TV-Auftritt im ORF

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Natascha Kampusch: Das Interview

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Der Fall Natascha Kampusch kommt nicht zur Ruhe. Gab es einen zweiten Täter? Wird das FBI für neue Ermittlungen hinzugezogen? Nun äußerte sich auch Natascha zur neuen Diskussion: „Es ist eine enorme psychische Belastung“, sagt sie im ORF. „Es ist verletzend, schwierig, weil man gegen gewisse Vorhaltungen nicht argumentieren kann, es bestimmten Leuten egal ist.“ Lesen Sie hier das gesamte Interview nach!

Christoph Feurstein: Wieder sind die Medien voll mit Ihrem Fall, wieder einmal wird die Einzeltätertheorie in Frage gezogen und es wird immer so transportiert, als hätten Sie nie die ganze Wahrheit erzählt. Wie gehen Sie damit um?
Natascha Kampusch: Es ist sehr schwer für mich, damit umzugehen. Es ist eine enorme psychische Belastung, es verletzt. Es ist schwierig, weil man gegen solche Vorhaltungen ja nicht argumentieren kann, denn es ist den Leuten egal.

Christoph Feurstein: Jetzt ist ein Polizist und FPÖ-Politiker vergangene Woche in eine Schule eingedrungen, um an DNA-Material eines achtjährigen Mädchens heranzukommen, und bei diesem Mädchen soll es sich um Ihre gemeinsame Tochter mit Wolfgang Priklopil handeln, die jetzt von der Schwester von Priklopils bestem Freund großgezogen wird. Wie geht es Ihnen, wenn Sie so etwas hören?
Natascha Kampusch: Ich denke, wie viele Leute, da kann man sich nur an den Kopf greifen. Im Grunde genommen ist es empörend, im Grunde ist es eigentlich unglaublich. Man kann nicht viel darauf sagen - es fehlen einem die Worte.

Christoph Feurstein: Waren Sie in Ihrer Gefangenschaft jemals schwanger?
Natascha Kampusch: Nein.

Christoph Feurstein: Als Beweis für eine Schwangerschaft wird immer wieder angegeben, Sie hätten bei einer ersten Einvernahme gefragt, ob es nachzuweisen sei, dass Sie jemals schwanger waren. Warum haben Sie diese Frage gestellt?
Natascha Kampusch: Dazu muss man sagen, dass ich diese Frage so nie gestellt habe. Es stimmt aber, dass ich mich erkundigt habe, weil ich mich für das Thema Biologie und auch den menschlichen Organismus interessiere. Ich interessiere mich für sehr viele Dinge und deswegen frage ich auch nach, aber das hat nichts mit mir zu tun.

Christoph Feurstein: Als weiterer Beweis wird herangezogen, dass man in Ihrem Verlies Bücher über Schwangerschaft gefunden habe. Warum diese Bücher?
Natascha Kampusch: Das ist auch wieder etwas, was nicht ganz korrekt ist. Ich hab vom Entführer Lesestoff bekommen - natürlich da waren Anatomiebücher dabei, aber gleichzeitig waren da auch alte Sachen von irgendwem. Am Dachboden hatte er Lesematerial von irgendwelchen Leuten, und da war so ein kleines Heftchen, wie man einen Säugling pflegt, drinnen. Das habe ich gelesen, ja.

Christoph Feurstein: Noch ein Beweis wird dafür herangezogen, dass Sie angeblich schwanger gewesen sein sollen, und zwar hat man im Verlies eine Haarlocke gefunden. Was hat es mit dieser Haarlocke auf sich?
Natascha Kampusch: Diese Haarlocke stammt von meinem Haar. Die habe ich mir aufgehoben, weil er mir ja meine ganzen Kopfhaare abrasiert hatte und ich lange eine Glatze hatte, damit ich oben im Haus für ihn arbeiten konnte und man keine Haare finden konnte.

