US-Entführungsopfer mit Familien vereint

Drei Frauen

US-Entführungsopfer mit Familien vereint

Mutmaßlicher Täter erstmals vor Gericht - 8 Millionen Dollar Kaution.

Die jungen Entführungsopfer von Cleveland feiern ihre Freiheit, ihr mutmaßlicher Kidnapper hingegen muss sich auf ein Leben hinter Gittern gefasst machen. Ariel Castro wirkte bei seinem ersten Auftritt vor Gericht am Donnerstag apathisch und müde. Kein einziges Mal hob er den Blick, als Staatsanwalt Brian Murphy ihn als verkommen, selbstsüchtig und brutal charakterisierte. Im zerschlissenen dunkelblauen Gefängnisanzug, unrasiert und ungepflegt, machte der 52-Jährige den Eindruck eines Verurteilten - noch bevor der Prozess beginnt. Die Richterin stellte ihn wegen Suizidgefahr unter intensive Beobachtung.

Am Tag zuvor gab es Jubelbilder, als Amanda Berry und Gina DeJesus, zwei der drei entführten Frauen, nach einer Dekade des Horrors endlich wieder nach Hause kamen. Ihre Familien hatten die Hoffnung nie aufgegeben. Das Zimmer von Berry sah aus wie immer, auch Jahre nachdem das damals 16-jährige Mädchen 2003 in Cleveland verschwunden war. Ihre Post und Zeitschriften habe ihre Mutter im Kinderzimmer gestapelt, berichteten Medien unter Berufung auf Berrys Tante Tina Miller. Geschenke für Geburtstage und Weihnachten, an denen die Vermisste fehlte, lagen daneben.

Das Gericht setzte die Kaution gegen den Arbeitslosen auf acht Millionen Dollar (sechs Millionen Euro) fest. Die Opfer hätten sein Haus in all der Zeit nur zweimal für wenige Minuten verlassen dürfen, aber nur bis zur Garage, heißt es in der Anklageschrift. Staatsanwalt Brian Murphy beschrieb die jahrelange Gefangenschaft als "schreckliches Martyrium" für die Frauen. Castros Handlungen seien "vorsätzlich" und "verkommen" gewesen. Er habe die drei jungen Frauen aus rücksichtlosem Eigennutz eingesperrt, vergewaltigt, verprügelt, hungern lassen und gefesselt. Richterin Lauren Moore verbat ihm ausdrücklich jeglichen weiteren Kontakt mit den Opfern.

Castro wird sich zumindest nach bisherigem Ermittlungsstand keine Hoffnung machen können, jemals wieder auf freien Fuß zu kommen. Entführung in vier Fällen, Vergewaltigung in drei Fällen, lautet die Anklage. Und die könne sich noch deutlich erweitern, machte die Staatsanwaltschaft klar. Je nachdem, welche Grausamkeiten noch ans Tageslicht kämen, denn die Untersuchung der Vorgänge in dem "Horrorhaus" von Cleveland während der vergangenen etwa zehn Jahre stehe noch am Anfang.

Zuvor waren auch seine beiden ebenfalls festgenommenen Brüder vor Gericht erschienen, allerdings wegen anderer Vergehen von geringem Ausmaß. In dem Entführungsfall sind sie nach Erkenntnissen der Ermittler nicht verwickelt, zumindest gebe es dafür bisher keinerlei Beweise. Daher setzte sie die Richterin auf freien Fuß.

Berrys sechsjährige Tochter Jocelyn sei während der Gefangenschaft in einem aufblasbaren Kinderplanschbecken zur Welt gekommen. Wie CNN am Donnerstag berichtete, hatte Castro Knight gezwungen, bei der Entbindung zu helfen, als bei Berry die Wehen einsetzten. Als die Atmung des Neugeborenen aussetzte, habe der Mann gebrüllt: "Wenn das Baby stirbt, werde ich euch umbringen." Ein Vaterschaftstest soll nun klären, ob er das Kind zeugte.

Die Ermittler gingen nicht von weiteren Opfern aus. Die Untersuchungen seien aber längst nicht abgeschlossen, teilten Behördenvertreter mit. So müsse noch geklärt werden, wie oft die festgehaltenen Frauen schwanger gewesen sein könnten und warum es zu den vermuteten Fehlgeburten kam.

Im Fall von Berry war ein Anruf, dass jemand sie von ihrem Job bei einem Fast-Food-Restaurant nach Hause bringen würde, das Letzte, was ihre Familie von ihr hörte. Dann kein Wort, kein Lebenszeichen mehr. Das jahrelange Hoffen und Bangen begann. Berrys Mutter starb über dem Kummer 2006.

Ein Jahrzehnt nach der Entführung, das Berry mit Gina DeJesus und Michelle Knight eingesperrt nur wenige Kilometer entfernt von ihrem Zuhause verbrachte, fand das Martyrium ein Ende: "Hallo Papa, ich lebe", sagte Berry nach ihrer Befreiung am Montag (Ortszeit) am Telefon zu ihrem Vater. "Sie hat dann gesagt "Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich" und dann haben wir beide angefangen zu weinen", sagte der inzwischen in Tennessee lebende Johnny Berry.

Die Familie habe vor Freude geweint, als die Nachricht kam, erzählte DeJesus' Bruder Ricardo. "Ich bin so froh, dass ich sie wiedersehen konnte. Es waren neun lange Jahre. Ich bin einfach so froh, dass ich sie sehen und umarmen und sagen konnte 'Ja, du bist endlich wieder zu Hause'". Es gehe DeJesus den Umständen entsprechend gut, sagte ihre Schwester Mayra. Und ihre Tante ergänzte: "Diese Mädchen sind so stark. Was wir in zehn Jahren gemacht haben ist nichts im Vergleich zu dem, was sie in der Zeit gemacht haben, um zu überleben."

In der langen Phase des Wartens waren die drei Frauen eigentlich ganz nah: Von der Lorain Avenue, in der laut CNN alle drei wohnten, bis zum "Horrorhaus" in der Seymour Avenue sind es mit dem Auto nur wenige Minuten. DeJesus' Onkel Tito spielte sogar in mehreren Bands mit dem Hauptverdächtigen Castro und besuchte ihn zu Hause. "Ich hatte überhaupt keine Ahnung", sagte er. Das Haus sei immer abgeschlossen gewesen, sagte Castros Sohn Anthony, der nach eigenen Angaben schon vor längerer Zeit zu Hause auszog und nur noch wenig Kontakt zu seinem Vater hat. "Es gab Orte, an die wir nie gehen durften. Der Keller war verschlossen, der Dachboden, die Garage."

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