Hugo PORTISCH

Jahres-Interview

Portisch: "Meine Jahres-Bilanz"

Journalistenlegende Hugo Portisch (92) im ÖSTERREICH-Gespräch über das 'Ibiza-Jahr'.

Wien. Leidenschaftlicher Europäer, Geschichtslehrer der Nation, bester Welterklärer – das ist Hugo Portisch.

ÖSTERREICH: Sie haben diese Woche das Goldene Ehrenzeichen der Republik bekommen. Der erste Orden, den Sie annahmen. Warum haben Sie so lange gezögert?

Hugo Portisch: Ich hab immer das Gefühl gehabt, dass sich ein Journalist nicht mit Orden schmücken lassen soll. Das engt nur ein in der Unabhängigkeit. Schließlich waren Orden früher immer verbunden mit Partei und Politik. Das ist in der heutigen Regierungssituation nicht mehr so.

ÖSTERREICH: 2019 hat sich Österreich politisch grundlegend verändert. Wie beurteilen Sie die Ibiza-Affäre?

Portisch: Ich habe das zunächst für unglaublich gehalten. Es kann doch keiner hergehen und unsere Republik verscherbeln. Aber das war so. Einfach unglaublich.

ÖSTERREICH: Als Folge platzte die Regierung inklusive Misstrauensantrag gegen Kanzler Kurz. Hat Sie das empört?

Portisch: Nein, die Abwahl von Kurz war ein demokratischer Akt, das musste geschehen. Nach der Ibiza-Affäre, in die schließlich ein Regierungsmitglied involviert war, musste er das aushalten, und er hat es getan.

ÖSTERREICH: Wie beurteilen Sie heute Kurz?

Portisch: Der hat es bisher ganz gut gemacht und er wird es auch in Zukunft gut machen, denke ich.

ÖSTERREICH: Österreich schien nach dem Kurz-Rauswurf auf ein Polit-Chaos zuzusteuern. Wie beurteilen Sie die Performance von Bundespräsident Van der Bellen?

Portisch: Er hat richtig und gut reagiert, auch sehr logisch. Er ist der Krise mit der Verfassung begegnet, das war eine sehr gute Reaktion.

ÖSTERREICH: Nicht nur bei uns geht’s drunter und drüber. In den USA steht ein Amtsenthebungsverfahren für Trump an …

Portisch: Es wird leider zu nichts führen. Außer zu einer weiteren Verstärkung der Popularität von Trump. Seine Anhänger werden noch stärker hinter ihm stehen. Ein Impeachment ist das falsche Verfahren. Der Senat wird nicht gegen Trump stimmen.

ÖSTERREICH: Aber er muss sich damit beschäftigen.

Portisch: Aber es wird ihn innerhalb seiner Wählerschaft nicht schaden. Die, die auf ihn eingeschworen sind, wird er immer bedienen. Trump ist ein unberechenbarer, sehr dummer Mensch. Er hat nicht begriffen, was Amerika bisher groß und mächtig gemacht hat. Das zeigt von einer gewissen Beschränktheit.

ÖSTERREICH: Ein anderer Populist ist Boris Johnson, der erfolgreiche Briten-Premier. Wie beurteilen Sie ihn?

Portisch: Er ist der Vollstrecker einer sehr komischen Idee. Dass sich die Briten nicht heimisch gefühlt haben innerhalb der EU, war für mich schon sehr überraschend. Es ist ein starkes, gutes, demokratisches Land. Und plötzlich diese Sehnsucht nach der Isolation. Das ist mir nicht ganz begreiflich. Dass das so ausartet, habe ich eigentlich nicht gedacht. Populismus zieht.

ÖSTERREICH: Ein weiteres Phänomen des Jahres ist Klimaaktivistin Greta Thunberg.

Portisch: Sie ist das Resultat der Vernetzung der Welt. Es zeigt, dass jemand, der Aufsehen erregt, durch die Digitalisierung rasch zu Weltruhm gelangen kann.

ÖSTERREICH: Nach dem Wahlsieg von Kurz läuft alles in Richtung Türkis-Grün als neue Regierungsform. Passt Ihnen das?

Portisch: Es ist jenes Verhältnis, das das Wahlergebnis wiedergibt. Eine türkis-grüne Koalition ist doch die einzig wirkliche Möglichkeit. Das versuchen Kurz und Kogler nun umzusetzen. Wahrscheinlich wird das auch gelingen. Für Österreich ist das etwas Neues, das uns noch einige Überraschungen bringen wird.

ÖSTERREICH: Wie zufrieden sind Sie mit der Situation im Land?

Portisch: Dieses Land hat seine und die globalen Krisen gut überstanden, steht gut da in der Welt. Das ist für ein kleines Land schon etwas Besonderes.

Karl Wendl
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