Wahlen im Bann einer Toten

Pakistan

Wahlen im Bann einer Toten

80 Millionen Pakistani wählen heute die Zukunft eines zerrissenen Landes. Krisenreporterin Antonia Rados berichtet für ÖSTERREICH vor Ort.

Wir reden vom Terror, die Pakistani von „Brot, Kleidung und einem Heim“: Mit diesem Slogan ziehen die Kandidaten von Benazir Bhuttos pakistanischer Volkspartei durch die Provinzen Sindh und Punjab, ihre Hochburgen. Heimat von einem Großteil der 160 Millionen Pakistani. Und Wahlkampfgebiet von einer „Grande Dame“ des Landes, der ehemaligen Botschafterin Abada Hussein.

Sie war eine Vertraute der ermordeten Ministerpräsidentin Benazir Bhutto, in deren Bann die heutige Wahl steht. Wie Bhutto ist sie Großgrundbesitzerin, Mitglied einer mächtigen Feudal-Familie. 25 sind es insgesamt im Land. Die Tagelöhner hören ihr aufmerksam zu, wenn sie „Brot, Kleidung und ein Heim“ verspricht. Die meisten verdienen gerade drei Euro am Tag. Tagelöhner und Hilfsarbeiter haben bei dieser Wahl ­also nichts zu verlieren.

Der Bhutto-Mythos
„Brot, Kleidung und ein Heim“: Benützt hatte diesen Slogan schon Zulfikar Bhutto, Vater von Benazir Bhutto. Er war ein Robin Hood der Armen, bevor ihn die Militärs hinrichten ließen. Die Bhutto-Partei lebt von diesem Mythos. Der Widersacher der Bhutto-Partei, Präsident Musharraf, kann dem wenig entgegensetzen. Sein Anti-Terrorkampf interessiert kaum jemanden. „Musharraf hat von den Amerikanern viel Geld für seinen Kampf gegen die Islamisten bekommen. Davon haben wir nichts gesehen“, so ein Dorfältester in der Nähe von Faisalabad.

Musharraf schuf ein Land der Gegensätze: In Lahore und Karatschi, den zwei größten Städten des Landes, sind in den vergangenen Jahren Inseln des Wohlstandes entstanden: Mitglieder des islamischen Jetsets feiern dort ihre Partys. Steuern zu zahlen gilt als gar nicht standesgemäß.

Nährboden des Terrors
In allen Provinzen, von Sindh im Süden bis zu Belutschistan im Nordwesten, fehlt es hingegen an Schulen. Das ist der Grund, warum in den vergangenen Jahren 15.000 Koranschulen, Madrassas, gegründet wurden. Sie sind gratis. Niemand kontrolliert den Lehrplan. In den konservativen Provinzen wie der Grenzprovinz zu Afghanistan, der „North­-Western Frontier Province“ (NWFP), steht in jedem Dorf eine. Die Absolventen werden im besten Fall Tagelöhner wie ihre Väter, im schlimmsten Fall schließen sie sich den Taliban an. Taliban-Kommandanten kontrollieren ganze Landstrichen an der pakistanisch-afghanischen Grenze.

Notnagel Musharraf
„Ohne Armee“, sagt Lokalreporter Shafiq Q., „würde dieses Land bald auseinanderfallen.“ Ohne Musharraf wahrscheinlich auch. Niemand will es eingestehen, doch dem angeschlagenen Präsidenten traut man zumindest zu, das Land zusammenzuhalten. Wer sollte das sonst tun? Seit der Ermordung von Benazir Bhutto fehlt ein Hoffnungsträger.

In den westlichen Medien sprach Bhutto von der Wiedererrichtung der „Demokratie“. Vor einfachen Leuten redete sie von „ Brot, Kleidung und einem Heim“. Das verstehen drei Viertel der Pakistani besser.

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