China, USA, Russland: Der neue Run aufs Mittelmeer

Europäer und Amerikaner macht chinesische Expansion nervös.

Geostrategisch galt das Mittelmeer nach dem Ende des Kalten Krieges lange Jahre als langweilig, doch mit dem Einstieg der Chinesen in mehrere große Häfen hat sich dies grundlegend geändert. Der fernöstliche Staat hält inzwischen Anteile an den Häfen im griechischen Piräus, im italienischen Neapel und im ägyptischen Port Said am nördlichen Ausgang des Suez-Kanals.

Der chinesische Staatskonzern Cosco Pacific ist damit einer der bedeutendsten, wenn nicht sogar der beherrschende Hafenbetreiber im Mittelmeer. Cosco begründet sein Engagement in der Region mit rein wirtschaftlichen Interessen, und viele Experten halten dies auch für wahr. Es bestehen allerdings kaum Zweifel, dass die Führung in Peking darüber hinaus durchaus auch weitreichende geopolitische Absichten in der Region verfolgt: Immer wieder schickte sie in den vergangenen Jahren Kriegsschiffe durch den Suezkanal, um ein Zeichen militärischer Macht zu setzen.

China ist indes nicht die einzige Großmacht, die ihr Engagement am Mittelmeer ausbaut: Russland etwa entsendet immer wieder Kriegsschiffe vor die Küste Syriens. Im Küstenort Tartus betreibt das russische Militär einen Hafen, einen der wenigen Stützpunkte der Flotte außerhalb der ehemaligen Sowjetunion. Auch die USA, die das Mittelmeer nach dem Ende des Kalten Krieges etwas aus dem Blick verloren und ihre Flugzeugträger in aller Stille dort abgezogen hatten, wollen die Region nun offenbar wieder ernster nehmen: Im vergangenen Jahr kündigte das US-Verteidigungsministerium an, es werde vier moderne Zerstörer im Hafen der spanischen Stadt Rota an der Atlantik-Küste stationieren, unter anderem zur Abwehr einer Bedrohung durch Raketen aus dem Iran oder anderen Staaten des Nahen Ostens.

"Die Annahme, das Mittelmeer würde zu einem rein westlichen Einflussbereich, war offenbar etwas verfrüht", sagt Nikolas Gvosdev, Professor für Sicherheitsthemen an der US-Akademie für Seekriegsführung in Rhode Island. "Die Chinesen zeigen dort weit entfernt von ihrem angestammten Operationsgebiet Flagge - wohl auch um zu beweisen, dass sie eine Weltmacht sind." Die wiederholte Entsendung russischer Kriegsschiffe sei ebenfalls zum Teil als Zeichen zu verstehen, dass Russland das Mittelmeer nicht aufgeben werde.

Zugleich wachsen in den umstrittenen Gewässern des östlichen Mittelmeeres immer mehr Erdgas-Plattformen in den Himmel. Die Gasvorkommen haben einen Rohstoff-Wettlauf ausgelöst, der die ohnehin bestehenden Spannungen zwischen Zypern, der Türkei und Israel weiter erhöht hat. Dies ist nach Einschätzung von Sicherheitsexperten ein weiterer Grund, warum sich die USA auf das Mittelmeer rückbesinnen: Die Führung in Washington werde nicht zulassen, dass der Rohstoffstreit zwischen den diversen US-Verbündeten im östlichen Mittelmeer zu einem offenen Konflikt eskaliere. Schließlich ist die Lage am südlichen Mittelmeer seit den Umbrüchen des Arabischen Frühlings instabil genug.

Und auch die Chinesen scheinen kein Interesse an einer Provokation zu haben: Als ein Zerstörer und eine Fregatte aus China im vergangenen August durch den Suez-Kanal ins Mittelmeer einfuhren, rechneten Experten damit, dass sie an einem gemeinsamen Seemanöver Russlands und Syriens teilnehmen wollten. Doch das taten die Chinesen mitnichten. Stattdessen steuerten sie ihre Kriegsschiffe über den Bosporus ins Schwarze Meer, wo sie Besuche in der Ukraine, Bulgarien und Rumänien absolvierten.

"Dass die Chinesen die Gelegenheit zu einem gemeinsamen Seemanöver verschmäht haben, könnte darauf hindeuten, dass sie kein Interesse an einem neuen Kalten Krieg haben und strategisch eine gewisse Ambivalenz der Polarisierung vorziehen", schrieb Jonathan Holsag vom Brüsseler Institut für China-Studien im August in einem Artikel in der staatlichen chinesischen Zeitung "Global Times".

Dennoch herrscht unter europäischen und amerikanischen Sicherheitsexperten weiter eine gewissen Nervosität angesichts der chinesischen Expansion. Dies gilt vor allem für den Hafen von Neapel, wo man vom chinesischen Terminal aus freie Sicht auf den größten Marine-Stützpunkt der Nato im Mittelmeer genießt. Im krisengeschüttelten Griechenland dagegen sind die chinesischen Investitionen recht willkommen. Cosco hat die dortigen Anlagen ausgebaut und den Container-Umschlag seither jährlich um 70 Prozent gesteigert.

Ein ehemaliger Offizier der britischen Marine vergleicht die Expansion der Chinesen am Mittelmeer mit dem Vorgehen der Briten im 18. und 19. Jahrhundert, als die wirtschaftliche Macht des Empires mindestens genauso wichtig war wie seine militärische Macht. Chinesische Politiker dürften ihre Probleme mit diesem Vergleich haben. Es gibt allerdings kaum einen Zweifel, dass die Chinesen nicht einfach wieder weggehen werden, sondern bleiben wollen - und dies beinhaltet auch eine gelegentliche militärische Präsenz. "Es gibt viele gute Gründe für Peking, seine Flagge zu zeigen", schrieb Hoslag. "Es ist besser, die Mittelmeer-Anrainer an die chinesische Militärpräsenz zu gewöhnen, als sie später zur alarmieren."

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