Scham und Lügen:

Ein Analphabet aus Linz erzählt

Sebastian K. ist Analphabet. Sein Leben besteht aus Lügen und Verstecken. Niemand soll es wissen. Jetzt lernt der 40-Jährige lesen und schreiben.

30.000 Oberösterreicher können weder richtig lesen noch schreiben. Diese Zahl gibt die UNESCO zum heutigen Tag der Alphabetisierung bekannt. Die meisten Betroffenen halten ihr Defizit aus Scham geheim. ÖSTERREICH hat sich mit einem Analphabeten aus Linz unterhalten, dessen Leben aus Lügen und Verstecken besteht. Er fühlt sich als Mensch zweiter Klasse. Dabei sind Analphabeten keineswegs dumm, wie die Pädagogin Sonja Muckenhuber erklärt: „Sie entwickeln eine immense Merkleistung.“

Was ist, wenn jemand merkt, dass ich nicht lesen und schreiben kann? Tag und Nacht quält der Gedanke Sebastian K., so will er sich hier nennen. Mehr als seinen Namen zu schreiben, hat der 40-Jährige aus Linz nie richtig gelernt.

Ein Gastgarten, in den Sebastian sonst nie geht, sichert die Anonymität. Niemand soll es wissen. Nicht seine Mutter, nicht seine Freunde und erst recht nicht sein neunjähriger Sohn. Er schämt sich: „Ich fühle mich wie ein Mensch zweiter Klasse.“ Sebastians Vater starb, als er noch ein Bub war. Seine Mutter musste fünf Kinder alleine durchbringen. „Da war keine Zeit, um Hausaufgaben zu kontrollieren.“ Sebastian landete auf dem Abstellgleis Sonderschule.

Lügengerüst
Der Linzer hat mit den Jahren das Lügengerüst perfektioniert. „Schatz, ich hab den Einkaufszettel vergessen, liest du ihn vor?“ Sebastian K. sah ihn an der Pinwand: „Tut mir leid, ich kann ihn nicht finden.“ Im Restaurant aß er halt meistens Schnitzel - „das gibt es überall“. Wenn er mit dem Zug in einen anderen Ort fuhr, orientierte er sich nur am ersten Buchstaben.

Sein Blick wandert zur Straße. Ein Leben unter Hochspannung. Mittlerweile hat das Versteckspiel zumindest gegenüber seiner Frau ein Ende. „Ich hatte solche Angst, dass sie mich verlässt“, gesteht der 40-Jährige. Die Angst war grundlos.

Guter Job auch ohne Ausbildung
Sebastian K. hatte sein Leben im Griff. Bis er zum Vorarbeiter befördert werden sollte. Der 40-Jährige kündigte lieber, als sich dem Chef anzuvertrauen. „Da wurde mir klar: Es muss sich was ändern.“ Vom Arbeitsamt bekam er keine Hilfe. Die fand er erst beim „Alfa-Telefon“. Seit einem Jahr besucht er Kurse. „Ich kann schon alles lesen und schreiben“, erzählt er stolz. Im Dezember will er den Führerschein machen, sein größter Wunsch. Zwei Jahre will er noch büffeln: „Dann gebe ich ein Fest und erzähle es allen.“

Von Jessica Hirthe/ÖSTERREICH

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