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Johannes Mario Simmel im Porträt

Kindheit in Wien

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Johannes Mario Simmel im Porträt

Kritiker reihten seine Arbeiten gerne in die Kategorie "gehobene Trivialliteratur" ein. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" verglich ihn sogar mit der deutschen "Bild"-Zeitung: Er erzähle uralte Märchen, neu verpackt. Doch den Vorwurf, Klischees wiederzuverwerten, ließ der aus Wien stammende gesellschaftskritische Bestseller-Autor Johannes Mario Simmel, der jahrzehntelang in der Schweiz lebte, selbst nie gelten.

Als "faction" bezeichnete Simmel selbst seine Romane: eine Mischung aus Fakten (facts) und Fiktion (fiction). Mit diesen Ingredienzen traf der Autor jahrzehntelang höchst erfolgreich den Publikumsgeschmack, mehr als 73 Millionen Exemplare seiner Bücher wurden in 35 Ländern verkauft.

Auch außerhalb der Literatur-Gefilde trat Simmel immer öffentlich für seine politischen Überzeugungen ein. Über Neonazis schrieb er: "Einst hatten die Hauptvertreter dieser 'Herrenrasse' Klumpfüße (Goebbels) oder waren fette Morphinisten (Göring). Jetzt sind es drüsengestörte Knaben, die ihre Ängste vor Mädchen überkompensieren." 1996 wurde der Schriftsteller vom Vorwurf der üblen Nachrede gegen den damaligen FPÖ-Chef Jörg Haider freigesprochen. 2004 sprach er sich gegen die blau-rote Koalition in Kärnten aus und vollzog nach Jahren der Unterstützung der sozialdemokratischen Bewegungen in Österreich und Deutschland den Bruch mit diesen.

Kindheit in Wien und England
Die Kindheit verbrachte der am 7. April 1924 geborene Simmel in Wien und England. Seine Eltern stammten aus Hamburg, der Vater war Chemiker, die Mutter Lektorin in einem Filmverlag. Viele Verwandte aus der jüdischen Familie seines Vaters wurden in der Nazi-Zeit umgebracht, der Vater des Schriftstellers überlebte in Großbritannien. Simmel legte bereits als 17-jähriger seinen ersten Novellenband "Begegnung im Nebel" vor, der 1947 im Zsolnay Verlag herauskam. Nach einer Ausbildung zum Chemiker war er nach dem Zweiten Weltkrieg als Dolmetscher der US-Militärregierung in Wien tätig. 1948 fing Simmel bei der "Welt am Abend" an und zählte zu Österreichs jüngsten Kulturredakteuren. Willi Forst entdeckte ihn als Drehbuchautor für den Film.

"Quick-Reporter"
1950 übersiedelte Simmel nach Deutschland und reiste als Reporter für die Zeitschrift "Quick" durch die Welt. Unter sieben Pseudonymen, u.a. Robert Faber, Justus Spitzweg und Pinguin, wurde er zum Vielschreiber, dessen Reportagen und später auch Romane sich durch gewissenhafte Recherche auszeichneten. Simmel galt damals als bestbezahlter Illustrierten-Autor. In den Jahren 1950 bis 1962 schrieb er nach eigenen und fremden Stoffen die Drehbücher zu insgesamt 36 Filmen, darunter "Stefanie", "Es geschehen noch Wunder", "Tagebuch einer Verliebten", "Hotel Adlon" und "Robinson soll nicht sterben".

Der "Sündenfall des Erfolgs" (Frankfurter Allgemeine Zeitung) geschah 1960: Simmel veröffentlichte "Es muß nicht immer Kaviar sein". Der internationale Bestseller wurde mit O.W. Fischer verfilmt und auch als Fernsehserie aufbereitet. Im selben Jahr eroberte sein Theaterstück "Der Schulfreund" die großen in- und ausländischen Bühnen, das Drama wurde mit Heinz Rühmann verfilmt.

Erfolg ohne Ende
Seit dem Durchbruch riss die Erfolgsserie Simmels nicht mehr ab. 1962 folgte "Bis zur bitteren Neige" über Alkoholismus, ein Problem, von dem der Autor selbst betroffen war. "Liebe ist nur ein Wort" zeigt die schäbige Welt der Reichen und erzählt von einer Liebe, die zum Untergang verurteilt ist. Mit "Und Jimmy ging zum Regenbogen" und "Der Stoff, aus dem die Träume sind" landete Simmel im Herbst 1971 gleich mit zwei Büchern an der Spitze der deutschen Bestseller-Listen.

"Hurra, wir leben noch", ein Roman aus dem Nachkriegsdeutschland mit zahlreichen autobiografischen Einschüben, wurde 1983 von Peter Zadek unter dem Titel "Die wilden Fünfziger" verfilmt. In den achtziger und neunziger Jahren beschäftigte sich Simmel in "Doch mit den Clowns kamen die Tränen" und "Im Frühling singt zum letzten Mal die Lerche" mit Umwelt-Problemen.

Lorbeeren an US-Uni
Inzwischen gelang es dem Autor, auch die "hehren Hallen" der Wissenschaft zu erobern: An der Boston University gibt es eine "Johannes-Mario-Simmel-Collection", die Bücher und Briefe des Schriftstellers Germanistik-Studenten zugänglich macht. Seine Arbeits-Motivation beschrieb Simmel selbst einmal folgendermaßen: "Ich werde weiter schreiben, um das Armageddon zu vermeiden, es könnte ja ein Wunder geschehen. Und wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist."

Im November 2004 überreichte Bundespräsident Heinz Fischer dem Schriftsteller im Rahmen einer Feierstunde in St. Gallen das Große Silberne Ehrenzeichen der Republik Österreich. Er habe Simmel "immer wegen seiner Haltung, seiner Gesinnung und seiner klaren Worte" geschätzt, sagte das österreichische Staatsoberhaupt damals. Im März 2005 wurde der Autor mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

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