Opfer:

Missbrauch

Opfer: "Männer kamen viermal pro Woche"

Susanne Hacker (69, Name geändert) scheint eine lebenslustige Frau zu sein – immer ein Lächeln auf den Lippen, stets gut aufgelegt und äußerst freundlich. Doch ihre Kindheit war die reinste Hölle. Acht Jahre lang lebte Hacker als Kind (6 bis 14 Jahre) im Kinderheim am Wilhelminenberg in Wien

All die Grausamkeiten, von denen seit Tagen berichtet wird, hat Hacker in den Jahren 1948 bis 1956 miterlebt. Hacker erlebte, wie fast jede Nacht männliche Pfleger in den Schlafraum kamen und die Mädchen vergewaltigten. Sie selbst wurde Opfer brutalster Gewalt – bis heute trägt sie eine Narbe zwischen den Schulterblättern, weil ihr eine Aufseherin mit einer Peitsche Hiebe versetzt hat.

Doch Hacker kämpfte hart, zerbrach nicht an ihrer Vergangenheit. Penibel schrieb sie jahrelang Tagebuch (100 Seiten), dokumentierte die Verbrechen detailgetreu.

Im bewegenden Interview mit ÖSTERREICH erzählt Susanne Hacker von der Horror-Zeit am Wilhelminenberg. Für sie ist endlich die Zeit des Versteckens vorbei, sie will nun ihr Gesicht zeigen. Denn: „Ich schäme mich nicht, die Täter sollen sich verstecken!“

ÖSTERREICH: Seit Tagen wird von Gewalt und Vergewaltigungen im Heim gesprochen – haben Sie das auch miterlebt?
Susanne Hacker:
Wir nannten das die ‚Schreckensnächte‘. Da sind die männlichen Erzieher vom ersten Stock zu uns in den Schlafsaal im Erdgeschoss gekommen. Es war stockdunkel, nur als die Männer die Türe aufmachten, kam ein wenig Licht durch – wir sahen schwarze Schatten und hörten die knarrende Tür. Wir waren damals junge Mädchen zwischen sechs und acht Jahren, wir wussten nicht einmal, was die mit uns machten – uns blieben nur Angst, Schmerzen und Blut.

ÖSTERREICH: Wie häufig sind die Männer gekommen?
Hacker:
Es geschah nur sehr selten, dass sie nicht in unseren Saal kamen. Ich würde sagen, im Durchschnitt kamen die Männer vier Mal jede Woche.

ÖSTERREICH: Womit wurde 
Ihnen denn damals von den Pflegern gedroht?
Hacker:
Es hat immer geheißen: ‚Wenn du nicht parierst, kommst du auf den Spiegelgrund‘. Wir hatten immense Angst vor dem Doktor Gross (Heinrich Gross, war zu Nazi-Zeiten an der Wiener Euthanasie-Klinik Spiegelgrund Arzt, er war beteiligt an der Ermordung behinderter Kinder, Anm.). Wir wussten auch, warum: Kein einziges Kind kam von dort je zurück.

ÖSTERREICH: Gross war Hausarzt für das Kinderheim – wer kam noch zu ihm?
Hacker:
Kinder mit Downsyndrom, Kinder mit einer Hasenscharte, ein kleines Mädchen, das einen sehr kurzen Arm hatte. Diese Kinder hat sich Gross alle geholt. Und keines kam je wieder zurück. Auch woanders tauchten die nicht mehr auf.

ÖSTERREICH: Rohe Gewalt sollen die ‚Schwestern‘ angewandt haben – wie wurde bestraft?
Hacker:
Mit allem wurden wir geschlagen: Mit einem Rohrstab, mit Ledergürteln, Holzlinealen, sogar Suppenschöpfern. Es gab eine Peitsche, die mit Metallstücken versetzt war – davon habe ich bis heute eine Narbe. Die haben uns gehauen, wann immer sie wollten.

ÖSTERREICH: Wieso kommt diese Geschichte erst jetzt an die Öffentlichkeit?
Hacker:
Ich versuchte es bereits einige Male vor vielen Jahren. Ich ging zu Institutionen, anderen Zeitungen. Immer wieder wurde mir gesagt, ich sei eine Lügnerin und eine Verleumderin. Irgendwann habe ich es aufgegeben. Und da ist es mir immer schlechter gegangen.

ÖSTERREICH: Die Zeit am Wilhelminenberg zeigt bis heute Nachwirkungen …

Hacker: Ich litt viele Jahrzehnte. Albträume, Angstzustände, Schweißausbrüche in der Nacht waren normal. Ich musste dreimal pro Nacht meine Bettwäsche wechseln. Jetzt beginnt es mir besser zu gehen. Seit einem Jahr besuche ich eine Therapeutin. Sie gibt mir neue Kraft. Ich lerne, dass ich mich sehr wohl gegen diese Zustände wehren kann.

Das war die erschütternde Pressekonferenz am Dienstag:

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