Deutscher IS-Jihadist: "Ich war ein Kiffer"

Terrorismus

Deutscher IS-Jihadist: "Ich war ein Kiffer"

Der Syrien-Rückkehrer der "Lohberger Brigade" schildert seine Jugend.

Was denn eigentlich das Ziel des Jihad sei, will die Vorsitzende Richterin Barbara Havliza vom Angeklagten wissen. "Der Kampf für die Muslime auf der ganzen Welt", antwortet Nils D. wie aus der Pistole geschossen.

Richterin ist unzufrieden
Der 25-Jährige aus Dinslaken, der in Syrien einer Spezialeinheit der Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) angehört haben soll, antwortet zum Beginn seines Prozesses am Mittwoch im Düsseldorfer Hochsicherheitstrakt zwar bereitwillig auf die Fragen des Gerichts - doch mit seinen Angaben ist Richterin Havliza hörbar unzufrieden.

Vieles klingt der Juristin zu vage und zu floskelhaft. Immerhin - der aus dem nordrhein-westfälischen Dinslaken stammende D. zählt zu den wenigen Syren-Rückkehrern, die sich vor deutschen Gericht nicht in eisernes Schweigen hüllen. Bereits in seinen Verhören bei den deutschen Ermittlern vor dem Prozess habe D. ja "über einen langen Zeitraum Angaben gemacht", sagt Havilza.

Trennscheibenanordnung aufgehoben
Zugleich gibt die Richterin zu erkennen, dass sie die grundsätzliche Aussagebereitschaft des Angeklagten durchaus würdigt: D. darf zu Beginn des ersten Prozesstages seinen Platz hinter der gläsernen Trennwand in dem Düsseldorfer Gerichtssaal verlassen und sich neben seine Anwälte auf einem Stuhl nahe dem Richtertisch setzen. Die "Trennscheibenanordnung", erläutert Havliza, könne immer dann vom Gericht aufgehoben werden, wenn es Anzeichen für eine Distanzierung des Angeklagten gebe - für eine Distanzierung von der Terrororganisation, in der er Mitglied gewesen sein soll.

Kein typischer IS-Kämpfer
Mit gängigen Vorstellungen von einem IS-Kämpfer hat D. auf den ersten Blick nichts gemein. Der großgewachsene 140-Kilo-Mann ist bartlos, trägt kurze Haare, eine Brille und ganz gewöhnliche Jeans. Beim Betreten des Gerichtssaales versteckt er sein Gesicht vor den Fotografen hinter einem aufgeklappten Aktenordner.

Warum macht sich ein Hauptschüler aus einem evangelischen Elternhaus, der in seiner Jugend wiederholt straffällig geworden ist, nach Syrien auf und macht dort gemeinsame Sache mit dem IS? D. schildert vor Gericht, wie er vor seinem Übertritt zum Islam im August 2011 Marihuana rauchte, Drogen nahm. 15 Jahre war er damals alt - und bereits Vater einer Tochter.

Marihuana und Islam
"Ich war ein Kiffer", sagte D., der nach der Schule mit einer Lehre als Anlagenmechaniker scheiterte, weil er nicht regelmäßig zur Berufsschule ging. Mit Kumpeln habe er damals in Internet-Cafes "abgehangen", sagt D. Dann habe sich sein Leben geändert, weil er sich dem Islam zugewandt habe.

Eine zentrale Rolle dabei spielte offenbar sein Cousin, der später in Syrien ums Leben kam. "Der wollte mich bekehren", erinnert sich der Angeklagte. Und ihm fällt ein Besuch bei seinem Cousin in Dinslaken vor gut fünf Jahren ein: "Da stand ein Koran im Regal." Den könne er mitnehmen, habe sein Verwandter ihm damals gesagt.

Vollständige Wende
Von dieser Zeit an habe er abends den Koran gelesen und Predigten des Salafisten Pierre Vogel im Internet gehört. Im August 2011 trat D. dann zum Islam über. Von diesem Tag an habe er sich vollständig von seinem bisherigen Leben abgewendet. Kein Alkohol mehr, keine Drogen, dafür regelmäßige Gebete.

Mit Gleichgesinnten habe er sich regelmäßig abends im Dinslakener Stadtteil Lohberg getroffen - zu Vorträgen und Gesprächen über den Salafismus. Anschießend sei Tee getrunken worden.

"Lohberger Brigade"
Damals entstand in Dinslaken jene Gruppe von Islamisten, die später zur berüchtigten "Lohberger Brigade" werden sollte. Wie D. zogen Mitglieder dieses salafistischen Zirkels in den Krieg nach Syrien - mehrere von ihnen kamen bei den Kämpfen oder als Selbstmordattentäter um.

Mit Spannung wird in dem Düsseldorfer Verfahren nun erwartet, ob D. an den kommenden Verhandlungstagen weitere Details aus dem Innenleben des IS in Syrien preisgibt.

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