16. Oktober 2009 13:27
Die SPÖ warnt vor einer "Neiddebatte" gegen das Sozialsystem.
Anlass ist die Kritik von Finanzminister Josef Pröll (ÖVP) an
Sozialleistungen für Nicht-Steuerzahler und seine Forderung
nach einem "Transferkonto" , auf dem alle Sozialleistungen
gesammelt werden sollen. "Es ist keine gute Idee, über ein
Transferkonto eine Neiddebatte oder eine Sozialabbaudebatte zu entfachen",
kritisiert Finanzstaatssekretär Andreas Schieder (SPÖ). Er befürchtet
außerdem, dass die ÖVP über diese Hintertür neuerlich die "Familienbesteuerung"
aufs Tapet bringen will und spricht von einer "Retro-Idee".
Im Büro von Josef Pröll wird die Kritik der SPÖ am "Transferkonto"-Vorschlag
zurückgewiesen. Ein steuerliches Familiensplitting sei "derzeit
kein Thema", versicherte Prölls Pressesprecher. Es habe ohnehin gerade
eine Steuerreform mit Entlastung der Familien durch höhere
Kinderabsetzbeträge und einen neuen Kinderfreibetrag gegeben. Pröll gehe es
mit seinem Vorschlag lediglich um "Transparenz", da man derzeit
keinen Überblick über die verschiedenen Transferleistungen von Bund und
Ländern habe.
FPÖ begrüßt Transferkonto
Die FPÖ begrüßt Prölls "Transferkonto"-Vorschlag
und fordert in diesem Zusammenhang auch die Einführung des Steuersplittings
für Familien. Das "Transferkonto" sieht FP-Finanzsprecher
Lutz Weinzinger als Möglichkeit, "vor allem im Bereich der
Familienbesteuerung die derzeit herrschenden Ungerechtigkeiten aufzuzeigen
und in Folge auszuräumen".
BZÖ will Flat-Tax-Modell
BZÖ-Chef Josef Bucher fordert
dagegen den Umstieg auf ein Flat-Tax-Modell, das Steuern und Sozialabgaben
zu einer Einheitsabgabe von 44 Prozent zusammenführt. 11.000 Euro sollen
steuerfrei sein. Pröll, der bei seiner Rede veraltete Zahlen über
Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit verwendet hatte, ist für Bucher nicht mehr
ernst zu nehmen: "Wer glaubt noch einem Finanzminister, der mit
falschen Zahlen operiert?", so Bucher in einer Aussendung.
Glawischnig warnt vor Kürzung
Grünen-Chefin Eva Glawischnig
warnt angesichts der Pröll-Aussagen vor der Kürzung von Sozialleistungen zur
Budgetkonsolidierung. Die Grünen-Chefin ortet ein Auseinanderdividieren der
Gesellschaft in "Leistungsträger" und "Nicht-Leistungsträger"
- "das ist perfide. "Ein grundsätzliches Ja zu mehr Transparenz.
Allerdings frage ich mich, warum ausgerechnet die Sozialleistungen für
einzelne Bürger als erstes offengelegt werden soll, während zahlreiche
andere Förderungen im Wirtschafts- oder Agrarbereich tunlichst geheim
gehalten werden", so Glawischnig.
Pröll hatte bei seiner Grundsatzrede am Mittwoch kritisiert, dass
Niedrigverdiener, die keine Steuern zahlen, wegen der staatlichen
Sozialtransfers mitunter höhere Einkommen hätten als Steuerzahler. Schieder
weist diese Kritik zurück. "Viele Transfers knüpfen nicht am
Einkommen an, sondern zum Beispiel an Behinderung, Krankheit oder andere
Faktoren", so der Staatssekretär. Außerdem würden die Sozialleistungen
gerade in Krisenzeiten für eine Stabilisierung der Massenkaufkraft sorgen: "Diese
Stabilisierung ist im Sinne der gesamten Volkswirtschaft und nicht nur der
Betroffenen."