Weltchronik

Pinter hatte Decknamen "Harry Potter"

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Um Indiskretionen vor der Preisverleihung zu verhindern, müssen Juroren Verhaltensregeln wie Geheimagenten befolgen.

Harold Pinter ist für die Stockholmer Nobeljuroren nur "Harry Potter" gewesen. So lautete der Deckname des 76-jährigen englischen Dramatikers in der Schwedischen Akademie, ehe ihm vergangenes Jahr der Literaturnobelpreis zuerkannt wurde. Der wirkliche Name durfte nie benutzt werden, damit nur ja nichts nach außen dringen konnte.

Betagte Juroren als Geheimagenten
Kurz vor der diesjährigen Bekanntgabe des berühmtesten Literaturpreises der Welt am Donnerstag hat Akademie-Sekretär Horace Engdahl (57) offenbart, dass die zum Teil schon recht betagten Juroren auch sonst mehr und mehr Verhaltensregeln wie Geheimagenten zu befolgen haben. In einem Interview mit "Dagens Nyheter" berichtete Engdahl, dass Anwärter in Mails nie beim Namen genannt werden dürfen. Alle Kandidatenlisten werden nach jeder Sitzung verbrannt. Gespräche zwischen Akademiemitgliedern im Stammrestaurant "Den Gyldne Freden" dürfen nur bei Verwendung von Decknamen für Kandidaten laut geführt werden.

"Wir halten jetzt dicht"
"Ich glaube, wir halten jetzt dicht. Früher hat die Akademie ja geleckt wie ein Sieb", fasste der Sekretär das Ergebnis seiner Tätigkeit als Akademiechef seit 1999 zusammen. Gerne hebt er vor Journalisten heraus, dass er als junger schwedischer Soldat auch eine Ausbildung in "Verhörtechnik" genossen habe, die ihm nun bei der Fahndung nach geschwätzigen Nobeljuroren zugute komme.

Falsche Umschläge
Engdahls Stellvertreter Per Wästberg, ein freundlicher Herr von 72 Jahren, nickt nur bedächtig und mit besorgter Miene, wenn man ihn fragt, ob die Lektüre auf dem Nachttisch seines Sommerhäuschens Aufschluss über heiße Nobelanwärter erlaube. Horace Engdahl, dessen Vater Admiral war und seinen Sohn nach dem britischen " Kriegshelden" Horatio Nelson benannte, ist aus anderem Holz geschnitzt. Umschläge von ihm gerade gelesener Bücher könnten "falsch " sein, um Neugierige in die Irre zu führen, vertraute der vielleicht einflussreichste Literaturjuror der Welt den Stockholmer Zeitungslesern an.

"Schlimmer als eine Ehe"
Freunde, Kritiker und Gegner erkennen an, dass Engdahl die Vergabe des Literaturnobelpreises mit seinen Geheimdienstmethoden zu einer echten Geheimsache gemacht hat. Entsprechend selbstbewusst äußert sich der Literaturwissenschafter inzwischen auch über alle anderen Fragen rund um die Akademie. Die nominell 18 Mitglieder zusammenzuhalten sei "schlimmer als eine Ehe", meinte er im Interview.

Immer weniger geeignete Kandidaten
Über die nach dem Tod von zwei Mitgliedern gerade abgeschlossene Nachwahl durch die Akademie selbst sagte Engdahl, es gebe immer weniger geeignete Kandidaten. "Gewisse charakterliche Anforderungen" seien auch mit Blick auf die wöchentlichen Akademiesitzungen zu erfüllen: "Entscheidet man sich für einen Schäferhund als Träger des Literaturnobelpreises, ist man den nach einer Woche los. Aber ein Akademiemitglied hat man Jahr um Jahr jeden Donnerstag am Hals."

200 Jahre alte Statuten
Die über 200 Jahre alten Statuten sehen eine unauflösbare Mitgliedschaft bis zum Tode vor. Deshalb wird die Schriftstellerin Kerstin Ekman (73) immer noch als Mitglied geführt, obwohl sie schon 1989 aus Protest gegen das Schweigen der Akademie zur Verfolgung Salman Rushdies ihre Mitarbeit für immer eingestellt hatte. Beim Aushandeln der Preisträger herrsche "Katakombenstimmung", beschrieb sie ihre Eindrücke und nannte die Preisvergabe ein "Rokokotheater" .

Lebenslange Zwangs-Mitgliedschaft
Engdahl verteidigt auch die unabhängig vom Willen Betroffener lebenslang geltende Mitgliedschaft im Stil eines Geheimdienstchefs: "Sonst hätten wir ja Leute, die da in der Stadt rumlaufen und sich nicht mehr an ihre Schweigepflicht gebunden fühlen. " Damit es auch für den Letzten klar wird, erläutert er die Mitgliedschaft in der Schwedischen Akademie noch einmal "im Klartext" : "Es gibt nur einen Weg heraus, und das ist durch den Schornstein."

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