Erste Beobachtung

Hündin tötet Welpen im eigenen Rudel

Forschende der Vetmeduni und der Universität Hildesheim haben erstmals direkt beobachtet, dass eine frei lebende Hündin die Welpen eines verwandten Rudelmitglieds tötete und teilweise fraß.  

Kindstötung kommt auch beim besten Freund des Menschen vor, hat die Wiener Verhaltensforscherin Melissa Vanderheyden beobachtet. Eine frei lebende Hündin in Marokko brachte alle sechs neugeborenen Welpen einer nahe verwandten Rudelgenossin um. Ihr mutmaßliches Motiv war, die Konkurrenz für die eigenen, bald zur Welt kommenden Jungen zu beseitigen. Zur Tatzeit war sie nämlich trächtig. Die genauen Umstände wurden in der Fachzeitschrift "Ecology and Evolution" veröffentlicht.

Die Täterin heißt "Fig" und gehört zu einem Rudel, das in der marokkanischen Küstenstadt Tamraght herumstreunt. Ein Team um Melissa Vanderheyden vom Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung der Veterinärmedizinischen Universität Wien studiert dieses Rudel schon seit fast zehn Jahren. Kurz vor dem Vorfall war die vorige Alpha-Hündin verschwunden und Fig übernahm den höchsten Platz in der Rangordnung, berichten die Forscherinnen und Forscher: "Das Töten der Welpen könnte demnach auch dazu gedient haben, ihre neue Position zu festigen", heißt es in einer Aussendung.

Die Mutter der Welpen knurrte nur

Es geschah am 20. Dezember 2023 am späten Nachmittag. Hündin "Anna", die laut Erbgutuntersuchungen wahrscheinlich Figs Nichte ist, säugte zunächst ihre Jungen. "Zehn Minuten später steckte Fig ihren Kopf in den Bau, in dem sich Anna und ihre neugeborenen Welpen befanden", heißt es in der Fachpublikation: "Anna knurrte, griff aber nicht ein, als Fig den ersten Welpen mitnahm. Sie tötete und fraß ihn vier Meter vor dem Bau." Eine Stunde und zehn Minuten später waren auch Annas anderen fünf Welpen von Fig liquidiert und teilweise verspeist worden.

Kalorienmangel als Motiv schließen die Forscherinnen und Forscher aus: "Auf Grundlage unserer Beobachtungen denken wir nicht, dass die Hündin am Nährwert der Welpen interessiert war", so Vanderheyden: "Wir erfassten täglich Body Scores (Körperwerte, Anm.), die den körperlichen Zustand aller Weibchen abbilden. Fig hatte die höchsten Werte in der Gruppe. Sie hungerte also nicht. Wenn überhaupt, war sie übergewichtig."

Konkurrenz beseitigt

Vielmehr habe sie wahrscheinlich Konkurrenz für ihre Nachkommen beseitigt: "Ältere Welpen haben Vorteile gegenüber jüngeren: Sie sind größer und stärker", erklärt die Verhaltensforscherin. Es sei daher gut denkbar, dass die dominante Hündin diesen Vorsprung von Annas Jungen nicht tolerieren wollte. Normalerweise würden untergeordnete Weibchen das Risiko für ihre Welpen vermindern, indem sie ihre Geburten nach jenen des Alpha-Weibchens planen. Damit vermindern sie diesen Anreiz zur Auslöschung ihres Nachwuchses. Anna hatte jedenfalls vor der dominanten Hündin geworfen, und die Folge war die erstmalige Beobachtung von Kindstötung (Infantizid) bei weiblichen Haushunden durch die österreichischen Forscherinnen und Forscher.

Solches Verhalten ist weit verbreitet bei anderen Hundeartigen und Säugetieren. Kindstötungen durch Weibchen wurden etwa schon beobachtet bei Wildhunden, Kojoten, Wölfen, Schakalen und Füchsen sowie Affen, Bären, Ratten, Mäusen, Kaninchen, Robben, Hyänen, Zebras, Fledermäusen, Wildschweinen, Meerschweinchen, Hamstern und Lemmingen. "Das deutet darauf hin, dass dieses Verhalten ein ursprüngliches Merkmal sein könnte, das Haushunden erhalten geblieben ist", heißt es.

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