Der Angriff der USA und Israels auf den Iran hat die Börsen erschüttert: Was jetzt passieren könnte.
Die Nervosität an den Finanzmärkten und steigende Energiepreise könnten einen Börsencrash bringen - es wäre aber auch eine Erholung möglich.
Die Weltbörsen könnten noch mit deutlich tieferen Kursen reagieren, je nachdem wie sich der Konflikt weiter entwickelt. Alles hängt „entscheidend davon ab, ob es sich um ein temporäres Ereignis handelt, oder ob die Unterbrechung der Ölversorgung über die Straße von Hormus von längerer Dauer ist“, so Axel D. Angermann, Chef-Volkswirt des deutschen Investmenthauses FERI: „Die Märkte gehen derzeit überwiegend von der ersten Option aus“.
Finanzanalysten malen drei verschiedene Szenarien aus, was dieser Krieg für die Börsen bedeuten könnte. Je nachdem was kommt, könnten sich Aktien & Co sogar gut entwickeln – oder aber es droht ein massiver Crash.
Szenario 1: Gleich wieder vorbei, zurück zu Business as usual
Im Moment setzen wohl viele Anleger auf diese Variante, denn bis jetzt halten sich die Kursverluste an den Börsen ja in Grenzen. Das Problem: Ein Ende des Konflikts von heute auf morgen ist nur denkbar, wenn entweder die iranische Führung kurzfristig aufgibt - oder US-Präsident Donald Trump und Israel. Die Wahrscheinlichkeit dafür scheint nicht hoch zu sein. Wenn es aber so kommt sollten die Börsen zwar positiv reagieren, ein Boom ist aber eher nicht zu erwarten. Denn die Frage bleibt: Wann geht es das nächste Mal los?
Szenario 2: Längerer Krieg, aber die Iran-Gefahr ist vorbei
Auf diesem Szenario ruhen die Hoffnungen vieler Analysten. Die These lautet: Die iranische Führung wird sich nicht so rasch ergeben, also greifen die USA und Israel weiter an, bis die iranische Atom-Industrie zerstört ist. Das gelingt ihnen nach einigen Wochen oder auch einigen Monaten. Während dieser Zeit werden die Börsen nervös sein, es kann hin und wieder zu kurzfristigen Rücksetzern kommen. Aber wenn der Iran keine Atombombe mehr bauen kann, ist dieses Bedrohungsszenario vorbei. Trump lässt sich – rechtzeitig für die Mid-Term-Wahlen in den USA im November – als siegreicher Feldherr feiern und die Börsen könnten kräftig anziehen. Erleidet Trump allerdings eine Schlappe, sieht es nicht nur für ihn, sondern auch für die Aktien in der Folge schlechter aus. Für die längerfristige Entwicklung wäre auch hier entscheidend, ob der Iran als Atom-Macht dauerhaft ausgeschaltet ist oder nicht.
Szenario 3: Naher Osten wird neues Vietnam, Ölschock für Weltwirtschaft
Dieses Szenario gilt als das unwahrscheinlichste – aber auszuschließen ist es nicht. Sollte der Krieg Jahre dauern, die Straße von Hormus dauerhaft gesperrt bleiben, vielleicht sogar ein Flächenbrand entstehen, in den weitere Staaten hineingezogen werden, so könnten die USA weder ihren Verbündeten Israel im Stich lassen noch die Ölfelder um den Golf. Sie müssten also länger vor Ort engagiert bleiben – sozusagen das neue Vietnam. China und Russland könnten reagieren, auf jeden Fall würde die Weltwirtschaft sehr leiden. Wenn sich an den Börsen die Befürchtung breit macht, dass es so kommt, ist eine heftige Korrektur der Aktienmärkte wahrscheinlich.
Wichtig: Ruhe bewahren
Investment-Profis raten zur Ruhe. Grundsätzlich sei das konjunkturelle Umfeld und die Stimmung in den Unternehmen derzeit gut, auch die Inflation „geht in die richtige Richtung", so Markus Dürnberger, Asset Management-Chef der Bank Spängler. „Natürlich ist der Konflikt belastend“, sagt Robert Karais, Chief Investment Officer (CIO) der Bank Gutmann. Wenn aber die nukleare Bedrohung durch den Iran ausgeschaltet würde, „fällt ein Verunsicherungsfaktor für die Finanzmärkte weg“. Bei einem länger anhaltenden Konflikt spielen jedoch China und Russland eine wesentliche Rolle, die Unabwägbarkeiten steigen, warnt Karas. Er empfiehlt, Ruhe zu bewahren; es zeige sich wieder einmal die Wichtigkeit von Diversifizierung, und zwar „über Titel, Themen und Regionen. In Zeiten wie diesen sind fast alle Anleger erleichtert, nicht alles auf ein Pferd gesetzt zu haben.“ Auch Vincenzo Vedda, Chief Investment Officer von DWS, geht in seiner Anlagestrategie davon aus dass es „keinen Flächenbrand“ geben wird, doch bleibe Streuung das „oberste Gebot“.
Ein Trost bei dem Ganzen: Donald Trump hat schon einige Male für Börse-Beben gesorgt, insbesondere im April 2025 bei der Verkündung seiner Zölle. Die US-Börsen fielen damals um bis zu 13 Prozent. Doch schon nach sechs Wochen hatten sie das wieder aufgeholt. Bei den meisten Börsencrashes der letzten Jahrzehnte – inklusive Dotcom-Blase, Finanzkrise von 2008 und Corona - folgte eine Erholung innerhalb weniger Monate oder Jahre. Die große Ausnahme ist der Börsencrash von 1929: In den drei Jahren danach stürzte der Dow Jones Index um 90 Prozent ab, erst im Jahr 1954 war er wieder auf Vorkrisenniveau. Aber das waren andere Zeiten.
Gerald Stefan