Kurz nach ihrem Abschied von der olympischen Bühne hat Snowboard-Ikone Anna Gasser unentschlossen auf ihre sportliche Zukunft geblickt.
Das Heimspiel in Flachau im März würde sie schon gerne mitnehmen, betonte die Doppel-Olympiasiegerin am Mittwoch. Für die Zeit danach steht eine Entscheidung noch aus. Ein Antreten bei der Heim-WM 2027 im Montafon? "Eher nicht", sagte die 34-jährige Kärntnerin in Livigno, nachdem sie das Kapitel Olympia nicht wie gewünscht beendet hatte.
Bei den Winterspielen in Italien kam die Big-Air-Olympiasiegerin von 2018 und 2022 nicht über die Plätze acht (Big Air) und zehn (Slopestyle) hinaus. In der Mixed Zone kam Gasser das Wort "Scheiße" über die Lippen, auch weil sie in ihrem letzten Bewerb im Zeichen der Fünf Ringe nicht in Schwung gekommen war. "Das einzig Positive ist, dass ich diesen Kurs nie mehr fahren muss", sagte das Leichtgewicht, das mit Geschwindigkeitsproblemen zu kämpfen hatte.
Fehlender Speed machte Gasser mental fertig
"Ich weiß auch nicht, warum ich so langsam bin", grübelte Gasser im Nachhinein. Das Training am Vormittag habe halbwegs gut angefangen, dann sei aber der Gegenwind gekommen. "Dann bin ich nicht mehr über den letzten Kicker gekommen und das hat mich mental fertiggemacht. Ich habe es nicht auf den Punkt gebracht." Der letzte Sprung sei wie verhext gewesen, erzählte Gasser, die in der Vorbereitung ein halbes Jahr an einer Schulterverletzung laboriert hatte und erst im Jänner in den Weltcup zurückgekehrt war. "Rückblickend war es schon sehr knapp und sehr ambitioniert."
Die verpatzten Bewerbe in Italien hatten für die Millstätterin aber auch etwas Positives. "Ich schätze die beiden Goldmedaillen jetzt ein bissl mehr, weil ich weiß, wie schwer es ist, an diesem Tag zu hundert Prozent fit zu sein und die Leistung abzurufen", sagte sie. Es sei auch beruhigend, sich diesen großen Traum schon erfüllt zu haben. Ihre erste Goldmedaille in Pyeongchang sei "hundertprozentig" ihre schönste Olympia-Erinnerung, betonte Gasser. "Da war so viel Druck auf mir, das habe ich bis jetzt noch nie gespürt wie damals in Korea." Vier Jahre später schlug sie bei den Corona-Spielen in Peking ein weiteres Mal zu.
Gasser blickt positiv in die Freestyle-Zukunft
Mit zwei Olympia-Goldenen, zwei Weltmeistertiteln, einem Vizeweltmeistertitel sowie fünf Erfolgen bei den X-Games hat Gasser ihre Sportart geprägt. In ihre Fußstapfen will Hanna Karrer treten, die 18-jährige Steirerin hatte in Livigno bei ihrem Olympia-Debüt mit einer Finalteilnahme im Big Air aufgezeigt. "Für Hanna ist ganz wichtig, dass sie gesund und dabei bleibt. Sie hat keine Speed-Probleme", sagte Gasser und lachte. "Ihr traue ich noch sehr viel zu, wenn sie es will."
Über die rot-weiß-rote Freestyle-Zukunft bei den Snowboardern macht sich Gasser keine Sorgen. "Wir haben sicher vier, fünf Mädels, die Weltcup-Potenzial haben. Das ist eigentlich ein Wahnsinn", erklärte die dreimalige Sportlerin des Jahres, die bei ihrem Weltcup-Debüt 2013 noch als heimische Solokämpferin unterwegs gewesen war.
Wettkampfpause keine Option
Mit Blick auf ihre eigene Zukunft komme eine längere Wettkampfpause nach dem Vorbild von Ski-Superstar Lindsey Vonn jedenfalls nicht infrage. "In unserem Sport ist es nicht so, dass man nach jahrelanger Pause zurückkommen kann und auf höchstem Niveau mitfährt", erklärte Gasser. "Wenn man weiterfährt, ist es ein Commitment (dt. Verpflichtung, Anm.) für ein ganzes Jahr." Außerdem würden ihre jungen Konkurrentinnen auch immer besser werden. "Dann müsste ich mich auch wieder steigern", betonte die mit Abstand älteste Teilnehmerin des olympischen Slopestyle-Finales.