11. März 2010 09:24
Gegen 21:30 Uhr blockierten am Donnerstagabend Demonstranten gegen die
Bologna-Konferenz an der Ecke Walfischgasse/Kärntnerstraße zwei
Shuttle-Busse. Die Polizei trug die Protestierenden weg bzw. drängte sie mit
einem Großaufgebot ab. Der für 21:30 Uhr geplante Beginn der
Jubiläums-Konferenz hat sich daraufhin verzögert. Mehrere Teilnehmer konnten
nicht rechtzeitig zum Veranstaltungsort in der Hofburg gebracht werden.
Zuvor hatten Demonstranten bei der Oper zwei Busse blockiert, die Polizei
hatte die Aktion nach kurzer Zeit allerdings aufgelöst.
Organisationsprobleme
Vor dem Burgtheater formierte sich vor den
Einsatzkräften eine Menschenkette mit Dutzenden Demonstranten.
Bei den versuchten Straßenblockaden anlässlich der Jubiläumskonferenz "Zehn
Jahre Bologna-Prozesse" dürfte es Probleme bei der Organisation gegeben
haben. "Die Organisatoren haben versagt", so eine an der Planung
beteiligte Studentin. Der Zug von rund 150 Menschen irrte mehrere Stunden
lang ziellos durch die Wiener Innenstadt. Ursprünglich hätte diese Gruppe
das Hotel blockieren sollen, in dem ein Großteil der Konferenzteilnehmer
untergebracht sein soll.
Die Demonstrantengruppe hatte kurzzeitig Sitzblockaden nahe des
Schwedenplatzes errichtet. Danach zogen sie wieder über den Ring in Richtung
des Hauptgebäudes der Universität Wien.
Tanzende Ring-Blockade
Zu einer rund 15-minütigen Blockade des
Rings vor der Staatsoper ist es gegen 20:15 Uhr nach der Abschlusskundgebung
gekommen. Circa 150 Personen blockierten tanzend und trommelnd den Ring, es
kam zu kurzfristigen Wortgefechten mit Autofahrern. Die Polizei griff ein,
als ein Einsatzfahrzeug ebenfalls blockiert wurde, einige Demonstranten
wurden weggetragen, der Rest beendete kurz danach die Blockade freiwillig.
Marsch zur Hofburg
Mehrere tausend Teilnehmer waren am
Nachmittag vom Westbahnhof über die Mariahilfer Straße, die ehemalige
Zweierlinie und die Ringstraße gezogen, um gegen das neue
Bologna-Studiensystem und die Jubiläumskonferenz zu zehn Jahren
Bologna-Prozess am Donnerstag und Freitag in Budapest und Wien zu
demonstrieren. Die Polizei sprach von rund 3.200 Personen, die Organisatoren
gehen von 10.000 bis 12.000 Teilnehmern aus.
Ohne Zwischenfälle
Die Demo verlief laut Polizei ohne
Zwischenfälle. Beim Parlament veranstalteten mehrere 100 Personen einen
mehrminütigen Flashmob, rannten die Rampe hinauf und enthüllten ein
Transparent mit der Aufschrift "Quo Vadis?".
Die Demonstranten schwenkten Transparente wie "Morbus Bologna.
Widerstand schützt", "Burning University. Make Bologna History",
"Fick die Uni, fick den Staat, fick Kapitalismus", "Finanzspritze
gegen Bildungsgrippe", "Dichter und Denker statt Bachelor und
Banker" oder einfach "Bologna stinkt". Dazu gab es Live-Musik
von einem Lastwagen, Clowns tanzten um die zahlreich vertretenen
Einsatzkräfte. Vor der Abschlusskundgebung sangen die Demonstranten dem
Bologna-Prozess ein ironisch gemeintes Geburtstagsständchen.
Sitzstreik vor Hofburg
Aus dem Ausland reiste eine rund
300-köpfige italienische Delegation an, auch Schweizer Unis waren zahlreich
vertreten. Auch einige Mittelbau-Vertreter österreichischer Unis mischten
sich unter die Demonstranten.
Uni nur vorübergehend besetzt
Die Besetzung von Räumen des
Neuen Institutsgebäudes der Uni Wien war nur von kurzer Dauer. Die rund 300
Studenten, die am Mittwochabend den Hörsaal 1 und weitere Räume in
Beschlag genommen hatten, waren Donnerstag Früh wieder freiwillig
abgezogen. Alle Vorlesungen fanden regulär statt.
Kurz vor Mitternacht hatten die Anwesenden noch beschlossen, den Hörsaal nur
dann zu räumen, wenn das Rektorat schriftlich versichert, dass die Studenten
trotz der Besetzung die Räume am Campus im Alten AKH (Wien-Alsergrund)
nutzen dürfen, die ihnen für ihren Bologna-Gegengipfel
zugesprochen worden waren. Nun hieß es: "Wir gehen davon aus, dass
das Rektorat kooperativ ist."
Konferenz in Budapest gestartet
Mit der Aufnahme von Kasachstan
als 47. Mitgliedsland im Bologna-Prozess hat am Donnerstag die
Jubiläums-Konferenz begonnen. "Der gemeinsame europäische
Hochschulraum ist jetzt Realität, die Chancen für junge Menschen stehen im
Mittelpunkt der Bologna-Idee", betonte Wissenschaftsministerin Beatrix
Karl (V) bei der Eröffnung.
Für Karl ist der gemeinsame Hochschulraum "ein Eckpfeiler der
Zukunft Europas und damit auch unserer Länder". Mit der Aufnahme
Kasachstans wachse der Hochschulraum weiter, für Karl "ein klares
Signal, dass die Idee von Bologna weiter lodert und immer mehr Länder Feuer
und Flamme für den Wissensstandort Europa sind". Man müsse weiter
an Kritikpunkten arbeiten, aber zugleich auch die großen Chancen in den
Vordergrund stellen, die dieses einzigartige Projekt eröffne.
"Der Bologna-Prozess hat bedeutend mehr Vorteile gebracht als Probleme
verursacht", erklärte der ungarische Bildungsminister Istvan Hiller.
Die positiven Auswirkungen würden in den kommenden Jahrzehnten spürbar
werden. Für die deutsche Bundesbildungsministerin Annette Schavan hat der
europaweite Hochschulreformprozess "enorm viel bewegt".
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Der "Bologna-Prozess" hat die Schaffung eines europäischen
Hochschulraums bis 2010 zum Ziel. Der Grundstein dafür wurde im Jahr
1999 gelegt, als die Bildungsminister von 29 europäischen Ländern die
Bologna-Erklärung unterzeichneten, darunter auch Österreich. Die
augenscheinlichste und fast alle Studenten betreffende Änderung durch
den Bologna-Prozess betrifft die Studienstruktur und damit die
Abschlüsse. Anstelle des zweigliedrigen Diplomstudiums (Abschlüsse im
Regelfall Magister und Doktor) tritt in den meisten Fächern das
dreigliedrige Bachelor/Master/PhD-System.
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