Corona
Hilfe bei Long Covid
Egal ob das SARS-CoV-2-Virus hart zuschlägt oder sich nur leicht bemerkbar macht – die Folgen der Erkrankung können noch Monate nach der Genesung spürbar sein. Corona kann also auch zu jenen grausam sein, die es eingangs verschont: die Jungen, die Starken, die mit milden Verläufen. Ein Team von Ärzten und Epidemiologen der Uni Genf und der Genfer Universitätskliniken (HUG) stellte im Dezember bei einer Beobachtung von fast 700 Menschen fest, dass ein Drittel der Covid-19-Patienten mit milden Verläufen noch sechs Woche nach der Diagnose Long-Covid-Symptome aufwiesen. Typisch sind Geruchs- oder Geschmacksverlust, Kurzatmigkeit, Kopfschmerz, Husten und – besonders häufig – eine bleierne Erschöpfung. Die chronische Müdigkeit oder auch Fatigue kann dabei so ausgeprägt ausfallen, dass ein gewohnter Alltag fast unmöglich wird.
Frage nach dem Warum. Covid-19 ist eine Erkrankung des gesamten Gefäß- und Immunsystems. Dadurch können überall im Körper Beschwerden zurückbleiben oder auch neue auftreten. Experten gehen derzeit u. a. von einer Überaktivität des Immunsystems als Ursache aus. Wie lange die Langzeitenfolgen währen, das muss ebenfalls noch genauer untersucht werden.
Nachgefragt. Neurologe Dr. Michael Stingl ist auf das chronische Erschöpfungssyndrom – das Chronic Fatigue Syndrome (ME/CFS) – spezialisiert und widmet sich als Spezialist im Bereich Autoimmunerkrankungen derzeit auch eingehend Long-Covid-Symptomen. Im gesund&fit-Gespräch klärt er über Warnzeichen, Diagnose sowie Behandlungsmöglichkeiten auf und verrät, ob eine Covid-Impfung Besserung bringt.
Welche Covid-Langzeitfolgen konnten Sie aus Neurologen-Sicht besonders oft beobachten?
Dr. Michael Stingl: Eine sehr häufige, auch von neurologischer Seite interessante Folge von Covid-19 ist der Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn. Diese bilden sich glücklicherweise bei den meisten Betroffenen im Verlauf der Zeit wieder zurück. Ein sehr häufiges Problem bei jenen, welche unter Langzeitfolgen, also Long Covid, leiden, ist eine deutliche körperliche Erschöpfbarkeit. Diese Fatigue führt oft dazu, dass auch nach relativ geringer Belastung eine deutliche Verschlechterung des Zustandes eintritt. Dies ist eine offensichtliche Analogie zu ME/CFS, einem Krankheitsbild, das ebenfalls nach viralen Infekten auftritt. Weitere häufige Symptome sind Kopfschmerzen, Schwindel, Schlafstörungen und v. a. auch kognitive Probleme, insbesondere der sogenannte Brain Fog. Viele Betroffene berichten über ein benebeltes Gefühl im Kopf. Die kognitive Ermüdbarkeit ist gesteigert, das bedeutet, dass beispielsweise konzentriertes Lesen oder Arbeiten am PC oft nur für kurze Zeit möglich sind.
Wer ist besonders gefährdet, von Langzeitfolgen betroffen zu sein?
Dr. Stingl: Generell können Langzeitfolgen von Covid-19 in jeder Altersgruppe auftreten, wobei hier zu unterscheiden ist, ob es sich z. B. um Betroffene mit sehr schwerem Verlauf, möglicherweise sogar Aufenthalt auf einer Intensivstation, handelt. Hier können die Einschränkungen allein durch die Tatsache entstehen, dass durch die primäre Erkrankung ein starker Schaden eingetreten ist. Weiters ist es wichtig, jene zu unterscheiden, wo Schäden an Lunge oder Herz feststellbar sind. Es gibt aber auch eine große Anzahl an Betroffenen, wo all dies nicht zutrifft, die aber trotzdem anhaltende Probleme haben. Dies betrifft deutlich mehr Frauen als Männer, die Betroffenen sind eher jünger – also zwischen 20 und 40 Jahren.
Wenn sich starke Müdigkeit nach einer Covid-Infektion einstellt. Wann besteht Grund zu Sorge?
Dr. Stingl: Ein wichtiger Punkt bezüglich der Erschöpfung/Müdigkeit ist, ob es nach oft auch relativ banaler körperlicher oder geistiger Aktivität zu einer Verschlechterung des Zustandes kommt. Dies sollte rasch abgeklärt werden. Es ist hier insbesondere bei primär milden Verläufen wichtig, dass Organschäden ausgeschlossen werden.
Welche Entwicklungen konnten bereits im Zusammenhang mit Fatigue beobachtet werden?
