Nach Rücktritt: Wird Kern Nachfolger?

Match um Rot-Blau-Kurs

Nach Rücktritt: Wird Kern Nachfolger?

"Jetzt läuft alles auf Christian Kern als neuen SPÖ-Chef und Kanzler hinaus", sagte ein SPÖ-Vorstandsmitglied unmittelbar nach Werner Faymanns Rücktritt zu ÖSTERREICH. Der 50-jährige ÖBB-Chef gilt bereits seit zwei Wochen als Topfavorit.

Kärntner unterstützen Kern
Für ihn haben sich schon Kärntens Landeschef Peter Kaiser und Gewerkschafter Josef Muchitsch ausgesprochen. Kern, der als ÖBB-Manager im September bei der liberalen Flüchtlingspolitik mithalf, gilt auch als Favorit der Sozialistischen Jugend.

Rot-Blau-Lager in der SPÖ will Bekenntnis zur FPÖ
Allerdings wird der als "smarter Manager mit extremer politischer Vernetzung" beschriebene ÖBB-Manager genau deswegen vom rot-blauen Lager in seiner Partei kritisch beäugt: Burgenlands Landeshauptmann Hans Niessl etwa will nur einen SPÖ-Chef unterstützen, der die Öffnung zur FPÖ mitträgt.

Zeiler als Außenseiter
Ein weiterer Anwärter für den SPÖ-Vorsitz, Time-Warner-Manager Gerhard Zeiler, hat bereits sein Nein dazu signalisiert und dürfte nur Außenseiter-Chancen haben. Niessl will seinen Heeresminister Hans Peter Doskozil ins Spiel um die Faymann-Nachfolge bringen.

Oberhauser als Signal an Gewerkschaft und Frauen?
Ebenfalls als Kandidat gilt Parlamentsklubchef Andreas Schieder: Als Vertreter des linken Parteif lügels hat er aber nur Außenseiterchancen. Auch Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser wird genannt. Sie wäre ein Signal an die Gewerkschaft und die Frauen und beeindruckte zuletzt durch öffentliche Auftritte.

Jetzt wird der interimistische SPÖ-Chef Michael Häupl - er wollte Zeiler - eine Mehrheit für den Neuen schmieden. "Es wird sich wohl zwischen Kern und Zeiler entscheiden", sagt ein SPÖ-Grande.

Länder wollen Weichen für Kern stellen
Noch diese Woche tagen einige Landesparteivorstände, auch in "Rebellenländern" (Steiermark, Kärnten, Salzburg, Vorarlberg und NÖ). Dabei sollen die Weichen für Kern gestellt werden. Die Frage ist: Tut er sich den Job an, der ihm weniger Geld, mehr Ärger und weniger Freizeit bringt? "Ja, er macht das für die Partei", ist ein Insider sicher. Zu viel Optimismus? Kern soll nämlich noch unsicher sein.

Christian Kern im Porträt

Wird Christian Kern neuer SPÖ-Chef, wäre das ein Favoritensieg. Dem smarten ÖBB-Sanierer und langjährigen Hoffnungsträger der Partei wird seit längerem nachgesagt, sowohl Interesse an diesem Amt als auch an jenem des Kanzlers zu haben. Nicht nur er selbst traut sich diese Doppelrolle durchaus zu.

Kern, als Sohn einer Sekretärin und eines Elektroinstallateurs in Wien-Simmering aufgewachsen, gilt als ehrgeizig und zielstrebig. Auf den ersten Blick mag der stets akkurat gekleidete 50-Jährige ein wenig arrogant wirken, im persönlichen Umgang ist er aber gewinnend. Das mag auch nötig sein, denn nicht alle in der Partei sind überzeugt, ob der in zweiter Ehe verheiratete Vater von drei Söhnen und einer Tochter jener Mann ist, der die Sozialdemokratie aus der Krise ziehen kann.

Dass Politik "nicht seine Stärke" sei, wie Nationalratspräsidentin Doris Bures (SPÖ) in einem viel beachteten Interview 2014 meinte, glaubt aber außer ihr dann auch wieder niemand und selbst bei der engen Vertrauten von Werner Faymann (SPÖ) kann man davon ausgehen, dass sie diese Aussage nicht wirklich ernst gemeint hat. Denn Kern bringt durchaus Rüstzeug mit. Er ist in der (Partei-)Politik groß geworden, hat über viele Jahre erfolgreich im staatsnahen Wirtschaftsbereich gewirkt, ist telegen und eloquent.

Nach einem kurzen Ausflug in den Journalismus dockte der damalige Publizistik-Student Kern, der später auch eine postgraduale Ausbildung am Management-Zentrum St. Gallen absolvierte, schon früh in der SPÖ an. Bereits mit 25 wurde er Assistent von Staatssekretär Peter Kostelka (SPÖ), drei Jahre später wechselte er mit seinem Chef ins Parlament und wurde Büroleiter und Pressesprecher des damals neuen Klubobmanns.

1997 folgte der zwischenzeitliche Ausstieg aus der Politik. Kern wechselte in den Verbund, wo er diverse Funktionen ausfüllte, ehe er 2007 in den Vorstand aufstieg. Pikanterweise war es gerade Bures, die ihn als Infrastrukturministerin 2010 zum Nachfolger von Peter Klugar als ÖBB-Chef machte.

Galten die Bundesbahnen davor über Jahre als Krisenzone, hat Kern diese Ära beendet. Die Zahlen passen wieder, die Massen-Frühpensionierungen sind eingestellt, der Zentralbahnhof wurde rechtzeitig und innerhalb des Kostenrahmens fertig und auch Konflikte mit der streitbaren Eisenbahner-Gewerkschaft sind zumindest nach außen nicht sichtbar. Gefallen auch beim linken Flügel der SPÖ, dem Kern eher nicht zuzuordnen ist, erlangte er mit der unbürokratischen Abwicklung des Flüchtlingsstroms im vergangenen Jahr.

Dass Kern, der unter anderem die Unterstützung der steirischen und der Kärntner SPÖ und der früheren Staatssekretärin und Siemens-Managerin Brigitte Ederer genießt, höheres vorhatte, war schon länger absehbar. Gerne nahm der fleißige Manager Einladungen zu allerlei Diskussionen an, in denen er weit über die Bahn-Gleise hinausblickte. Wirklich klar, welche Agenda er als Partei- und Regierungschef fahren würde, sieht man vorerst dennoch nicht, hat sich Kern doch nie in eines der roten Lager hineintreiben lassen - möglicherweise derzeit ein Vorteil in der zerstrittenen Partei.

Ausdauer für Überzeugungsarbeit jedweder Art sollte er mitbringen. Kern ist begeisterter Läufer und Mountainbiker. Seine fußballerische Leidenschaft ist die Wiener Austria, in deren Kuratorium er auch sitzt - nicht die schlechteste Präferenz für ein wohliges Leben an der SPÖ-Spitze, sind doch die roten Königsmacher Michael Häupl und Wolfgang Katzian echte violette Schwergewichte.

Zur Person: Christian Kern, geboren am 4. Jänner 1966 in Wien. Vier Kinder aus zwei Ehen. Studierter Kommunikationswissenschafter. Ab 1991 Assistent des damaligen Staatssekretärs Kostelka, ab 1994 dessen Büroleiter als Klubobmann. 1997 Wechsel in den Verbund, ab 2007 dort Vorstandsmitglied. Seit Juni 2010 Chef der ÖBB sowie seit 2014 Vorsitzender der Gemeinschaft europäischer Bahnen.

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