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ÖSTERREICH-Reporter Karl Wendl

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Ich war in Gaddafis Palast

Der Angriff kam aus dem Nichts: Donnerstag, 15 Uhr, auf der Terrasse unseres Hotels „Corinthia“. Plötzlich von allen Seiten Maschinengewehrsalven: Scheiben klirren, Panik bricht aus.

Sicherheitsleute erwidern das Feuer. Alle suchen Schutz unter Tischen, hinter Sofas. Immer wieder stürmen Rebellen schreiend ins Hotel. 30 Minuten dauert das Feuerduell, niemand kann zuordnen, wer hier auf wen geschossen hat. Dann ist alles vorbei.

Doch der Tag begann friedlich. Ich stehe im Zentrum von Bab al-Asisija. Bis vor wenigen Tagen Residenz und Palast von Muammar Gaddafi (69) und seiner schrecklich netten Familie. Sechs Quadratkilometer groß, von meterhohen Betonmauern umgeben – eine Luxusstadt in der Stadt mit einem Park, Krankenhaus, Dutzenden Häusern.

Jetzt plündern die meist jugendlichen Rebellen auf diesem Areal: Ein schmächtiger junger Mann in Jeans und T-Shirt trägt einen Flachbildfernseher weg. Ein zweiter hat sein Auto mit knallroten Sofas beladen. Eine Gruppe macht sich an gepanzerten BMW zu schaffen – alle dunkelblau, weiße Ledersitze.

Der Fuhrpark des Diktators:
Karl Wendl in Gaddafis Palast in Tripolis © TZ Österreich

Direkt neben dem Haupthaus eine Art Gaddafi-Prater: Ringelspiel, Karussell, Riesenrad, Kartbahn. Ich setze mich auf das Karussell, es dreht sich noch.

Ungestört gehe ich von Villa zu Villa: eine von Saif al-Islam, eine andere von Saadi Gaddafi. Hier haben also die Söhne gewohnt.

Gaddafis Vergnügungspark:
Karl Wendl in Gaddafis Palast in Tripolis © TZ Österreich

In einem anderen Gebäude entdecke ich jenen gräulichen Regenschirm, unter dem Gaddafi sich bei seinem ersten wirren TV-Auftritt zu Beginn der Revolution versteckt hat. Ich hebe den Schirm auf, ein eigenartiges Gefühl – diesen Schirm hat Gaddafi in der Hand gehabt.

Einige Kilometer weiter, direkt am Mittelmeerstrand, die wohl schönste Villa – die von Aisha Gaddafi, der einzigen Tochter des Diktators: riesige Empfangshalle, vergoldete Statuen von Meerjungfrauen, in den Schlafzimmern Plüsch. Daneben ein imposanter italienischer Pool – halb modern, halb barock. Aisha Gaddafi ist gemeinsam mit ihrer Mutter Safiya und den Milliarden des Clans geflohen.

Barocker Spa-Bereich:
Poolhalle © AP

Wo Gaddafi selbst ist, weiß in Tripolis niemand. Der gesamte Komplex ist untertunnelt mit Hunderten Ein- und Ausstiegen, Bunkern und Fluchtwegen: „Irgendwo da unten sitzt er noch“, glauben die Rebellen und bringen Caterpillar in die Anlage.

Diktator im Tunnel verschollen

Friede gibt es erst, wenn Diktator Gaddafi gefunden wurde. Doch wahrscheinlich verschanzt er sich in einem gigantischen Tunnelsystem.

Die Gerüchte brodeln: Mal sitzt Muammar al-Gaddafi angeblich in der Falle der Rebellen, dann ist wieder unklar, wo er sich befindet. Fix war gestern eines: Mehrere Rebellentruppen durchkämmten jeden Winkel von Tripolis auf der Suche nach Gaddafi. Immer wieder flammten Gefechte auf. Die Lage war extrem angespannt.

NATO-Hilfe
Die NATO hilft den Rebellen bei der Suche und unterstützt sie mit technischen Geräten.

„Wir sind ihm dicht auf den Fersen“, hieß es gestern Abend. Rebellen umzingelten ein Appartementhaus, glaubten, den Flüchtigen gefunden zu haben.

Doch die Aufständischen sind sich selbst nicht einig. Atman Mleita, ein Rebellen-Kommandant: „Gaddafi ist an einem anderen Ort, 150 Kilometer von Tripolis entfernt mit einem seiner Söhne.“

Auch diese Version ist ­realistisch, denn Gaddafi kann sich völlig unbemerkt bewegen. Unter der Stadt Tripolis ließ sich der Diktator ein geheimes Tunnelnetz bauen. Bis zu 30 Kilometer weit reichen die Gänge. Und obwohl bereits ein Eingang gefunden wurde: Es ist ein unüberschaubares Labyrinth.

Karl Wendl
 

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