Christoph Feurstein: Als Beweis für Ihre Anwesenheit?
Natascha Kampusch: Mmmhmmm ... (zustimmend)

Christoph Feurstein: Man wirft Ihnen quasi vor, dass Sie einen Pädophilenring decken.
Natascha Kampusch: Alle wissen, was mir passiert ist, dass ich achteinhalb Jahre gefangen war. Ich hab gesagt, was ich sagen konnte, was ich wusste. Ich würde so was nie tun. Ich würde nie verhindern, dass solche Verbrecher zur Rechenschaft gezogen werden, und würde alles daransetzen, dass das anderen Leuten nicht passiert.

Christoph Feurstein: Ständig wird von Medien und der sogenannten Evaluierungskommission gefordert, Sie sollen endlich die ganze Wahrheit sagen. Haben Sie eine Idee, was für eine "Wahrheit" die damit meinen könnten?
Natascha Kampusch: Ich nehme an, da diese Menschen sehr misstrauisch sind, brauchen sie etwas, was ihnen selbst realistischer vorkommt. Sie wollen das, was bei den Einvernahmen mit der Polizei rausgekommen ist, und das, was ich erzählt, was ich gesagt habe, nicht glauben, weil sie es einfach nicht können aus irgendeinem Grund, und das tut mir auch leid, aber ich kann nur das sagen, so wie ich es erlebt habe und alles andere - dafür zeichne ich nicht verantwortlich.

Christoph Feurstein: Es wird Ihnen vorgeworfen, Sie sparen da aber so viel aus, vor allem wenn es um intime Details geht.
Natascha Kampusch: Ja, aber sehen Sie es doch so: Jeder hat ein Anrecht auf Privatsphäre und ich muss nicht alles erzählen. Gewisse Dinge sind sehr persönlich und haben auch nicht wirklich etwas mit diesem Verbrechen zu tun und warum soll ich dann demütigende Sachen preisgeben?

Christoph Feurstein: Es ist Ihnen von diesen Herren indirekt auch immer wieder unterstellt worden, dass Sie eine Liebesbeziehung mit Wolfgang Priklopil gehabt hätten. Was sagen Sie dazu?
Natascha Kampusch: Es ist eigentlich völlig absurd und bei der Vorstellung, dass es solche Menschen gibt, die solche Fantasien haben, da wird mir so richtig schlecht. Wissen Sie, was ich meine, das ist einfach demütigend und beleidigend für mich.

Christoph Feurstein: Ludwig Adamovich hat ja auch gesagt, dass Sie es in Gefangenschaft schöner gehabt haben als früher in Ihrer Kindheit bei ihren Eltern.
Natascha Kampusch: Es kann einfach in Unfreiheit nicht schön sein, und selbst wenn da alles aus Gold wäre und wenn es Bonbons geregnet hätte, wäre es einfach ein Gefängnis. Und Freiheitsberaubung ist ein schweres Verbrechen und wie soll sich ein Opfer von so schweren Verbrechen wohlfühlen? Das kann mir niemand weismachen.

Christoph Feurstein: Sie haben ja von Anfang an ausgesagt, dass Priklopil bei der Entführung und in der ersten Zeit danach von Männern, die Sie holen kommen, gesprochen hat. Wie haben Sie damals seine Aussagen gedeutet?
Natascha Kampusch: Ich war mir sehr unsicher, ob das stimmt, oder ob er das nur macht, um mich zu verunsichern und mir Angst zu machen. Ich hab mir gedacht, möglich wär's, aber das war für mich in dieser Situation nicht so von Bedeutung, da ich in diesem kleinen Verlies eingesperrt war und ja ...

Christoph Feurstein: Sie haben auf jeden Fall nie Mittäter gesehen, weder im Verlies noch im Haus, noch bei Ausflügen oder in der Freiheit?
Natascha Kampusch: Genau, es war so, dass mich dieses Thema Mittäter so, ich hatte natürlich manchmal Angst, dass es vielleicht wirklich so sein könnte, und dass auf einmal, wenn ich höre, dass da etwas geöffnet wird und ich sehe, dass da eine andere Person vor mir steht, aber das war Gott sei Dank nie so.

