Abgeordnete des Europäischen Parlaments erhöhen den Druck auf die EU-Kommission: Sie fordern ein Ende der Stopfleber-Produktion in Europa. In einem gemeinsamen Brief wenden sie sich an die EU-Kommissare Olivér Várhelyi und Christophe Hansen.
Ihre Forderung: Die Zwangsmast von Enten und Gänsen – die Grundlage für die Herstellung von Foie gras – soll schrittweise abgeschafft und endlich gesetzlich verboten werden.
Was dabei besonders auffällt: Die Kritik kommt nicht nur aus dem Tierschutz – sondern auch aus der Politik selbst. Abgeordnete aus insgesamt 15 EU-Ländern haben den Brief unterzeichnet. Darunter auch Vertreter aus Ländern, in denen Stopfleber noch produziert wird, etwa Frankreich oder Spanien. Das zeigt: Selbst dort, wo wirtschaftliche Interessen besonders groß sind, wächst der Widerstand gegen diese Praxis. Denn wissenschaftlich ist die Lage eindeutig: Expertinnen und Experten sind sich seit Jahren einig, dass die Zwangsmast tierschutzwidrig ist. Trotzdem fehlt bis heute ein konsequentes Verbot auf EU-Ebene.
Warum ist das so?
Eine neue Analyse der Tierschutzorganisation Animal Equality liefert darauf eine mögliche Antwort.
Die Organisation hat hunderte Treffen der EU-Kommissare ausgewertet – und kommt zu einem klaren Ergebnis: In den vergangenen 15 Monaten trafen sich die zuständigen Kommissare fast ausschließlich mit Vertreterinnen und Vertretern der Agrarindustrie.
In Zahlen: 46 Treffen mit der Industrie – aber nur 7 mit Tierschutzorganisationen. Das entspricht einem Verhältnis von etwa sieben zu eins.
Besonders brisant: Auch der Lobbyverband Euro Foie Gras hatte direkten Zugang zu den Entscheidungsträgern. Mehrere Treffen fanden unter anderem zum Thema „Tierschutz und Gesundheit“ statt.
Kritiker sprechen deshalb von einem massiven Ungleichgewicht beim politischen Einfluss.
Und dieser Einfluss könnte konkrete Folgen haben. Denn im Oktober 2025 verabschiedete die EU-Kommission eine überarbeitete Verordnung zu Geflügelprodukten. Trotz breiter Kritik wurden dabei die Mindestgewichte für Foie gras beibehalten. Das Problem: Diese Gewichte lassen sich praktisch nur durch Zwangsmast erreichen. Damit wird eine Praxis, die eigentlich umstritten ist, indirekt zur Voraussetzung gemacht.
Dabei hatte sich die Öffentlichkeit zuvor klar positioniert: Rund 90 Prozent der Teilnehmenden einer EU-Konsultation sprachen sich für eine Abschaffung dieser Vorgaben aus. Trotzdem blieb alles beim Alten.
Ein weiterer Kritikpunkt: Die aktuellen Regelungen stammen aus den Jahren 1991 und 1995. Also aus einer Zeit, in der Tiere rechtlich noch nicht als fühlende Lebewesen anerkannt waren.
Heute ist das anders. Und auch international wächst die Kritik: Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen sowie wissenschaftliche EU-Gremien lehnen die Zwangsfütterung inzwischen klar ab.
Da die Zwangsmast von Enten und Gänsen für Stopfleber nachweislich eine der qualvollsten Praktiken der Tierindustrie ist, ist sie in vielen Ländern außerhalb der EU wie Indien, Israel, Argentinien und Teilen der USA bereits illegal. Und auch in der Europäischen Union ist sie grundsätzlich seit 1999 verboten. In fünf Ländern ist die Produktion der Stopfleber weiterhin legal – darunter Frankreich, Ungarn, Bulgarien, Spanien und Belgien. Möglich macht das eine Ausnahmeregelung für Länder, in denen die Produktion „Tradition“ hat.
Die Zwangsmast wird also in der EU zum Großteil abgelehnt. Doch besonders erschreckend ist: Der Großteil (schätzungsweise rund 80 Prozent) der Stopfleber weltweit wird in der EU hergestellt.
Ein widersprüchliches System. In Ländern wie Deutschland ist die Produktion zwar verboten – der Import und Verkauf von Foie gras sind jedoch weiterhin erlaubt.
Was das konkret für die Tiere bedeutet, ist erschütternd: Schätzungen zufolge werden jedes Jahr rund 40 Millionen Enten und Gänse in der EU für die Stopfleber-Produktion genutzt und getötet. Während der Zwangsmast wird den Tieren über ein langes Metallrohr mehrmals täglich Futter direkt in den Magen gepumpt. Innerhalb weniger Wochen nehmen sie extreme Mengen an Gewicht zu. Die Leber verfettet krankhaft und erreicht ein Vielfaches ihres natürlichen Zustands.
Viele Tiere leiden unter Schmerzen, Atemproblemen und Verletzungen.
Die Sterblichkeitsrate ist um ein Vielfaches höher als bei normaler Haltung.
Unsere Tiere – Das große oe24.TV-Tierschutzmagazin von Sonntag, 12.04.2026, hier in voller Länge sehen. Nächste Ausgabe Unsere Tiere: 19.04.2026, 18:30 Uhr
Für die unterzeichnenden Abgeordneten ist klar: Die aktuelle Situation ist nicht länger haltbar. Sie fordern, dass die Interessen der Industrie nicht länger über dem Schutz von Millionen Tieren stehen dürfen.Ob die EU-Kommission darauf reagiert, bleibt offen. Doch der politische Druck wächst. Und die Debatte über Foie gras ist längst nicht mehr nur eine Frage des Geschmacks – sondern eine Grundsatzfrage darüber, wie Europa mit Tieren umgeht.