Coronavirus

Katalin Kariko ist die Mutter der Corona-Impfstoffe

Katalin Karikó (66), gebürtige Ungarin, forschte Jahrzehnte an der RNA. Ihre Arbeit nahm aber kaum jemand ernst. Jetzt wird sie für den Nobelpreis gehandelt.  

Katalin Karikó (66), gebürtige Ungarin, forschte Jahrzehnte an der RNA. Ihre Arbeit nahm aber kaum jemand ernst. Jetzt wird sie für den Nobelpreis gehandelt.

Es waren Karikós Erkenntnisse, welche die neuartigen Covid-19-Impfungen ermöglicht haben. Reich geworden ist sie mit ihrer Arbeit aber dennoch nicht.

Wo alles begann. Kisújszállás, ein kleiner Ort in Ungarn, 400 Kilometer von Wien entfernt. Hier wird Katalin 1955 geboren. Die vierköpfige Familie wohnt in einem Lehmhaus. Kein Kühlschrank, kein fließendes Wasser, nur ein Raum ist beheizt.

Katalins Vater ist Fleischer. Sie beobachtet ihn dabei, wie er Schweine zerlegt. Sie ist fasziniert. Der Natur auf den Grund zu gehen, sie zu zerteilen, zu begreifen: Diese Leidenschaft lässt Katalin nicht mehr los.

Das Biomolekül RNA. Sie studiert schließlich Biologie an der Universität in Szeged. Hier bekommt sie auch eine Stelle. Und bereits hier verschreibt sie sich der Erforschung des Biomoleküls Ribonukleinsäure, kurz RNA genannt.

RNA hat im Körper mehrere Funktionen. Die wesentlichste ist es, genetische Informationen aus der Zellkern-DNA in die Zelle zu übertragen und sie dazu zu bringen, Proteine herzustellen. Die RNA ist als Bote unterwegs, wird deshalb messenger-RNA (mRNA) genannt. Es ist der Stoff, der in den in Europa und den USA zugelassenen Vakzinen der Hersteller Moderna und Biontech steckt und der diese Impfstoffe überhaupt erst möglich macht. Der Clou: Diese Impfstoffe enthalten keine Virus-Bestandteile wie herkömmliche Impfstoffe, sondern sie bringen die Zellen dazu, Virusproteine herzustellen. Das Immunsystem bekämpft dann diese Proteine.

Kein Interesse. Katalin wird es später gelingen, die mRNA künstlich herzustellen. An der Universität im damals kommunistisch regierten Ungar interessiert sich kaum jemand für die Forschungen. Letztlich verliert Katalin ihren Posten. Sie schreibt Bewerbungen in die ganze Welt. Die Temple University in Philadelphia sagt nach vielen Ablehnungen zu.

Als 30-Jährige zieht sie mit ihrem Mann Béla Francia, einem Ingenieur, und ihrer zweijährigen Tochter Zsuzsanna in die USA. Als Gepäck ist nur mit dabei, was sie selbst tragen können. Und 900 britische Pfund, die sie auf dem ungarischen Schwarzmarkt für den alten Lada von Katalins Eltern bekommen haben. Eingenäht im Teddybären ihrer Tochter. Für die 900 Pfund gibt es 1.000 Dollar. Das Kapital für ihren Start ins neue Leben.

Harte Zeit. "Es war ein One-Way-Ticket", sagt Katalin, "wir kannten niemanden." Während ihr Mann putzen ging und für andere den Rasen mähte, glaubte die Chemikerin weiter an ihre Idee von der künstlichen RNA. Aber Ansuchen um staatliche Gelder oder private Förderungen schlugen fehl. Zu dieser Zeit waren DNA-Forschungen angesagt, für die RNA interessierte sich auch hier niemand.

1995 wurde die Ungarin auf eine niedrigere Position zurückgestuft, zudem wurde bei ihr Krebs diagnostiziert. "Ja, ich wurde damals ziemlich gedemütigt", erinnert sie sich.

Indessen reift Tochter Zsuzsanna, die rasch Susan genannt wird, zu einer Athletin heran. Sie wird zweifache Olympiasiegerin im Ruder-Achter. Katalin arbeitet inzwischen mit dem Immunologen Drew Weissman zusammen. 2005 wendet sich das Blatt. Gemeinsam melden sie die künstliche mRNA als Patent an. Das Patent ermöglichte den mRNA-Impfstoffen nun den Durchbruch. Was scheinbar in einem Jahr Pandemie entwickelt wurde, fußt also auf jahrzehntelanger Arbeit.

Keine Millionen. Katalin ist heute Senior-Vizepräsidentin des deutschen Konzerns Biontech. Und jetzt wird sie auch für den Nobelpreis gehandelt. Reich geworden sind sie und Drew Weissman jedoch nicht. Die Lizenzgebühren für den Impfstoff liegen bei Biontech und Moderna. Katalin: "Millionen würden mir nur Kopfschmerzen bereiten." Harald Brodnig  

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