Gesundheit und Regionales als Hoteltrends

Behandlungsräume statt Saunas und Mostschaumsuppe statt Mangochutney. Das Angebot heimischer Hoteliers soll sich in den kommenden Jahren aufgrund veränderter Gästebedürfnisse stark von Wellness in Richtung Medizin sowie von exotischer Verpflegung zurück zu regionalen Speisen entwickeln. Diese beiden Trends sieht Christiane Scheiblauer, Managerin des Mostviertler Viersterne-Betriebs Kothmühle, für die Zukunft der Hotellerie.

"Wenn wir wieder ausbauen, werden wir sicher nicht die Sauna oder das Schwimmbad vergrößern, sondern eher Behandlungsräume einrichten", erklärt Scheiblauer. Bedingt durch den staatlichen Rückzug aus dem Gesundheitsbereich bei gleichzeitig wachsenden medizinischen Möglichkeiten und einem steigenden privaten Vorsorgebewusstsein würden sich auf diesem Feld zahlreiche Chancen für den Hotelsektor eröffnen.

Nur hochqualifizierte Angebote bestehen

Auch beim Wellbeing Cluster Niederösterreich sieht man eine verstärkte Entwicklung vom Wellness- zum Gesundheitstourismus. Allerdings würden gerade in diesem Bereich lediglich Angebote bestehen, die mit hochqualifiziertem Personal und stark spezialisiertem Programm auftreten, warnte Daniel Predota vom Wellbeing Cluster. In Niederösterreich würden rund 28 Prozent der Nächtigungen auf den Gesundheitstourismus entfallen.

Stressbedingte Erkrankungen, Probleme mit dem Bewegungsapparat sowie die Ernährungssparte von Stoffwechselkrankheiten bis zu übergewichtigen Kindern gehören zu den größten Zukunftsthemen bei der privaten Vorsorge. Doch allzu leicht haben es Hoteliers, die auf den Zug aufspringen wollen, derzeit noch nicht: In Österreich gebe es nämlich im Gegensatz zu anderen Ländern noch kaum Daten zur "Public Health", an denen sich Unternehmen orientieren könnten, kritisiert Predota.

In einer eigens in Auftrag gegebenen und bis jetzt nur den Cluster-Betrieben zur Verfügung gestellten Grundlagenstudie hatte der "Public Health"-Experte Franz Piribauer jedenfalls 2007 errechnet, dass 40 bis 60 Prozent der EU-Bevölkerung einen bewegungsarmen Lebensstil führen. Ein breites Publikum also für Hotels, die sich im Aktiv-Bereich und in der Änderung der Lebensgewohnheiten engagieren. Punkto schlechte Gewohnheiten zeigt die Studie außerdem Chancen beim Thema Rauchen: Viele Qualmer möchten aussteigen, schaffen es aber nicht allein. Es habe sich herausgestellt, dass Österreicher EU-weit die meisten erfolglosen Aufhörversuche starten.

Abgrenzung durch Spezialisierung

Es werde im Gesundheitsbereich wie bereits im Wellness-Sektor stark auf die Spezialisierung und Abgrenzung vom Massenangebot ankommen, so Predota. In sehr medizinischen Bereichen, beispielsweise Diabetes, müssten die Betriebe aber derzeit noch stark mit den Angeboten der Sozialversicherung konkurrieren: "Österreich nimmt hier eine Inselstellung ein. In anderen Ländern ist es bei weitem nicht mehr so leicht, auf Kur geschickt zu werden", so Predota.

Merkbar sei diesbezüglich auch der Druck am Arbeitsmarkt. Es gebe häufiger Kurabsagen als vorher, auch wenn darüber öffentlich nicht gern gesprochen werde. "Wer heute drei Wochen auf Kur geht, fragt sich eher, ob er vielleicht gegenüber einem gesunden Kollegen zurückgesetzt wird". Das bedeute schlussendlich eine Aufwertung kürzerer privater Angebote in der Hotellerie. Auch Kurbetriebe würden sich nach dem Trend richten und vermehrt Urlaubsprogramme mit inkludierter Medizinschiene für Privatgäste anbieten.

Billiganbieter tun sich schwerer

In Niederösterreich wurden 2008 vier gesundheitstouristische Betriebe eröffnet. Die Investitionskosten für das Gesundheitsresort Raxblick, die Therme Linsberg Asia, das Lebens.Resort Ottenschlag sowie das Kurzentrum Traunstein lagen laut Predota bei 121,1 Mio. Euro. Die ersten drei Einrichtungen erhielten 36 Mio. Euro aus Regional- und EU-Fördermitteln, für Traunstein wurden keine Angaben gemacht. Die Fördertätigkeit des Landes würde sich auf hochqualitative, dafür aber teurere Angebote konzentrieren. Die billigen Anbieter hätten es am Markt häufig schwieriger.

Auch durch die ebenfalls billigere Konkurrenz im umliegenden Ausland habe man derzeit noch keine Probleme. Insbesondere Ungarn befindet sich auf einem hohen medizinischen Standard und investiert kräftig in den Thermen- und Medizintourismus. Dennoch seien Servicequalität, Mitarbeiterqualifikation und Thermenstandards hierzulande noch höher. Die Betriebe in den Nachbarländern seien außerdem in vielen Fällen "Enklaven", so Predota, der auf die Regionalentwicklung und das Umlandangebot an den heimischen Standorten verweist.

Region als Unterscheidungsmerkmal

Auch Kothbauer-Managerin Scheiblauer sieht diesen Punkt als einen zentralen Erfolgsfaktor, der in Zukunft im Tourismuswettbewerb noch stärker in den Mittelpunkt rücken wird. "Wir können nur so gut sein wie das Umfeld, die Region und das Land." Diese Philosophie habe in den vergangenen Jahren ihre Früchte getragen.

