Fritzls Beichte

© SID NÖ

"Ich bin zur Vergewaltigung geboren"

Käme er je wieder frei, wäre Josef Fritzl wieder eine Gefahr für alle Frauen und seine Familie. Sein psychiatrisches Gutachten erklärt warum. In sechs langen Gesprächen mit dem mutmaßlichen Inzest-Vater hat Psychiaterin Heidi Kastner das Leben des 73-Jährigen aufgearbeitet, um Einblick in seine Seele zu bekommen und seine Schuldfähigkeit zu beurteilen. Hier die Kernpassagen ihres 130 Seiten starken Gutachtens:

Ein emotionaler Invalide
Herr Fritzl wurde mit einer Hypothek geboren, deren Folgen ihn während seines gesamten Lebens begleiten sollten: Seine Schilderungen beschreiben ein völlig unberechenbares häusliches Klima mit unmotivierten, massiven und massiv verletzenden Aggressionsausbrüchen der Mutter, ein absolutes Fehlen von Sicherheit, eine unglaubliche Ignoranz kindlicher Bedürfnisse und ein Ambiente, in dem die Entwicklung von „Urvertrauen“ schlechterdings nicht möglich war. Seine Kindheit prädisponiert geradezu idealtypisch zu emotionaler Invalidität.

Von der Mutter misshandelt
Josef Fritzl wuchs ohne Vater auf und wurde von seiner Mutter abgelehnt, sadistisch misshandelt und ständig im Stich gelassen. Eine Phimose des Buben, die ihn wegen der Verengung der Harnröhre beim Urinieren höllisch schmerzte, ließ die Mama erst behandeln, als eine Nachbarin vehement darauf drängte. Bei Bombenalarm ging sie nie in den Luftschutzkeller. Ihr kleiner Sohn musste nach jeder Entwarnung zittern, ob seine einzige Bezugsperson noch am Leben war.

Rücksichtslos dominant
Die ständige Erniedrigung hat Fritzls Persönlichkeit schwer deformiert. Er ist kaum zu Mitgefühl fähig. Und er wollte, dass sich seine Situation als Kind nie mehr im Leben wiederholt. Aus der Wut auf die Mutter wurde ein rücksichtsloser Dominanzanspruch gegenüber Frauen. Und aus seiner Einsamkeit wuchs das Bedürfnis, einen Menschen „ganz für sich zu besitzen“, nach einer „unstörbaren und unlösbaren Bindung“.

Fritzls Tochter E. ist auf furchtbare Art Opfer seiner seelischen Verkrüppelung geworden: Der Vater hat sie 24 Jahre in ein Kellerverlies gesperrt.

Nach außen ein Biedermann
Herr Fritzl erkannte früh, dass seine intellektuellen Fähigkeiten die einzige Möglichkeit waren, seinem zunächst ausweglos scheinenden Elend über eigene Anstrengung zu entkommen. Er beschloss, „etwas aus seinem Leben zu machen“.

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Fritzl wurde als Einziger seines Jahrgangs von der Volksschule in die Hauptschule versetzt: „Da habe ich gemerkt, dass ich nicht so dumm sein kann.“ Und der schulische Erfolg machte ihn selbstbewusst. Als Hauptschüler muckte er erstmals gegen die Mutter auf, die ihn daraufhin prompt nicht mehr schlug. Und fraß er sich als Kind durch Berge von Büchern, um seine triste Realität wenigstens für Stunden auszublenden, so eignete er sich als Teenager ein Repertoire an sozial akzeptiertem Verhalten an, um sein größtes Kapital – den Intellekt – in der Karriereplanung abzustützen. Fritzl wurde Bautechniker und wirkte nach außen hin wie ein Biedermann. Er legte Wert auf geordnete Verhältnisse und tadellose Kleidung. Er galt als ehrgeizig und fleißig und hat es bis zu seiner Verhaftung auf fünf Immobilien gebracht.

„Wie ein Vulkan“
Unter der unscheinbaren, fast banal wirkenden Oberfläche, die in ihrer Durchschnittlichkeit fast bieder imponiert, lauert in einer von außen nicht wahrnehmbaren Untiefe das, was Herr Fritzl selbst mit den Worten beschreibt, er sei „wie ein Vulkan“, er „fühle sich zerrissen“ und „habe festgestellt, dass er eine bösartige Ader habe“, eine „kaum mehr einbremsbare Flut an destruktiver Lava“.

„Zur Vergewaltigung geboren"
Das Bedürfnis nach Machtausübung und das Bedürfnis nach Sexualität entspringen einer gemeinsamen Wurzel. Fritzls Sexualverhalten war ein Leben lang davon geprägt, die Wehrlosigkeit als Kind und Erniedrigung durch die Mutter durch brutale Dominanz gegenüber Frauen zu kompensieren. Schon nach der Pubertät attackierte er Mädchen sexuell im Park. Mit 32 stieg er nachts in die Wohnung einer Krankenschwester ein und vergewaltigte sie mit angehaltenem Messer. Zu Psychiaterin Kastner sagte Fritzl: „Ich bin zur Vergewaltigung geboren – dafür habe ich doch relativ lange durchgehalten.“

Er hätte ja „auch Ärgeres machen können“, als seine Tochter ein Vierteljahrhundert gefangen zu halten: „Aber vielleicht habe ich mich deswegen so in die Arbeit gestürzt. Vielleicht hat mich aber auch ein guter Kern abgehalten.“

Weltmeister der Verdrängung
Fritzl wurde nicht von Erwartungsangst geplagt und ist durchaus in der Lage, Risken oder Gefahren bzw. die Konsequenzen seines Handelns zu antizipieren. Allerdings unter dem Aspekt einer ausgeprägten Fähigkeit, unliebsame Konsequenzen oder bedrohliche Dimensionen seines Handelns abzuspalten und seine Sicht der Welt nach seinen Wunschvorstellungen einzufärben. Eine Fähigkeit, die wohl zu einem Gutteil als Konsequenz kaum erträglicher Kindheitserfahrungen anzusehen ist.