Christoph Feurstein: Glauben Sie, dass er das gesagt hat, um auch als Beschützer Ihnen gegenüber aufzutreten?
Natascha Kampusch: Also manchmal hab ich schon den Verdacht, dass er als derjenige, bei dem mir nichts passiert, so hat er das auch mal formuliert, dasteht.

Christoph Feurstein:
Priklopils bester Freund Ernst H. wird immer als Mittäter angeführt und es heißt ja, den sollen Sie schützen. Als Beweis dafür wird herangezogen, dass Sie nach der Gefangenschaft, nach Ihrer Flucht immer wieder lange mit ihm telefoniert hätten. Warum haben Sie mit Ernst H. telefoniert?
Natascha Kampusch: Ich hab mir, nachdem ich frei war, hab ich mich sehr gefreut, dass ich jetzt endlich in Freiheit war. Hab versucht, alle möglichen Leute anzurufen, eben Menschen aus meiner Kindheit und so weiter und so fort. Gleichzeitig hat mich natürlich die Frage nicht losgelassen, was ist in den letzten paar Minuten vor dem Tod vom Täter passiert? Und welchen Eindruck hatten eigentlich außenstehende Menschen, die den Täter kannten, von ihm? Das war der Beweggrund, die Telefonnummer von ihm herauszufinden und ihn zu kontaktieren, um ihn zu fragen, wie er das empfunden hat, ob ihm etwas aufgefallen ist und ob er vielleicht schon länger davon Bescheid wusste und nichts ausgesagt hat zu dem Thema. Ich wollte, falls er irgendwie doch eine Art Mittäter gewesen wäre, vielleicht auch zur Überführung beitragen.

Christoph Feurstein: Was war das Ergebnis dieser Telefongespräche?
Natascha Kampusch: Das Ergebnis war, das alles, was mir der Freund erzählt, sowieso mir schon der Täter erzählt hat, über die Freundschaft. Das hat sich irgendwie alles bestätigt ... mit dem kleinen Unterschied, dass Ernst H. den Täter etwas dümmer dargestellt hat, als er mir erschien. Ich kann mich noch erinnern, dass der Täter den Herrn H. als etwas beschränkt darstellte in den Erzählungen.

Christoph Feurstein: Die einzige Aussage, die die Mehrtätertheorie stützt, ist die Aussage eines damals zwölfjährigen Mädchens, das die Entführung beobachtet hat und dabei angeblich zwei Männer gesehen hat. Was sagen Sie zu dieser Aussage?
Natascha Kampusch: Ich habe immer nur einen Täter gesehen bei der Entführung und es kann schon möglich sein, dass sich dieses Mädchen in diesem massiven Schockzustand, in dieser Situation geirrt hat, dass sie sich etwas eingebildet hat, was gar nicht da gewesen ist. Ich habe ja dann nochmal mit ihr gesprochen und sie wirkt immer noch sehr geschockt. Sie ist immer noch traumatisiert von dem, was damals passiert ist.

Christoph Feurstein:
Im Zuge dieses Unterausschusses sind Details dieses Aktes ausländischen Medien zugespielt worden. Täglich sind wieder uralte Vorwürfe, Halbwahrheiten, Spekulationen in den Medien. Wie beeinflusst Sie das?
Natascha Kampusch: Es gab sogar schon einmal einen Fall, da wollte ich eines Vormittags aus dem Haus gehen und direkt vor der Haustür ist mir eine Frau mit einer Zeitung entgegengekommen und die hat mich auf das Unmöglichste beschimpft und mir Vorwürfe gemacht, welch ein schlechter Mensch ich doch sei und wie verlogen ich sei, und das war sehr schockierend und verletzend - und so was passiert häufig.

