Rechtsradikaler schrieb Bekenner-Brief

Neonazi-Terror: Täter hatte Kontakt in Niederösterreich

Der 42-jährige Deutsche Tobias R. ermordete aus rechtsradikalen Motiven insgesamt 10 Menschen bevor er sich selbst das Leben nahm – Täter suchte Hilfe in Niederösterreich (Ternitz).

Offenbach/Hanau. Ein nach den tödlichen Schüssen im deutschen Hanau als tatverdächtig gesuchter Mann ist tot in seiner Wohnung aufgefunden worden. Wie das Polizeipräsidium Südosthessen am frühen Donnerstagmorgen mitteilte, entdeckten Spezialkräfte der Polizei in derselben Wohnung zudem noch eine weitere Leiche. Laut Berichten der "BILD" soll es sich dabei um die Mutter des Täters handeln. "Beide wiesen Schussverletzungen auf, die Tatwaffe wurde bei dem mutmaßlichen Täter gefunden", bestätigte der Hessische Innenminister Peter Breuth.
 
Video zum Thema: Neonazi-Terror in Hanau: Opfer berichtet vom Blutbad
 
Die Polizei hatte nach den Schusswaffenvorfällen am Mittwochabend an zwei verschiedenen Orten in Hanau eine Großfahndung eingeleitet. Durch die Schüsse an diesen beiden Tatorten wurden nach Angaben der Polizei mindestens neun Menschen getötet. 
 
Zuvor hatte die Polizei die Zahl der Toten an den zwei Tatorten vom Abend in Hanau noch mit acht angegeben. Einer der verletzten Menschen verstarb inzwischen, wie ein Polizeisprecher sagte. Inklusive der beiden in der Wohnung gefundenen Leichen des Täters Tobias R. und dessen 72-jähriger Mutter stieg die Zahl der Toten damit auf elf.
 
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Die ersten Schüsse fielen den Ermittlern zufolge am Mittwochabend gegen 22.00 Uhr. Am Heumarkt in der Hanauer Innenstadt blicken Passanten später in der Nacht immer wieder fassungslos auf die Szenerie am abgesperrten Tatort. Nicht weit entfernt in einer Seitenstraße liegen Patronenhülsen auf dem Fußweg.
 
Nur rund zwei Kilometer davon entfernt im Stadtteil Kesselstadt befindet sich ein weiterer Tatort. Dort wurden ebenfalls Schüsse abgefeuert. Eine mögliche dritte Gewalttat im Stadtteil Lamboy bestätigte sich nicht. Die Polizei war aber auch dort mit einem Großaufgebot vor Ort.
 
Es ist ein Verbrechen, das die beschauliche und nur wenige Kilometer östlich von Frankfurt gelegene Stadt in ihrer jüngeren Geschichte noch nicht erlebt hat. Einer der Tatorte ist eine Shisha-Bar am Heumarkt, einer Straße, die etwas am Rande der Innenstadt von Hanau mit seinen rund 100.000 Einwohnern liegt. Es ist eine Gegend mit Spielhallen, Wettlokalen und Döner-Imbissbuden - und am späten Mittwochabend auch Polizeisirenen, Blaulicht und Absperrband.
 
Der zweite Tatort ist fast in Gehweite, mit dem Auto sind es bis dahin nur etwa fünf Minuten. Der Kurt-Schumacher-Platz liegt in einem Wohnviertel. Dort befindet sich im Erdgeschoß eines Wohnblocks eine Art Kiosk, mit der Aufschrift "24/7 Kiosk" auf der großen Glasscheibe, auf einem Reklame-Leuchtschild steht "Arena Bar & Café". Der Blick ins Innere ist versperrt, die Scheiben sind teils halbhoch mit orangefarbener Folie beklebt.
 

DAS ist der Täter

 
© Screenshot (YouTube)
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Bei dem Täter soll es sich um den 43-jährigen Deutschen Tobias R. handeln. Er veröffentlichte kurz vor der unfassbaren Tat ein Video und hinterließ ein 24-seitiges Manifest, in dem er schrieb, dass bestimmte Völker vernichtet werden müssten, da deren Ausweisung aus Deutschland nicht mehr zu schaffen sei. Der Todesschütze soll legal im Besitz einer Waffe und Sportschütze gewesen sein und war zuvor weder als fremdenfeindlich bekannt gewesen, noch polizeilich in Erscheinung getreten. Das Motiv dürfte laut Polizei im rechtsradikalen Umfeld liegen. In dem auf YouTube veröffentlichten Video spricht der Mann in fließendem Englisch von einer "persönlichen Botschaft an alle Amerikaner". Der Clip, der Donnerstagfrüh weiter im Internet zu sehen war, wurde offensichtlich in einer Wohnung aufgenommen.
 
