Armenpriester Abbé Pierre gestorben

Paris

© (c) AFP

Armenpriester Abbé Pierre gestorben

Er war die wohl populärste Persönlichkeit Frankreichs, die Verkörperung der Solidarität mit den Armen: Abbé Pierre, der am Montag im Alter von 94 Jahren in Paris starb. Der Gründer der Emmaus-Bewegung, die sich um Arme und Obdachlose kümmert, war eine gern gehörte Stimme des sozialen Gewissens in seinem Heimatland. Gleichzeitig blieb das Verhältnis des katholischen Priesters zu seiner Kirche zeitlebens gespannt.

Um Ärmste der Armen gekümmert
Der kleine und schmächtige, aber charismatische Priester widmete sein ganzes Leben den Armen und Ausgestoßenen. Neben seiner karitativen Tätigkeit setzte er sich auch politisch für die Obdachlosen ein und forderte immer wieder, dass sich der Staat mehr um wohnungslose Menschen kümmerte. Dementsprechend weigerte er sich bis 2001, die Auszeichnung "Großoffizier des Ordens der Ehrenlegion" anzunehmen, da die französische Regierung leer stehende Wohnungen nicht an Obdachlose abgeben wollte.

Landesweit bekannt wurde Abbé Pierre im kalten Winter 1954, als er in einem dramatischen Appell auf die Not der Armen und Obdachlosen in Frankreich hinwies und einen "Aufstand der Güte" forderte. Die darauf folgende Spendenbereitschaft war überwältigend, und auch die Politik wurde nun verstärkt auf die Problematik der Obdachlosigkeit aufmerksam.

Emmaus-Gründer
Die von ihm gegründete "Gemeinschaft der Lumpensammler von Emmaus" wurde einer der Ausgangspunkt seines karitativen Wirkens. Dabei sammelte er mit Gleichgesinnten Lumpen und alte Gegenstände, um damit den Armen zu helfen. Er gründete die erste Emmaus-Gemeinschaft 1949 in Neuilly-Plaisance bei Paris, wo er in einem leer stehenden Haus Obdachlose beherbergte. Der Name weist auf die Begegnung des auferstandenen Christus mit den Jüngern in der Ortschaft Emmaus hin, wo sie ihn nach den Worten des Lukasevangeliums "am Brechen des Brotes erkennen". Heute ist die nicht-kirchliche Emmaus-Bewegung in über 30 Ländern aktiv und besteht aus mehr als 300 Gemeinschaften, 140 davon in Frankreich.

Auch Kontroversen um Abbe Pierre
Trotz seiner überwältigenden Popularität gab Abbé Pierre zuweilen auch zu Kontroversen Anlass. 1996 veröffentlichte der Philosoph Roger Garaudy, ein Freund von Abbé Pierre, ein Buch mit dem Titel "Die Gründungsmythen der israelischen Politik". Darin bezeichnete Garaudy, ein erklärter Antizionist, den Holocaust als jenen "Mythos", auf dem die israelische Politik basiere. Der Philosoph wurde wegen Leugnung des Holocaust vor Gericht gestellt. Abbé Pierre nahm Garaudy in Schutz, woraufhin er aus der Internationalen Liga gegen Rassismus und Antisemitismus (LICRA) ausgeschlossen wurde. Garaudy wurde 1998 wegen Leugnung des Holocaust und Aufruf zum Rassenhass verurteilt. Der Priester entschuldigte sich später "bei seinen jüdischen Freunden" für die Parteinahme.

Umstrittenes Buch veröffentlicht
Ebenfalls für Aufsehen sorgte der bereits hochbetagte Abbé Pierre 2005 mit dem Buch "Mon Dieu... pourquoi?" (Mein Gott... warum?), in dem er zu gesellschaftlich umstrittenen Positionen der katholischen Kirche Stellung nahm. Dabei sprach er sich unter anderem für die Aufhebung der Zölibatspflicht in der lateinischen Kirche und die - von Papst Johannes Paul II. für unmöglich erklärte - Weihe von Frauen zum Priester aus. Weiters befürwortete er die - von der Kirche abgelehnte - Adoption von Kindern durch homosexuelle Paare und die rechtliche Anerkennung von homosexuellen Partnerschaften. Allerdings sollten diese seiner Meinung nach nicht der Ehe gleichgestellt werden. Außerdem bekannte er in dem Werk, in jüngeren Jahren "flüchtige Beziehungen" mit Frauen gehabt zu haben.

Priester in Grenoble
Abbé Pierre wurde am 5. August 1912 in Lyon unter dem Namen Henri Groues als drittes von sieben Kindern in einer religiösen bürgerlichen Familie geboren. Schon von Jugend an strebte er eine kirchliche Laufbahn an und trat 1931 in den Kapuzinerorden ein, wo er den Ordensnamen "Bruder Philippe" annahm. 1938 empfing er die Priesterweihe. 1939 verließ er das Kloster und wirkte als Priester in Grenoble.

1942-44 war er in der französischen Widerstandsbewegung (Résistance) gegen die deutsche Besatzung aktiv und soll sich auch an der Rettung einzelner Juden beteiligt haben. In dieser Zeit nahm er den Namen Abbé Pierre - ursprünglich als Decknamen - an. Nach dem Krieg ging er zunächst in die Politik und saß 1946-51 als unabhängiger Abgeordneter in der Fraktion der links-christlichdemokratischen MRP (Republikanische Volksbewegung) des Ministerpräsidenten Robert Schuman.

Diesen Artikel teilen:

Posten Sie Ihre Meinung

Kommentare ausblenden

Anzeigen

Werbung

Live auf oe24.TV 1 / 10

Top Gelesen 1 / 5

  Diese Website verwendet Cookies. Durch die Verwendung dieser Website stimmen Sie dem damit verbundenen Einsatz von Cookies zu.

Es gibt neue Nachrichten
auf oe24.at
Jetzt Startseite laden
Abbrechen