Premiere für seltenes Verdi-Stück in der Staatsoper am Samstagabend - Applaus für Ensemble, Buhrufe für Regisseur Grigorian - Überzeugender Gesang stieß sich an ulkiger Aufmachung
"Luisa Miller" mag nicht die berühmteste Verdi-Oper sein, aber für manchen Kenner gilt sie dennoch als eines der herausragenden Werke des italienischen Meisters. Am Samstagabend kehrte das 1849 uraufgeführte Stück nach mehr als drei Jahrzehnten wieder auf die Bühne der Wiener Staatsoper zurück - in einer Inszenierung des des exil-russischen Hausdebütanten Philipp Grigorian. Dieser sorgte beim Publikum mit seiner Neuinterpretation allerdings für gemischte Gefühle.
Vom Stoff her ist die tragische Oper, die auf Friedrich Schillers "Kabale und Liebe" basiert, noch immer zugänglich. Ein Drama über zwei Verliebte aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, die dem Gerangel der älteren Generation zum Opfer fallen. Seinerzeit schon hatte das Stück durchaus moderne Züge. Denn im Hause Miller hält der Vater zwar wenig von Rodolfo, Luisas Schwarm, will der Lebensplanung der Tochter aber nicht im Weg stehen. Nur Rodolfos insgeheim adeliger Familie ist das fatalerweise ein Dorn im Auge.
Ensemble hielt den Abend zusammen
Grigorian versucht nun, das romantische Musiktheater inszenatorisch in die Moderne zu holen. So erzählt der Vater die Geschichte etwa in einer Wiener Tramstation, die über die gesamte Laufzeit am Rand der Bühne aufgebaut ist. Aus dem Grafen Walter und seinen Schergen sind nun Schnösel aus der Upper Class geworden, und die Millers arbeiten in einer kunterbunten Fabrik. Die italienischen Arien bleiben aber ganz traditionell ausgeführt - und bilden dank des rundum überzeugenden Ensembles das Highlight der Abends.
Dabei sticht nicht nur die US-amerikanische Sopranistin Nadine Sierra heraus, die in der Hauptrolle mit starkem Stimmklang singt. Auch das restliche Ensemble liefert souveräne Leistungen, egal ob Roberto Tagliavini als der böse Graf Walter oder Freddie De Tommaso als der Geliebte. Dass George Petean als Vater Miller in Duetten manchmal nicht mit der Lautstärke von Bühnentochter Sierra mithält, fällt daher wenig ins Gewicht. Auch der Chor schafft es unter der musikalischen Gesamtleitung von Michele Mariotti, den Raum während besonders dramatischer Passagen mit Imposanz auszufüllen. Aus dem Wiener Staatsballett untermalen mehrere Ballerinas die Geschichte außerdem mit gekonnten Tanzvorführungen.
Genre verfehlt?
Trotzdem herrschte spätestens während der Pause spürbare Verwirrung im Saal. Das ist wohl dem Gesamtkonzept geschuldet. Wie ein riesiges Puppenhaus zeigt sich das Bühnenbild, für dessen Gestaltung der Regisseur selbst verantwortlich zeichnet. Das dürfte Geschmackssache sein - weniger wohlgesinnt könnte man die Ästhetik mit einem Barbie-Katalog vergleichen. Der Eindruck verstärkt sich durch die Kostüme, meistens aus einer oder zwei knalligen Farben bestehend, etwa rosarote Blazer, grellblaue Geschäftsanzüge oder glatte Plastikrüstungen wie aus einem alten Sci-Fi-Schinken. Die Ballerinas, die die Geschichte begleiten, wirken wiederum wie Märchenfeen. Und in der heilen Welt der Millers sieht es wie in einer Fast-Food-Werbung aus.
Einzelne Elemente mögen zwar Wirkung haben. Marko Mimica funktioniert beispielsweise als schmieriger Sekretär, und ein Running Gag mit Plüschtier überrascht zumindest beim ersten Mal. Nur ist "Luisa Miller" so kaum noch als Drama wahrzunehmen. Spätestens im finalen dritten Akt will die Tragödie mit den ulkigen Kulissen und visuellen Gags nicht zusammenpassen. Zumal untergräbt die bunte Ausgestaltung eine zuvor durch die Inszenatoren angedeutete Gesellschaftskritik. Dafür wirkt die Aufführung nun zu selbstironisch. Am Ende des Abends, nach dem ausgiebigen Applaus für den Cast, musste schließlich Regisseur Grigorian entsprechend eine Welle an Buhrufen einstecken.
(Klaus Kainz/APA)