Darin sagt Tobias R., in den USA existierten unterirdische Militäreinrichtungen, in denen Kinder misshandelt und getötet würden. Dort würde auch dem Teufel gehuldigt. Amerikanische Staatsbürger sollten aufwachen und gegen diese Zustände "jetzt kämpfen". Ein Hinweis auf eine bevorstehende eigene Gewalttat in Deutschland ist in dem Video nicht enthalten.
 
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Tobias R. suchte Hilfe in Niederösterreich

 
Donnerstag wurde bekannt, dass der rechtsradikale Mörder Kontakt mit einem Mann aus Österreich hatte. Tobias R. redete sich ein, seit Jahren von Geheimdiensten überwacht zu werden – aus diesem Grund kontaktierte er den Ternitzer Bernd Gloggnitzer, einen spirituellen Intuitionstrainer der "Remote Viewing School". Im Gespräch mit ÖSTERREICH sagte dieser, dass der Hanau-Attentäter per Mail mehrmals um Hilfe angesucht haben soll. So soll Tobias R. Gloggnitzer bereits im Herbst des Vorjahres kontaktiert haben. Doch Gloggnitzer machte dem Mann schnell klar, dass er ihm nicht helfen könne. Der Niederösterreicher fiel jedenfalls aus allen Wolken, als er Donnerstagfrüh erfuhr, dass er namentlich im Manifest des Attentäter vorkommt.
 

Legaler Besitzer von Waffen

Laut Informationen der "Welt" besaßTobias R. einen legalen Waffenschein und war in Besitz von drei Pistolen. Darunter auch eine von Kaliber 9. Er besaß jedoch keinen Jagdschein, als Sportschütze hatte er jedoch eine Waffenbesitzkarte.

Augenzeuge: "Tote lagen überall am Boden"

Ein 24-Jähriger, der nach eigenen Angaben der Sohn des Kioskbesitzers ist, erzählt, er sei bei der Tat nicht vor Ort gewesen - sein Vater auch nicht, wie er erst später erfahren habe. Als er von den Schüssen gehört habe, sei er sofort hergekommen. "Ich habe erstmal einen Schock bekommen." Die Opfer seien Leute, "die wir jahrelang kennen". Es seien zwei Mitarbeiter und eine Person, die er schon von klein auf kenne. Wer verübt solch ein Verbrechen? Der 24-Jährige ist ratlos: "Wir kennen sowas nicht, wir sind auch nicht mit Leuten zerstritten. Wir können es uns gar nicht vorstellen. Es war ein Schock für alle."
 
Video zum Thema: Augenzeuge im Interview
 

Innenminister spricht von Terrorakt

Nach der Gewalttat in Hanau mit mehreren Toten hat der hessische Innenminister Peter Breuth am Donnerstag einen mutmaßlichen rechtsextremen Hintergrund der Tat bestätigt. "Nach unseren jetzigen Erkenntnissen ist ein fremdenfeindliches Motiv durchaus gegeben", sagt der CDU-Politiker am Donnerstag. Darauf deute etwa eine Homepage hin, aus der sich ein mutmaßlicher rechter Hintergrund ergebe.
 
"Er stuft das Verbrechen als Verdacht einer terroristischen Gewalttat ein", sagte Beuth. "Bislang liegen keine Hinweise auf weitere Täter vor." Beuth verurteilte die Tat: "Es ist ein Anschlag auf unsere freie und friedliche Gesellschaft."
 

Bestürzung in ganz Deutschland

 
Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte wegen des Gewaltverbrechens einen geplanten Besuch in Sachsen-Anhalt ab. Sie werde an diesem Donnerstag nicht wie geplant zum Amtswechsel an der Nationalen Akademie der ‎Wissenschaften Leopoldina nach Halle fahren, teilte Regierungssprecher Steffen Seibert im Kurznachrichtendienst Twitter mit. Auch der deutsche Innenminister Horst Seehofer (CSU) hat wegen des Gewaltverbrechens in Hanau einen Termin abgesagt.
 
Video zum Thema: Blutbad mit mindestens elf Toten: Mörder erschoss sich
 
Der Hanauer Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) zeigt sich in einer Sondersendung von "Bild live" erschüttert über die Gewalttaten. "Das war ein furchtbarer Abend, der wird uns sicherlich noch lange, lange beschäftigen und in trauriger Erinnerung bleiben." Via Facebook spricht Kaminsky den Angehörigen der Opfer seine Anteilnahme aus. "Meine Gedanken sind bei den Familien und Freunden der Opfer. Ihnen gilt mein tief empfundenes Beileid."
 
Ebenfalls erschüttert zeigte sich Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU). "Das ist furchtbar", sagte Bouffier am Donnerstag in Wiesbaden. Diese Tat mache "im Grunde sprachlos". Alle Bürger in Hessen seien "entsetzt". An Spekulationen zu den Hintergründen der Tat wolle er sich nicht beteiligen.
 
 
Video zum Thema: Bürgermeister im Interview
 
 
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Bundeskanzler Kurz spricht Anteilnahme aus

 

 
 
 
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