Schule: 
Mehrheit ist für Sitzenbleiben

Reform-Streit

© TZ ÖSTERREICH/Niesner, Ronald Zak/dapd

Schule: 
Mehrheit ist für Sitzenbleiben

SPÖ-Bildungsministerin Claudia Schmied will das Sitzenbleiben an den Oberstufen der Gymnasien und Berufsbildenden höheren Schulen (BHS) abschaffen. Die Mehrheit der Österreicher ist – wie meistens bei neuen Ideen – skeptisch: In einer Umfrage auf oe24.at sprachen sich am Freitag 67 Prozent gegen Schmieds Plan aus, 33 Prozent wollen das Sitzenbleiben abschaffen. Unterstützung bekommt Schmied hingegen von ÖVP-Wissenschaftsministerin Beatrix Karl, der Lehrergewerkschaft, den Schüler- und Elternvertretern, die sich alle für das Abschaffen des Sitzenbleibens aussprechen.

Schon ab 2012 will Schmied mit der Umsetzung ihres Plans beginnen. "Sitzenbleiben ist keine geeignete Maßnahme, die Leistung zu steigern. Denn es bedeutet ein ganzes Jahr Verlust, obwohl man die Leistung nur in einem Fach nicht erreicht hat", erklärt die Ministerin im ÖSTERREICH-Interview. "Es hat keinen Sinn, wenn die Kinder Fächer wiederholen, in denen sie sowieso schon positiv sind. Aber es geht nicht nur ums Sitzenbleiben", findet auch Elternvertreter Theodor Saverschel.

800 Oberstufenschulen werden 2012 umgestellt
Schon 2010 wurde in 30 Abendschulen das Sitzenbleiben abgeschafft, in diesem Herbst sollen alle 80 umgestellt werden. 15 Schulversuche in dieser Richtung gibt es an Tagesschulen. Bevor ab 2012 alle 800 Oberstufenschulen umgestellt werden, muss Schmied mit Karl die Details verhandeln. Klar ist: Mit einem Kurssystem sollen Schüler trotz negativer Leistungen in einem Fach aufsteigen und den Stoff in einem eigenen Förderkurs nachholen können. "Die wesentlichen Rahmenbedingungen für eine Umsetzung, wie etwa ein entsprechendes Fördersystem, fehlen noch", so ÖVP-Karl.

Lehrergewerkschafter Quin: "Mehraufwand"
Sprengstoff könnte der Mehraufwand für den Förderunterricht bergen. Schmied sagt, es brauche nicht mehr Lehrer. Gewerkschafter Quin ist skeptisch: "Es wird mehr Ressourcen brauchen."

Trotz aller Bedenken scheint der Zug abgefahren. Auch die ÖVP fordert in ihrem Bildungskonzept: "Durch ein intelligentes Modulsystem ist das Wiederholen von ganzen Schulstufen nur noch als 'ultima ratio' vorgesehen."
 

Schmied: ›Nur mehr das letzte Mittel‹

ÖSTERREICH: Warum wollen Sie das Sitzenbleiben abschaffen?
CLAUDIA SCHMIED: Sitzenbleiben ist keine geeignete Maßnahme, die Leistung zu steigern. Denn es bedeutet ein ganzes Jahr Verlust, obwohl man die Leistung nur in einem Fach nicht erreicht hat. Mir ist eine individuelle Förderung wichtig. Deswegen will ich ein Kurssystem. Wie Ministerin Beatrix Karl gesagt hat: Sitzenbleiben soll nur mehr das letzte Mittel sein.

ÖSTERREICH: Das letzte Mittel heißt aber, es wird nicht ganz abgeschafft?
SCHMIED: Grundsätzlich schon. Nur wenn jemand in vielen Fächern Probleme hat und der Leistungsabstand groß ist, soll er ein Jahr wiederholen.

ÖSTERREICH: Wie könnte dieses Kurssystem aussehen?
SCHMIED: Angenommen, jemand ist in Mathematik nicht gut, in allen anderen Fächern schon. Derjenige bleibt in der Klasse, bekommt aber zusätzlich Förderunterricht. 30 Abendschulen haben bereits das Kurssystem, im Herbst sollen alle 80 umgestellt sein. Schulversuche gibt es derzeit an mehreren Oberstufenschulen – mit guten Ergebnissen. Die Erfahrungen können wir auch für die Begabtenförderung nutzen.

ÖSTERREICH: Wird es mehr Lehrer brauchen?
SCHMIED: Ganz im Gegenteil, das Sitzenbleiben kommt teuer.

ÖSTERREICH: Wie ist der Zeitplan?
SCHMIED: Als Nächstes verhandle ich mit Ministerin Karl die Details. Wir werden nicht alle Schulen auf einmal umstellen können, d. h. es wird einen Stufenplan beginnend mit Herbst 2012 geben. Bis alle 800 Oberstufenschulen umgestellt werden, brauchen wir ungefähr drei bis vier Jahre.
 

So funktioniert die neue Schule

Ab 2012 soll es an Österreichs Gymnasien kein Sitzenbleiben mehr geben. Derzeit müssen jährlich 40.000 von insgesamt 1,2 Millionen Schülern jährlich eine Klasse wiederholen.

Mit einem Kurssystem soll das künftig anders werden: Trotz "Fleck" im Zeugnis steigen die Schüler in die nächste Klasse auf. In den Fächern mit negativer Note bekommen die Schüler extra Förderunterricht.

Nur Oberstufen profitieren von der Reform
Gelten wird das Kurssystem nur für die Hauptfächer: Deutsch, Mathematik, Englisch und schulspezifische Schwerpunktfächer. Außerdem wird man nicht mit beliebig vielen Fünfern aufsteigen können. Was das Maximum ist, ist aber noch unklar. Möglich wäre – nach amerikanischem Vorbild –, dass man ab drei Fünfern nicht aufsteigen darf.

Fest steht bereits, dass das Sitzenbleiben vorerst nur in der Oberstufe abgeschafft wird, denn dort ist das Problem viel größer: In Hauptschulen müssen nur 1,6 Prozent, in AHS-Unterstufen nur vier Prozent eine Klasse wiederholen. In der AHS-Oberstufe sind es dagegen 9,1 Prozent.

Dass Sitzenbleiben keine Verbesserung bei den Noten bringt, zeigt die Statistik: 37,5 Prozent aller Sitzenbleiber in den Gymnasien bekommen wieder eine negative Note.
 

Autor: Katharina Nagele
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