21. Oktober 2008 22:44
Käme er je wieder frei, wäre Josef Fritzl wieder eine Gefahr für alle Frauen
und seine Familie. Sein psychiatrisches Gutachten erklärt warum. In sechs
langen Gesprächen mit dem mutmaßlichen Inzest-Vater hat Psychiaterin Heidi
Kastner das Leben des 73-Jährigen aufgearbeitet, um Einblick in seine Seele
zu bekommen und seine Schuldfähigkeit zu beurteilen. Hier die Kernpassagen
ihres 130 Seiten starken Gutachtens:
Ein emotionaler Invalide
Herr Fritzl wurde mit einer Hypothek
geboren, deren Folgen ihn während seines gesamten Lebens begleiten sollten:
Seine Schilderungen beschreiben ein völlig unberechenbares häusliches Klima
mit unmotivierten, massiven und massiv verletzenden Aggressionsausbrüchen
der Mutter, ein absolutes Fehlen von Sicherheit, eine unglaubliche Ignoranz
kindlicher Bedürfnisse und ein Ambiente, in dem die Entwicklung von
„Urvertrauen“ schlechterdings nicht möglich war. Seine Kindheit
prädisponiert geradezu idealtypisch zu emotionaler Invalidität.
Von der Mutter misshandelt
Josef Fritzl wuchs ohne Vater auf und
wurde von seiner Mutter abgelehnt, sadistisch misshandelt und ständig im
Stich gelassen. Eine Phimose des Buben, die ihn wegen der Verengung der
Harnröhre beim Urinieren höllisch schmerzte, ließ die Mama erst behandeln,
als eine Nachbarin vehement darauf drängte. Bei Bombenalarm ging sie nie in
den Luftschutzkeller. Ihr kleiner Sohn musste nach jeder Entwarnung zittern,
ob seine einzige Bezugsperson noch am Leben war.
Rücksichtslos dominant
Die ständige Erniedrigung hat
Fritzls Persönlichkeit schwer deformiert. Er ist kaum zu Mitgefühl fähig.
Und er wollte, dass sich seine Situation als Kind nie mehr im Leben
wiederholt. Aus der Wut auf die Mutter wurde ein rücksichtsloser
Dominanzanspruch gegenüber Frauen. Und aus seiner Einsamkeit wuchs das
Bedürfnis, einen Menschen „ganz für sich zu besitzen“, nach einer
„unstörbaren und unlösbaren Bindung“.
Fritzls Tochter E. ist auf furchtbare Art Opfer seiner seelischen
Verkrüppelung geworden: Der Vater hat sie 24 Jahre in ein Kellerverlies
gesperrt.
Nach außen ein Biedermann
Herr Fritzl erkannte früh, dass
seine intellektuellen Fähigkeiten die einzige Möglichkeit waren, seinem
zunächst ausweglos scheinenden Elend über eigene Anstrengung zu entkommen.
Er beschloss, „etwas aus seinem Leben zu machen“.
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Fritzl wurde als Einziger seines Jahrgangs von der Volksschule in die
Hauptschule versetzt: „Da habe ich gemerkt, dass ich nicht so dumm sein
kann.“ Und der schulische Erfolg machte ihn selbstbewusst. Als Hauptschüler
muckte er erstmals gegen die Mutter auf, die ihn daraufhin prompt nicht mehr
schlug. Und fraß er sich als Kind durch Berge von Büchern, um seine triste
Realität wenigstens für Stunden auszublenden, so eignete er sich als
Teenager ein Repertoire an sozial akzeptiertem Verhalten an, um sein größtes
Kapital – den Intellekt – in der Karriereplanung abzustützen. Fritzl wurde
Bautechniker und wirkte nach außen hin wie ein Biedermann. Er legte Wert auf
geordnete Verhältnisse und tadellose Kleidung. Er galt als ehrgeizig und
fleißig und hat es bis zu seiner Verhaftung auf fünf Immobilien gebracht.
„Wie ein Vulkan“
Unter der unscheinbaren, fast banal
wirkenden Oberfläche, die in ihrer Durchschnittlichkeit fast bieder
imponiert, lauert in einer von außen nicht wahrnehmbaren Untiefe das, was
Herr Fritzl selbst mit den Worten beschreibt, er sei „wie ein Vulkan“, er
„fühle sich zerrissen“ und „habe festgestellt, dass er eine bösartige Ader
habe“, eine „kaum mehr einbremsbare Flut an destruktiver Lava“.
„Zur Vergewaltigung geboren"
Das Bedürfnis nach
Machtausübung und das Bedürfnis nach Sexualität entspringen einer
gemeinsamen Wurzel. Fritzls Sexualverhalten war ein Leben lang davon
geprägt, die Wehrlosigkeit als Kind und Erniedrigung durch die Mutter durch
brutale Dominanz gegenüber Frauen zu kompensieren. Schon nach der Pubertät
attackierte er Mädchen sexuell im Park. Mit 32 stieg er nachts in die
Wohnung einer Krankenschwester ein und vergewaltigte sie mit angehaltenem
Messer. Zu Psychiaterin Kastner sagte Fritzl: „Ich bin zur Vergewaltigung
geboren – dafür habe ich doch relativ lange durchgehalten.“
Er hätte ja „auch Ärgeres machen können“, als seine Tochter ein
Vierteljahrhundert gefangen zu halten: „Aber vielleicht habe ich mich
deswegen so in die Arbeit gestürzt. Vielleicht hat mich aber auch ein guter
Kern abgehalten.“
Weltmeister der Verdrängung
Fritzl wurde nicht von
Erwartungsangst geplagt und ist durchaus in der Lage, Risken oder Gefahren
bzw. die Konsequenzen seines Handelns zu antizipieren. Allerdings unter dem
Aspekt einer ausgeprägten Fähigkeit, unliebsame Konsequenzen oder
bedrohliche Dimensionen seines Handelns abzuspalten und seine Sicht der Welt
nach seinen Wunschvorstellungen einzufärben. Eine Fähigkeit, die wohl zu
einem Gutteil als Konsequenz kaum erträglicher Kindheitserfahrungen
anzusehen ist.