Das Haus, das in seiner mehrere hundert Jahre alten Geschichte als Mühle und Landwirtschaft fungierte, besitzt selbst Obstkulturen und erzeugt Schnäpse und Obstsäfte. Sowohl eigene Erzeugnisse, als auch die Produkte der Bauern aus der Umgebung werden den Gästen zum Frühstück oder in Seminarpausen serviert. Selbst in der Minibar ist die Region vertreten. Das Unternehmen habe stark von der Entwicklung der Region in den vergangenen Jahren profitiert, meinte die Hotelfachfrau.

Verschränkung mit lokaler Produktion

Einen besonderen Anteil an der Neupositionierung des Marktes hatten dabei die Mostviertler Bauern. Diese vollzogen durch modernisierte Produktionsverfahren und raffinierte Kellertechniken einen veritablen Qualitätsschub bei der Mostproduktion, vergleichbar mit dem Aufschwung bei den heimischen Winzern. Most und Saft aus den regionalen Birnen und Äpfeln sei nicht mehr vergleichbar mit dem, was noch vor fünf Jahren am heimischen Jausentisch landete, so Scheiblauer, die auf Anfrage auch Mostdegustationen in ihrem Betrieb anbietet. Zur Getränke-Sparte gesellten sich außerdem noch hochwertige Marmeladen, Schokoladen, Dörrobst und sonstige süße Produkte.

"Wir identifizieren uns mit der Region und beziehen das Rundherum bewusst als Unterscheidungsmerkmal in unser Marketing ein", erklärte Scheiblauer ihre Positionierungsstrategie. Gerade in Krisenzeiten weise laut Marktforschung der Einkaufstrend auf das Lokale. Werte wie regional, biologisch, und saisonal würden in der Kaufentscheidung noch vor dem Preis liegen. Die Hotellerie müsse hier in Zukunft nachziehen. "Man wird eben nicht mehr versuchen, im Dezember die exotischen Früchte heranzuschaffen, sondern man wird sich überlegen müssen, was wir selbst anzubieten haben", meinte die Hotelchefin.

Schwimmteich und Beeren zum Selberpflücken

Die "Zurück zu den Wurzeln"-Strategie hat die Kothmühle auch beim letzten Umbau der im Jahr 2004 startete, verfolgt. Herzstück des Ausbaus, bei dem ein Wellnessbereich und ein zwei Hektar großer Garten dazukamen, wurde dementsprechend nicht der Swimmingpool, sondern der Naturschwimmteich samt nahe liegender Beerenstauden, von denen die Gäste zwischendurch naschen dürfen.

Seit der Fertigstellung des Gartens im Jahr 2006 konnte das einst fast ausschließlich auf Seminare und Meetings spezialisierte Hotel seinen Anteil an Privatgästen von praktisch null auf 20 Prozent steigern. "Wir haben damals viele Warnungen bekommen, dass der Zenit der Wellnesshotels schon längst überschritten sei", meinte Scheiblauer. Doch besonders in der Krise habe sich die Entscheidung als Segen herausgestellt: "Während das Meeting-Geschäft schwierig ist, wächst das Privatkundensegment nach wie vor". Der Anteil an privaten Gästen soll auf 25 bis 30 Prozent ausgebaut werden.

Wellness bleibt Entscheidungskriterium

Wellness sei trotz der Entwicklung in Richtung Gesundheit noch lange nicht out. Vielmehr sei es für ein Haus, das am Lande steht, "beinahe schon eine Grundausstattung." Man habe lange überlegt, ob man tatsächlich ein Hallenbad braucht. Die Entscheidung dafür sei schließlich aufgrund des Online-Suchverhaltens der Gäste gefallen: Der Begriff "Hotel + Schwimmbad" war der Top-Begriff bei den Eingaben im Internet. "Wir wussten, wir brauchen es schon allein als Buchungsentscheidung", erklärte Scheiblauer.

Neue Trends aufzuspüren und Innovationen zu setzen, sei jedoch gerade für die zahlreichen kleineren und mittleren Tourismusunternehmen nicht immer leicht. Häufig schaffen es die Chefs in familiengeführten Betrieben aufgrund der Arbeitsbelastung nicht, sich Zeit freizuschaufeln, für Betriebsbesichtigungen oder generelle Visionen. Wenn die entscheidenden Positionen von Küchenchef über Rezeption und Beherbergung mit verantwortungsvollen Personen besetzt seien, könne man den Betrieb jedoch ohne weiteres für einige Tage verlassen, meint die Managerin.

Potenziale aus den eigenen Reihen

Die Kothmühle hat dieses Jahr selbst ein Familienmitglied abgestellt, das sich nur mit "Human Resource Management" beschäftigt. Im kommenden Jahr ist der Schwerpunkt Qualität an der Reihe. "Es gibt sicher in jedem Betrieb genug Mitarbeiter, die sich einmal außertourlich engagieren können und wollen", rät Scheiblauer punkto Innovation zur Potenzialsuche in den eigenen Reihen.

Die Zukunft der heimischen Entwicklung am Hotelmarkt beurteilt die Expertin vor allem aufgrund der "gut ausgebildeten Jungen, die sich nicht nur als Beherberger, sondern auch als Betriebswirte verstehen", positiv. Bedenklich sei jedoch das geringe Marketingbudget, das in Österreich bereitstellt wird. Dass die Ausgaben "in den letzten zehn Jahren nicht einmal der Inflation angepasst wurden", sei unverhältnismäßig im Vergleich zur Wirtschaftsleistung der Branche. "Es sollte Jedem klar sein, dass man nicht bei Marketing reduzieren darf", so Scheiblauer. Auch die Vertretung des Tourismussektors in der Politik sei verbesserungswürdig.