"Es kann jeden treffen"
Long Covid: Wenn das Kranksein kein Ende nimmt
Es werden immer mehr. Zehn bis 20 Prozent der Corona-Infizierten leiden unter Langzeitfolgen. Einige wochenlang, andere monatelang, die meisten aber seit ihrer "Genesung". Bei mehr als 600.000 Infizierten sind es und mindestens 60.000 Menschen, die betroffen sind. "Wir müssen uns auf eine erhebliche Zahl von Long-Covid-Syndrom-Patienten einstellen. Diese Menschen müssen langfristig betreut werden", sagt die Wiener Allgemein-und Arbeitsmedizinerin Margit Winterleitner.
Symptome. Mittlerweile werden mit Long Covid bereits rund 300 Symptom-und Beschwerdekonstellationen in Verbindung gebracht, an die 100 sind bestätigt. Es ist eine lange Liste: Atemwege, Herz-Kreislauf-System, der Muskelapparat, das Nervensystem und der Stoffwechsel sind betroffen. Die Patienten leiden unter Erschöpfung, Kreislaufproblemen, Herzrasen, Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, Haarausfall. Winterleitner: "Viele haben Atemnot. Dann gibt es die Schmerzen, die Abgeschlagenheit und die Kraftlosigkeit. Dazu kommen die psychischen Folgen. Diese Menschen sind richtig traumatisiert."
Mariann Gyöngyösi, Leiterin der kürzlich eingerichteten Long-Covid-Ambulanz am Wiener AKH: "Der Kalender unserer Ambulanz ist bereits bis September voll."
Alexa Stephanou (37), Logopädin und Flugbegleiterin aus Wien, hat gemeinsam mit der medizinischen Masseurin Maarte Preller (33) die Selbsthilfegruppe "Long Covid Austria" gegründet (siehe Interview). Sie beschreibt die krankhafte Erschöpfung namens Fatigue-Syndrom so: "Der Kopf will, aber der Körper kann nicht. Bei einer Depression könnte der Körper, aber der Kopf will nicht."
Appell. Bereits Mitte Februar hatte die Weltgesundheitsorganisation WHO appelliert, "Long Covid mehr Aufmerksamkeit zu schenken". Man müsse den Betroffenen "zuhören und ihre Beeinträchtigungen verstehen".
"Wir haben ein riesiges Thema mit Long Covid", sagt Andreas Krauter, Chefarzt bei der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK). Ein Drittel der Patientinnen und Patienten, die auf Intensivstationen waren, seien nach einem Jahr "nach wie vor nicht fähig, sich selbst zu versorgen", und kämen nicht mehr in ihrem Beruf unter. Aber auch Erkrankte mit einem leichten Verlauf würden oft unter Long Covid leiden.
Studien haben ergeben: Long Covid betrifft vor allem Frauen
Mittlerweile liegen Untersuchungen vor, darunter die groß angelegte britische PHOSP-Covid-Studie. Und die zeigt eines auf: Es sind vor allem Frauen im mittleren Alter, also zwischen 40 und 60 Jahren, die betroffen sind.
Die Ursachen dafür liegen noch im Dunkeln. Viele Gene, die für das Immunsystem wesentlich sind, liegen auf dem X-Chromosom. Frauen sind daher mit vielfältigeren Abwehrmechanismen ausgestattet. Womit sie zwar seltener an Infektionen erkranken, aber anfälliger für Autoimmunerkrankungen sind. Und SARS-CoV-2 scheint die Neigung zu Autoimmunerkrankungen zu verstärken.
Alexandra Kautzky-Willer von der MedUni Wien: "Es zeichnet sich damit eine Gesundheitskrise ab, die weiblich ist und nicht zuletzt deshalb auch enorme soziale Folgen haben wird."
Hilfe für Betroffene. In Großbritannien existieren bereits 83 Anlaufstellen, die weiter flächendeckend ausgebaut werden sollen. Auch bei der ÖGK sind Konzepte in Entwicklung. Im Peterhof in Baden, einem der führenden Reha-Häuser in Österreich, hat man bereits reagiert. Dort werden nun ausschließlich Long-Covid-Patienten behandelt.
Die Warteliste für Patienten in Reha-Stationen ist jedoch lang und die Wartezeit beträgt Monate. Realität ist aber auch immer noch, dass Betroffene nicht nur mit ihrer Gesundheit, sondern auch mit der Versicherung zu kämpfen haben. Und oftmals werden Patienten trotz Long-Covid-Symptomen gesundgeschrieben.
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