Eigene Wahrheit gebastelt
Um als Kind überleben zu können, hat
Josef Fritzl zwei Talente perfektioniert: Er verdrängt Unerträgliches – oder
zimmert sich eine erträgliche Wahrheit zurecht. Der Psychiaterin erzählte er
im Gefängnis, er habe seine Elisabeth vor allem in den Keller gesperrt, weil
er sie „von Drogenkonsum abhalten“ wollte.
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"Möglichst gutes Leben geboten"
Unfassbar auch
seine Überzeugung, er habe den im Verlies aufgewachsenen Inzest-Kindern „ein
unter den gegebenen Umständen möglichst gutes Leben geboten“. Begründung:
„Ich habe ihnen Schulsachen gebracht, damit sie von ihrer Mutter
unterrichtet werden können. Und ich habe ihnen auch Spielzeug, Schaukeln,
sogar Haustiere geboten.“
Lebensabend mit Ehefrau
Selbst im Gefängnis will Fritzl die
Realität nicht zur Kenntnis nehmen. Psychiaterin Kastner: „Er ist guter
Hoffnung, seinen Lebensabend mit seiner Frau R. verbringen zu können und
argumentiert die Sinnhaftigkeit einer möglichst kurzen Haftstrafe mit dem
Wunsch, durch seine Immobiliengeschäfte noch finanzielle Ressourcen für das
künftige Auskommen seiner Familie einzufahren.“
Ein verschämter Sadist
Ein häufiges Merkmal von
Inzestbeziehungen ist eine Entwicklung, in der das missbrauchte eigene Kind
zur Ersatzfrau gemacht wird, in die Rolle der Vertrauten gedrängt wird und
als „bessere“, weil kontrollierbare Partnerin auch diejenigen Bereiche
abdeckt, die in der Paarbeziehung unbefriedigt bleiben bzw. im Fall Fritzl
durch die Umstände auch die angstreduzierte „Beziehungssicherheit“ und
Stabilität liefert, die in einem freiwilligen ehelichen Zusammenschluss
zweier selbstständiger Individuen nie gegeben sein kann.
Kein Sex mehr mit R.
Am Tag, als Josef Fritzl seine Tochter in
den Keller sperrte, stellte er den Sex mit seiner Ehefrau ein. Denn im
Verlies hatte er „endlich einen Menschen ganz für mich“ – und den quälte er
nicht nur bei den ständigen Vergewaltigungen durch Machtpräsenz. E. gab bei
der schonenden Einvernahme durch den Haftrichter an, ihr Peiniger habe als
„Strafmaßnahme“ oft das Licht im Kerker abgedreht oder die Familie im
Verlies hungern lassen.
Findet sich nicht sadistisch
Fritzl selbst streitet sadistische
Sanktionen ab. Mag auch sein, weil ein gestörtes Gemüt die Welt verkehrt. So
hat der U-Häftling der Psychiaterin auch voll Stolz erzählt, dass er den
Gefangenen Fotos von Kindern gezeigt hat, die glücklich unter der Sonne
spielen. Fritzl nimmt’s als Beleg dafür, dass er seinen Opfern auch erklärt
hat, „was draußen so alles passiert“. Und er verdrängt, dass er Menschen,
die unbegrenzt in dunkler, feuchter und kalter Enge gefangen waren, mit
solchen Bildern grausam quälte.
"Beim Sex nie ins Gesicht gesehen"
Kaum zu glauben
auch, wie Fritzl seiner Gutachterin vermitteln wollte, dass er sich für die
Vergewaltigung der eigenen Tochter schämt: „Das war schon im Keller so. Ich
habe ihr beim Sex nie ins Gesicht gesehen.“ Typisch für den wirren Geist
auch, dass er bis zuletzt überzeugt war, selbst im Falle einer Befreiung
würde die Tochter sein Jahrhundertverbrechen nie verraten: „Ich habe ihr ja
nur so viele Kinder gemacht, damit sie immer bei mir bleibt, weil sie ja als
sechsfache Mutter für andere Männer nicht mehr attraktiv ist.“
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Einweisung in Anstalt
Ohne Unterbringung in einer Anstalt für
zurechnungsfähige abnorme Rechtsbrecher muss damit gerechnet werden, dass
Herr Fritzl unter dem Einfluss seiner hochgradigen psychischen Gestörtheit
wieder Taten mit schweren Folgen verüben wird. Der Relevanzbereich der
Gefährlichkeit betrifft hauptsächlich Familienmitglieder – und das vor allem
dann, wenn sie sich in von Herrn Fritzl nicht akzeptierter Weise von ihm
abwenden würden.
Lebenslang in Psycho-Anstalt
Gutachterin Kastner kommt zum
Schluss: Josef Fritzl ist trotz einer „schweren kombinierten
Persönlichkeitsstörung“ für den gesamten Tatzeitraum zurechnungsfähig und
damit schuldfähig. Dem Inzest-Vater wird demnächst der Prozess gemacht. Und
nach seiner Gefängnisstrafe muss er in eine Psycho-Anstalt. Lebenslang.