Christoph Feurstein: Wenn man das alles jetzt hört, wie die öffentliche Meinung umgeschlagen ist, teilweise gegen Sie. Bereuen Sie, dass Sie an die Öffentlichkeit gegangen sind mit Ihrem Fall?
Natascha Kampusch: Ganz einfache Antwort: nein. Ich hätte mich ja damals auch genauso gut meinem Schicksal ergeben können und weiterhin von meinem Entführer quälen lassen können, aber ich wollte frei sein, und Freiheit impliziert für mich auch die Freiheit, dort sein zu können, wo ich sein möchte, und warum soll ich mich verstecken? Warum soll ich eine andere Identität annehmen, ich wollte damals auch genau das verhindern, genau das, was jetzt eingetreten ist verhindern, dass die Leute einfach ihre Sache daraus machen, dass das abtut und verfälscht.

Christoph Feurstein: Was sagen Sie zu dem Vorwurf, dass Sie sich atypisch für ein Opfer verhalten?
Natascha Kampusch: Es kann niemand einem Opfer vorschreiben, es gibt kein exemplarisches Opfer. Man kann keinem Opfer vorschreiben, wie es sich verhalten soll. Und ich werde ja permanent von diesen Leuten zum Opfer gemacht bzw. ich werde Opfer dieser Leute. Es ist auch so, das verletzt- verwundetete Tiere jetzt auch nicht, wenn sie rausgehen, um zu jagen, sich als Opfer geben. Sondern erst, wenn sie wieder unbeobachtet in einem Gebüsch sind, dann fangen sie an, sich um ihre Wunden zu kümmern und nicht in der Öffentlichkeit. Es war mir immer wichtig, auch nicht zu weinen, um Mitleid zu heischen.

Christoph Feurstein: Wie geht's Ihnen, wenn Sie zu Hause sind - am Abend, allein nach so einem Tag?
Natascha Kampusch: Es ist sehr kräfteraubend. Ich bin sehr erschöpft und frage mich, wie lange ich noch die Kapazität habe, um das noch zu ertragen, und überlege mir schon, wie ich mir Erholungsphasen gönnen könnte. Weil mir wird ja auch der gesamte Alltag massivst erschwert, zu der Traumatisierung von dem, was mir passiert ist, kommt dann auch noch eine weitere Traumatisierung durch den Zeitraum seit meiner Selbstbefreiung.

Christoph Feurstein: Es bleibt ja bei diesen Sachen, dass die selbst ernannten Aufklärer erst Ruhe geben, wenn Sie über sexuelle Details aus Ihrer Gefangenschaft sprechen.
Natascha Kampusch: Ich denke darüber, dass das etwas damit zu tun hat, dass diese Menschen irgendetwas über irgendwelche sexuellen Details wissen wollen, und da bietet sich so ein Fall gerade zu an. Es macht einfach neugierig, was da wohl passiert ist, und es geht darum, nicht um Opferschutz oder dass man etwas aufklärt, und ich nehme an, sollten die wirklich auf den Missbrauch anspielen, ist das ja neben der Freiheitsberaubung, wenn man das jetzt das als akutes Problem betrachtet, jetzt das geringere, denn eine Freiheitsberaubung ist etwas enorm Schreckliches. Keiner ist gerne eingesperrt und das verstehen diese Menschen offensichtlich nicht und es ist indiskret und überhaupt nicht behutsam oder einfühlsam was da passiert.

Christoph Feurstein: Wollen Sie etwas sagen zu diesem Thema?
Natascha Kampusch: Ich kann nur sagen, dass mir da der Zugang zu meiner Sexualität auch sehr verwehrt wird, da ich immer achtgeben muss, was ich sage oder tue, weil ich immer befürchten muss, dass die Menschen dann Rückschlüsse daraus ziehen würden, also falsche halt.

Christoph Feurstein:
Es hält sich ja hartnäckig das Gerücht, dass Pornovideos von Ihnen existieren. Gibt es solche Videos?
Natascha Kampusch: Nein, hierbei handelt es sich natürlich nur um eine weitere Fantasie, die diese angesprochene Theorie untermauern soll - mit diesem Kinderpornoring und der SM-Szene und dem allen. Da gehört natürlich auch ein Film dazu - in der Fantasie.

Auf der nächsten Seite die Sendung im Live-Ticker!

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