Dr. Stingl: Viele Betroffene berichten, dass die starke Erschöpfung direkt im Anschluss an die Infektion aufgetreten ist. Bei manchen entwickelt sich diese Problematik aber erst mit einer leichten Verzögerung, viele bemerken es erst, wenn sie nach mehrwöchigem Krankenstand nach Infektion versuchen, die Arbeitstätigkeit wieder aufzunehmen.
Sind die Ursachen bekannt?
Dr. Stingl: Warum konkret diese starke Erschöpfung vorhanden ist, ist letztendlich noch unklar. Bei vielen Betroffenen findet sich eine autonome Dysfunktion, also eine Fehlfunktion des autonomen Nervensystems. Das ist jener Teil des Nervensystems, der nicht willentlich beeinflussbar ist. Sehr häufig findet man hier Einschränkungen der Regulation des Kreislaufes, was dann oft beispielsweise zu einem zu niedrigen Blutdruck im Stehen führt. Dies kann viele der Symptome erklären. Eine weitere Hypothese ist eine Überaktivität des Immunsystems, wo durch Produktion von Entzündungsbotenstoffen die Abgeschlagenheit und Müdigkeit verursacht werden. Bei vielen Betroffenen scheint auch eine Überaktivität von Mastzellen vorzuliegen. Das sind Immunzellen, die unter anderem Histamin freisetzen, was auch viele der Symptome erklären kann.
Hängt die Fatigue nach Covid mit der gefürchteten, unheilbaren ME/CFS zusammen? Oder sind nur Symptome ähnlich?
Dr. Stingl: Die Erschöpfung, welche Betroffene mit Long Covid beschreiben, ähnelt sehr stark dem, was man von ME/CFS kennt. Von der Definition her kann ME/CFS erst nach sechs Monaten Krankheitsdauer diagnostiziert werden. Long Covid entspricht bei den meisten Betroffenen vorerst einer postviralen Fatigue, so wie sie nach einer Vielzahl von viralen Infekten auftreten kann. Diese Symptome können, so weit die Erfahrung von anderen Infekten, durchaus für mehrere Monate anhaltend sein. Oft gibt es aber Besserung. Wichtig ist, eine Chronifizierung, also letztendlich ME/CFS, zu verhindern.
Was kann man tun? Was hilft wie?
Dr. Stingl: Wichtig ist es, dass die beschriebenen Symptome von den Ärzt*innen ernst genommen werden. Aus meiner Sicht steht im Vordergrund, zwischen den unterschiedlichen Gruppen zu unterscheiden. Hier gibt es eben die Gruppe, bei denen Organschäden nachweisbar sind. Andererseits gibt es natürlich auch solche, wo durch die Infektion ein vorbestehendes psychisches Problem verstärkt oder durch die Infektion ein neues psychisches Problem aufgetreten ist. Letztendlich gibt es aber die große Gruppe an Betroffenen, wo weder das eine noch das andere der Fall ist, die aber trotzdem anhaltend in jeglicher Aktivität eingeschränkt sind. Es ist hier eine genaue Abklärung der Ursache notwendig, insbesondere in Richtung immunologischer Auffälligkeiten. V. a. die autonome Dysfunktion sollte unbedingt abgeklärt werden, da hier oft symptomatische Therapien möglich sind. Letztendlich ist aber gerade bei jenen, wo keine Organschäden vorhanden sind und wo nach übermäßiger Aktivierung eine Verschlechterung des Zustandes eintritt, wichtig, dass auf das sogenannte Pacing hingewiesen wird. Dies bedeutet, dass Aktivität in dem Rahmen sinnvoll ist, in dem es zu keiner Verschlechterung des Zustandes kommt. Dies ist eine Situation, wo man sich über die Einschränkung nicht wie oft gewohnt drüberzwingen kann. Das ist natürlich nicht besonders intuitiv, in diesem Fall aber umso wichtiger.
Es gibt Patientenberichte, wonach sich Long-Covid-Symptome nach der Covid-Impfung gebessert hätten. Was sagt die Wissenschaft?
Dr. Stingl: Ja, diese Anekdoten hört man zunehmend. Man kann leider nicht sagen, wie oft das passiert und wie lange der Effekt anhält. Es gibt auch verschiedene Theorien dazu, warum eine Impfung helfen könnte, nämlich dass durch die Impfung die Immunantwort so verstärkt wird, dass eventuell persistierende Viren/Virusreste eliminiert werden bzw. dass Autoimmunität verursachende Zellen „abgelenkt“ werden können. Das Phänomen hat jedenfalls Aufmerksamkeit bekommen und wird sicher weiter beobachtet werden!
Dr. Michael Stingl ist Facharzt für Neurologie mit Ordination in Wien; neurostingl.at
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