Eigene Wahrheit gebastelt
Um als Kind überleben zu können, hat Josef Fritzl zwei Talente perfektioniert: Er verdrängt Unerträgliches – oder zimmert sich eine erträgliche Wahrheit zurecht. Der Psychiaterin erzählte er im Gefängnis, er habe seine Elisabeth vor allem in den Keller gesperrt, weil er sie „von Drogenkonsum abhalten“ wollte.

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"Möglichst gutes Leben geboten"
Unfassbar auch seine Überzeugung, er habe den im Verlies aufgewachsenen Inzest-Kindern „ein unter den gegebenen Umständen möglichst gutes Leben geboten“. Begründung: „Ich habe ihnen Schulsachen gebracht, damit sie von ihrer Mutter unterrichtet werden können. Und ich habe ihnen auch Spielzeug, Schaukeln, sogar Haustiere geboten.“

Lebensabend mit Ehefrau
Selbst im Gefängnis will Fritzl die Realität nicht zur Kenntnis nehmen. Psychiaterin Kastner: „Er ist guter Hoffnung, seinen Lebensabend mit seiner Frau R. verbringen zu können und argumentiert die Sinnhaftigkeit einer möglichst kurzen Haftstrafe mit dem Wunsch, durch seine Immobiliengeschäfte noch finanzielle Ressourcen für das künftige Auskommen seiner Familie einzufahren.“

Ein verschämter Sadist
Ein häufiges Merkmal von Inzestbeziehungen ist eine Entwicklung, in der das missbrauchte eigene Kind zur Ersatzfrau gemacht wird, in die Rolle der Vertrauten gedrängt wird und als „bessere“, weil kontrollierbare Partnerin auch diejenigen Bereiche abdeckt, die in der Paarbeziehung unbefriedigt bleiben bzw. im Fall Fritzl durch die Umstände auch die angstreduzierte „Beziehungssicherheit“ und Stabilität liefert, die in einem freiwilligen ehelichen Zusammenschluss zweier selbstständiger Individuen nie gegeben sein kann.

Kein Sex mehr mit R.
Am Tag, als Josef Fritzl seine Tochter in den Keller sperrte, stellte er den Sex mit seiner Ehefrau ein. Denn im Verlies hatte er „endlich einen Menschen ganz für mich“ – und den quälte er nicht nur bei den ständigen Vergewaltigungen durch Machtpräsenz. E. gab bei der schonenden Einvernahme durch den Haftrichter an, ihr Peiniger habe als „Strafmaßnahme“ oft das Licht im Kerker abgedreht oder die Familie im Verlies hungern lassen.

Findet sich nicht sadistisch
Fritzl selbst streitet sadistische Sanktionen ab. Mag auch sein, weil ein gestörtes Gemüt die Welt verkehrt. So hat der U-Häftling der Psychiaterin auch voll Stolz erzählt, dass er den Gefangenen Fotos von Kindern gezeigt hat, die glücklich unter der Sonne spielen. Fritzl nimmt’s als Beleg dafür, dass er seinen Opfern auch erklärt hat, „was draußen so alles passiert“. Und er verdrängt, dass er Menschen, die unbegrenzt in dunkler, feuchter und kalter Enge gefangen waren, mit solchen Bildern grausam quälte.

"Beim Sex nie ins Gesicht gesehen"
Kaum zu glauben auch, wie Fritzl seiner Gutachterin vermitteln wollte, dass er sich für die Vergewaltigung der eigenen Tochter schämt: „Das war schon im Keller so. Ich habe ihr beim Sex nie ins Gesicht gesehen.“ Typisch für den wirren Geist auch, dass er bis zuletzt überzeugt war, selbst im Falle einer Befreiung würde die Tochter sein Jahrhundertverbrechen nie verraten: „Ich habe ihr ja nur so viele Kinder gemacht, damit sie immer bei mir bleibt, weil sie ja als sechsfache Mutter für andere Männer nicht mehr attraktiv ist.“

Nächste Seite: Lebenslang in Psycho-Anstalt

Einweisung in Anstalt
Ohne Unterbringung in einer Anstalt für zurechnungsfähige abnorme Rechtsbrecher muss damit gerechnet werden, dass Herr Fritzl unter dem Einfluss seiner hochgradigen psychischen Gestörtheit wieder Taten mit schweren Folgen verüben wird. Der Relevanzbereich der Gefährlichkeit betrifft hauptsächlich Familienmitglieder – und das vor allem dann, wenn sie sich in von Herrn Fritzl nicht akzeptierter Weise von ihm abwenden würden.

Lebenslang in Psycho-Anstalt
Gutachterin Kastner kommt zum Schluss: Josef Fritzl ist trotz einer „schweren kombinierten Persönlichkeitsstörung“ für den ­gesamten Tatzeitraum zurechnungsfähig und damit schuldfähig. Dem Inzest-Vater wird demnächst der Prozess gemacht. Und nach seiner Gefängnisstrafe muss er in eine Psycho-Anstalt. Lebenslang.

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