Blau: Mittelprächtig. Ich hatte eine Hüftoperation und muss jetzt noch fünf Wochen auf Krücken gehen. Noch im Spital habe ich vom Reaktorunglück in Fukushima gehört. Ich wusste nicht, wie bitter es sein kann, recht zu behalten. Gleichzeitig war ich froh wie nie, dass wir das AKW Zwentendorf in Österreich verhindert haben.
Eva Glawischnig: Ich habe sofort an die betroffenen Kinder gedacht. Ich sehe die Gefahr, dass die Konsequenzen nicht gezogen werden. Dabei ist es gar kein Problem, jetzt in Deutschland sieben AKWs sofort vom Netz zu nehmen. RWE hat die Stirn, dagegen zu klagen. Bei der Laufzeitverlängerung ging es nur um Profite. Unterm Strich hätte das 100 Milliarden Euro für die Energiekonzerne gebracht.
Meissner-Blau: Wolfgang Schüssel von der ÖVP wird die Klage als RWE-Aufsichtsrat vermutlich unterstützen.
Glawischnig: Dafür bekommt er ja auch 200.0000 bis 300.0000 Euro im Jahr.

ÖSTERREICH: Und ÖVP-Umweltminister Berlakovich?
Glawischnig: Sorgen bereitet mir, dass er sich für einen Stresstest starkmacht: Mit weichen Kriterien und unverbindlich nützt das nur der Atomlobby. Dass dabei die Erdbebensicherheit überprüft werden soll, ist der größte Witz! Das weiß man vorher. Jedes Chemiewerk muss das vor einer Baugenehmigung ausweisen.
Meissner-Blau: Wir wissen schon längst, dass Krško auf einer Erdbebenlinie steht.
Glawischnig: Österreichs Anti-Atom-Politik ist eine einzige Heuchelei! Nur zwei Tage vor Fukushima hat ÖVP-Wissenschaftsministerin Beatrix Karl Zustimmung für 2,5 Milliarden Euro für das EURATOM-Forschungsprogramm signalisiert: Erforschung von Fusionsreaktoren, „Sicherheit“, Entsorgung – alles, damit diese Industrie weitertun kann.
Meissner-Blau: Dabei würde ein Veto alles blockieren.
Glawischnig: Die Regierung hat behauptet, wir hätten Einfluss durch EURATOM. Aber Österreich hat noch nie dagegen gestimmt. Im Parlamentsausschuss beschwichtigt die ÖVP: Ist ja alles nicht so schlimm.

ÖSTERREICH: War Tschernobyl nicht wirklich schlimmer?
Meissner-Blau: Fukushima ist ein moderneres AKW. Deswegen ist es ja so erschütternd, dass sie dem Unfall nicht Herr werden können.
Glawischnig: Japans Infrastruktur ist zerstört. Ganze Städte existieren nicht mehr, und man sagt den Leuten: Bleibt daheim und schließt die Fenster! Bei einer Kernschmelze wird massiv Radioaktivität freigesetzt. Japan ist extrem dicht besiedelt. Tokio – nicht evakuierbar. Auch wenn die Wolke übers Meer geweht wird, das verschwindet ja nicht einfach.
Meissner-Blau: Mir kommt Japan vor wie ein Gefängnis.

ÖSTERREICH: Wusste man es nicht besser?
Glawischnig: Der Sicherheitszielwert der Internationalen Atomenergiebehörde IAEO beträgt zehn hoch minus vier Unfälle pro Anlagenbetriebsjahr. Das heißt: Alle 23 Jahre ein Unfall mit Kernschmelze. Heißt: Die IAEO kalkuliert alle 25 Jahre Tschernobyl oder Fukushima ein.

ÖSTERREICH: Entmutigt?
Glawischnig: Nein. Freda hat noch in ganz anderen Zeiten gekämpft. Jetzt diskutieren wir die Energiewende. Die aufblühende Technologie bei alternativen Energien schafft Jobs, die mittlerweile an die Autoindustrie heranreichen. Wir haben jetzt eine riesige Chance.

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