Ratko Mladic, der Schlächter vom Balkan

Porträt

Ratko Mladic, der Schlächter vom Balkan

Ratko Mladic, der frühere Militärchef der bosnischen Serben, war fast 16 Jahre lang einer der meist gesuchten mutmaßlichen Kriegsverbrecher. Trotz der im Sommer 1995 erhobenen Anklage des UNO-Tribunals für Kriegsverbrechen in Ex-Jugoslawien konnte der 69-jährige pensionierte General, dem das schwerste aller Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg - das Massaker an rund 7.800 Bosniaken (Muslimen) in Srebrenica - angelastet wird, bis Anfang 2002 völlig ungehindert in seiner Villa im Belgrader Diplomatenviertel Kostunjak leben. Erst nach der Festnahme des einstigen jugoslawischen Staatspräsidenten Slobodan Milosevic wurde auch ihm der Boden unter den Füßen zu heiß.

Gefährliche Festnahme
Bei einem Festnahmeversuch werde es Tote auf beiden Seiten geben, pflegte der pensionierte General laut Augenzeugen gerne in einer Bäckerei nahe seines Wohnhauses zu sagen. Seine zahlreichen Bodyguards, einst in der Uniform der jugoslawischen Militärpolizei, tauchten im Frühjahr 2002 nur noch im Zivilanzug auf. Plötzlich war der General weg.

Danach wurde er anderswo vermutet - einmal in Valjevo, einer Stadt in Ostserbien, wo er sich der Bienenzucht widmen wollte, dann wieder in Han Pijesak, wo sich während des Bosnien-Krieges (1992-1995) sein Hauptquartier befand. Das Wohnhaus der Familie Mladic und eine Wohnung seines Sohns Darko wurden in den vergangenen Jahren immer wieder durchsucht. Dabei wurden zwar die Tagebücher des flüchtigen Angeklagten, eine wichtige Beweisquelle, sichergestellt, offenbar aber keine Spur, die zu ihm führen würde.

Noch in den 1970er und 80er Jahren deutete kaum etwas darauf hin, dass sich der 1942 in der bosnischen Ortschaft Kalinovik südlich von Sarajevo geborene Truppenoffizier je einen Namen machen würde. Seine steile Militärlaufbahn begann sich im Juni 1991 abzuzeichnen, als der Oberstleutnant mit Dienst in der mazedonischen Hauptstadt Skopje in die kroatische Krajina nach Knin versetzt wurde und schon wenige Monate später den Rang eines Generalmajors erhielt.

Sechs Beförderungen
Bis Ende des darauffolgenden Bosnien-Krieges wurde Mladic bei den jugoslawischen Streitkräften noch sechs Mal befördert, bevor er im Dezember 1996 pensioniert versetzt wurde. Die Pensionierung Mladic' bei den bosnisch-serbischen Truppen erfolgte erst sechs Jahre später.

Der in den Militärschulen des ehemaligen Jugoslawien ausgebildete Mladic war zunächst noch überzeugter Kommunist. Serbischer Nationalist wurde er erst während des Bosnien-Krieges. Im April 1992 wurde er zunächst als jugoslawischer Offizier nach Bosnien versetzt, einen Monat später übernahm er das Kommando des Generalstabs der mit ausgiebiger Hilfe Belgrads gebildeten bosnisch-serbischen Truppen. Sein offenes Kriegsziel war ein Groß-Serbien, das alle von Serben bewohnten Gebiete erfassen würde.

Während des Krieges war die Weltöffentlichkeit geschockt vom einst "strengen, aber gerechten" jugoslawischen Offizier, der seine Soldaten zum unbarmherzigen Granatbeschuss der bosnischen Stadt Sarajevo anspornte. Im Juli 1995 war er der Kopf jener Militäraktion, die das Massaker in Srebrenica zum Ergebnis hatte. Mladic ließ sich gleich nach der Eroberung der Bosniaken-Enklave allerdings in einer anderen Pose aufnehmen. Vor den TV-Kameras verteilte er Süßigkeiten an erschrockene Kinder aus Srebrenica. Kaum waren die Kameras weg, mussten auch die Bonbons zurückgegeben werden.

Flucht
Nach dem Kriegsende fand er zunächst in Belgrad Unterschlupf, nach Angaben des UNO-Tribunals wurde er dabei von Militär- und Polizeistrukturen in Serbien geschützt. Zu seinen Beschützern zählte die Frau des jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic, die einflussreiche Neokommunistin Mirjana Markovic. In den vergangenen Jahren gab es wiederholt Gerüchte über Verhandlungen der serbischen Behörden mit dem untergetauchten Mladic, der sich wenigstens bis Ende 2005 in Belgrad versteckte.

Der Sonderstaatsanwalt für Kriegsverbrechen Vladimir Vukcevic bestätigte erst vor wenigen  Monaten, dass er Anfang 2006 bereit gewesen sei, mit Mladic zu verhandeln. Das Vorhaben war angeblich am Widerstand des damaligen nationalkonservativen Regierunhschefs Vojislav Kostunica, eines deklarierten Gegners der Haager Justiz, gescheitert.

Depressionen
Seit dem Tod seiner Tochter Ana, einer brillanten Medizinstudentin,  soll Mladic früheren Medienberichten zufolge unter Depressionen gelitten haben. Ana nahm sich im März 1994 nach einer Russland-Reise, auf der sie von Studienkollegen mit der bosnischen Kriegsbrutalität konfrontiert wurde, das Leben. Ihr Versuch, den Vater zur Rede zu stellen, war am Vorabend des Selbstmordes gescheitert.

Am Höhepunkt des Bosnien-Krieges hatte der passionierte Schach-und Mensch-ärgere-dich-nicht-Spieler keine Zeit für die Gewissensprobleme der Tochter. Allerdings soll sich  nach ihrem Tod das Verhalten Mladic´drastisch verändert haben. Er zeigte sich äußerst brutal bei der Durchsetzung seiner Kriegspläne.

Gerüchte um Tod
Die Frau des Haager Angeklagten Bosiljka behauptete erst kürzlich vor einem Belgrader Gericht, dass ihr Mann wohl tot sei. Nach ihren Angaben hatte er vor dem Untertauchen drei Gehirnschläge erlitten und war auf ärztliche Behandlung angewiesen gewesen.

Nun ist der Haager Angeklagte aufgetaucht - unter dem Namen Milorad Komadic. Der Festnahmeort: Die Ortschaft Lazarevo bei Zrenjanin in der Vojvodina.  Damit stellte Serbien wohl auch die volle Kooperation mit dem UNO-Kriegsverbrechertribunal unter Beweis, diese war lange Zeit ein Stolperstein bei der EU-Annäherung des Landes gewesen.

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