ÖSTERREICH-Reporter Karl Wendl berichtet live aus dem Kriegsgebiet in der Ukraine.
Raketen, Granaten, Checkpoints, Hunderttausende auf der Flucht, bewegende Schicksale, Angst, viele Tränen. Eine Woche war ich vor Kiew. Mein Kriegstagebuch:
Samstag, 26. Februar: Einreise in die Ukraine
Einreise mit dem Auto. Auf der Fahrt durch die Karpaten kommen mir Tausende entgegen. Flüchtlinge. Nur ich fahre Richtung Kiew. In Ternopil treffe ich Nataliya Yeshova (35), TV-Moderatorin, sie schaffte es aus Kiew raus. Mit ihrer Tochter Kira (9). Sie erzählt: „Wir wurden vom Feuerschein geweckt, eine Rakete schlug ein. Ich wusste, ich muss hier raus. Ich packte Kira, dann weg. Im Auto. Allein. Mein Mann blieb, er verteidigt Kiew.“
TV-Moderatorin Nataliya (M.) und ihre 9-jährige Tochter Kira müssen aus Heimat flüchten.
Montag, 28. Februar: ›Was soll aus uns werden?‹
Schytomyr. Westlich von Kiew. Raketen schlagen ein. Auch das Spital wird getroffen. Vor der Stadt ein Hotel. Vlada und ihre Mutter sind hier. Vlada ist 15, ein zartes Mädchen: „Ich habe Angst, möchte wieder in die Schule. Was soll aus uns werden?“ Vlada hat ein kleines Rucksäckchen mit, das Nötigste. Sie weint ohne Tränen. Erschütternd.
Vlada (15) und ihrer Mutter. Das Mädchen sagt: „Ich habe Angst, möchte wieder in die Schule.“
Dienstag, 1. März: Zivile Einheit ist kampfbereit
30 km vor Kiew. Frontlinie. Stopp. Das Wumm einschlagender Granaten ist zu hören. Die Russen, heißt es, sind nur fünf Kilometer entfernt. Die Soldaten schicken uns auf eine Landstraße. Jeder Ort eine Festung. Wir treffen Jewgeny (26), er kommandiert eine Einheit. 20 Mann. Studenten, Arbeiter, Rentner. Sie haben Jagdgewehre, Kalaschnikows, Molotowcocktails: „Kommt ein Panzer, zünden wir den Fetzen an und schleudern die Cocktails auf den Panzer.“
Molotowcocktails sind bereit: Jewgeny (26) mit vorbereiteten Waffen gegen Angreifer.
Die ukrainischen Kämpfer kündigen Widerstand an: „Wir werden die Russen mit allen Mitteln zurückschlagen!“
Mittwoch, 2. März: Hilfsbereitschaft ist enorm
Nächtigung. Schneefall, Kälte. Ein 64 Kilometer langer russischer Militärkonvoi schiebt sich auf Kiew zu. Ich treffe Wolodymyr Gabenes, Bürgermeister von Brussyliw. Er lädt uns in sein Privathaus ein, hier können wir die Nacht in Sicherheit verbringen. Die Hilfsbereitschaft der Ukrainer ist umwerfend: Sie teilen, helfen, sind bemüht. Die Frau des Bürgermeisters kocht auf. Sie sagt: „Vor wenigen Wochen konnten wir noch via Wien in den Urlaub fliegen. Jetzt das.“
Wolodymyr Gabenes, Bürgermeister von Brussyliw, lädt mich zum Schlafen und Essen ein.
Donnerstag, 3. März: Eine Rakete richtet viel Leid an
Opfer. Der Angriffskrieg fordert immer mehr zivile Opfer, auch Kinder. Ich besuche Iryna Transkovska (30) im Spital. Sie, ihr Mann Vitali und ihre beiden Kinder (2 und 11) wurden von einer Rakete verletzt. „Unser Haus liegt am Ortsrand von Nebelytsya, davor verläuft die Frontlinie. Mich hat es am Kopf getroffen, wohl ein Splitter. Überall Blut, aber kein Schmerz.“ In Richtung russischer Soldaten sagt sie: „Ich glaube, sie wissen nicht, was sie tun. Sie töten uns grundlos, ohne einen Anlass.“
Samstag, 5. März: Krisenteam hilft bei Weiterreise
Krisenteam. Ich treffe Zoya Nechay (63) aus Kiew. Sie schaffte es gemeinsam mit 14 anderen in einer dreitägigen Reise über Lwiw in den Grenzort Uschgorod. Das österreichische Krisenteam, das hier seinen Stützpunkt hat, hilft ihr bei der Weiterfahrt nach Wien. Dort lebt ihre Tochter, eine Dirigentin. Zoya zittert, hat Tränen: „Ich kann es nicht in Worte fassen, aber ich bin Österreich so dankbar.“
Arbeitsplatz: Reporter Karl Wendl berichtet seit über einer Woche aus der Ukraine.