Welt-Hits wie Anton aus Tirol, Hey Baby (Platz 1 in England!) oder Ein Stern (größter Hit der deutschen Chartgeschichte) erklärten DJ Ötzi zum Party-Tiger. Mit der neuen CD Sei du selbst und der Biografie Lebensgefühl liefert Gerry Friedle (50) nun intime und emotionale Einblicke unter seine legendäre Haube. Noch privater wird er nur im großen ÖSTERREICH-Interview:
Ihre neue CD heißt Sei du selbst- weil Sie das damit erstmals auch sind?
Ich bin sehr sehr nahe an mir selbst und viel befreiter wie früher. Das heißt immer wenn ich bei mir war, habe ich ein gutes Gefühl gehabt. Und wenn ich nicht bei mir war habe ich mich ablenken lassen. Dann habe irgendwas gemacht, was mein Kopf gesagt hat. Aber eigentlich muss ich mich viel mehr auf mein Gefühl verlassen.
Sie schrieben Ihre Songs jetzt selbst…
Davor hatte ich lange Zeit Angst, weil ich mir das nicht zugetraut habe. Doch wenn ich jetzt sage „Sei du selbst“, dann muss ich das auch sein. Ich fühle was mir taugt, was mit Spaß macht und was ich auch sagen will . Und das habe ich mit den Themen auch stark vorgegeben. Weil ich wollte einfach Zusammengehörigkeit zeigen. Wir müssen aufhören uns Auseinander zu dividieren: Der ist schlecht, der gut, der homosexuell, der hat eine andere Hautfarbe. Wir sind alles Menschen. Diese Themen wollte ich unbedingt dabei haben. Oder loslassen. Die Vergangenheit loslassen und was so in der Zukunft auf uns zukommt.
Hat das Schreiben an ihre Biografie Lebensgefühl, wo Sie ja auch ihre Vergangenheit aufarbeiten, beim Songschreiben geholfen?
Es war nicht gleichzeitig aber es war sehr nahe. Aber tatsächlich ist es genauso wie es ist. Dass man nicht verzeihen muss, aber sich versöhnen soll. Weil dieses verzeihen ist immer: Ich verzeihe dir. Ich bin so großmütig und Ich bin der heilige Geist, weil ich dir verzeihe. Nein es geht ums versöhnen.
Im Song Nach all den Jahren singen Sie auch über ihren mittlerweile verstorbene Vater. Haben Sie es geschafft sich mit ihm versöhnen?
Ich bin noch kurz vor seinem Tod an sein Krankenbett gefahren. Dafür musste ich sehr viel Mut aufbringen. Ich bin da rein und habe ihn gesehen. Er war wirklich arm. Ich hatte mein ganzes Leben lang einen Zwist mit ihm und dann habe ich gesagt „Papa es ist alles erledigt.“ Das hat bei ihm und bei mir alle negativen Spannungen gelöst. Es war aber nur der eine Satz.
Fragt man sich da nicht: Warum habe ich ihm diesen einen Satz schon nicht früher gesagt?
Es war nicht der richtige Zeitpunkt. Ich wollte dass er in Ruhe gehen kann, und ich selbst wollte einfach frei weitergehen. Ganz ohne Groll und böse auf den anderen sein. Das macht keinen Sinn. Mir ging es nicht um Vergebung: es geht um Versöhnung.
Was war einfacher? Das Buch zu schreiben oder die Songs?
Beides war nicht einfach. Weil ich war ja mit mir schon im Reinen. Auch durch den Jakobsweg. Da bin ich ja in meine Leben noch einmal eingetaucht und habe auch über meine Depressionen gesprochen. Deswegen war das Buch nicht einfach, weil ich wieder alles erzählen musste. Dafür hat mir das Album total Kraft gegeben, weil ich mir gedacht habe "sag' das was du spürst und fühlst". Beim Album war nur der Song über mein Vater hart für mich. Alles andere war cool.
Sie haben beides in der Corona Zeit geschrieben…
Es hat mich sehr berührt weil ich mir gedacht habe die Welt geht unter. Vor allem die ersten paar Tage. Österreich ist zu. Deutschland ist zu. Die ganze Welt ist zu. Was geht da ab? Dann sagt man sich: Wenn Gott es so will, dann überlebe ich das auch. Weil ich habe Vor-Erkrankungen. Ich bin Übergewichtig, ich habe damals noch geraucht. Aber es ist alles gut ausgegangen.
Was haben sie durch Corona gelernt?
Erstens es mal zu erkennen, wer dir am Nähesten ist und du das eigentlich am wenigsten schätzt. Weil du das einfach für normal hältst, dass dich wer liebt und das der alles für dich tut. Zweitens dass es nach jedem Tal wieder bergauf geht. Und drittens die Geschirrspülmaschine hab ich gelernt. (lacht) Wie ich die einschalten soll. Und Bananenbrot hab ich gelernt. Gekocht hab ich und ich habe mich auch dem Thermomix ergeben.
Und sie haben auch mit dem Rauchen aufgehört…
Ich habe wirklich gerne geraucht, aber ich habe immer mit einem schlechten Gewissen geraucht. Das sollte man nicht. Wenn man Raucher ist, sollte man nicht mit einem schlechten Gewissen rauchen sondern sich gut dabei fühlen, dann raucht man weniger. Ich wollte nicht aufhören, ich wollte nur das Versprechen, dass ich meiner Frau und meiner Tochter gegeben habe, einhalten und bin zum Hypnotiseur gegangen. Der hat dann zwei Minuten geredet , dann gesagt „Herr Friedle jetzt berühre ich sie“ Dann hat er mir auf dem Kopf gegriffen. Auf die Schulter und gesagt „ Herr Friedle sie sind rauchfrei.“ Und seit dem rauch ich nichts. Keine Ahnung was er mit mir gemacht hat.
Sie sind seit 20 Jahren glücklich verheiratet. Was ist das Geheimnis ihrer Ehe?
Da ist jetzt natürlich auch Ehefrau Sonja Friedle gefragt…
Sonja Friedle: Das bleibt unser Geheimnis!
DJ Ötzi: Wenn es ein Geheimnis gibt dann, dass wir nicht nachtragend sind, wenn wir uns fetzen. Was wir wie jedes andere Pärchen machen. Das hab ich von der Sonja gelernt. Und das wir uns gut versöhnen können. Weil ich immer nachgebe. Weil meine Frau immer nachgibt. Weil man manchmal gemeinsam nachgibt.
Sonja Friedle: Einmal der Eine, einmal der Andere.
DJ Ötzi: Den Grundsatz immer einhalten. Den Grundsatz der Liebe, des Vertrauens, der Klarheit . Weil das hat wirklich mit dem Moment des Streites gar nichts zu tun. Und weil wir gemeinsame Ziele haben und das auch immer durchgezogen haben. Es lohnt sich für die Liebe zu kämpfen.
Sonja Friedle: Ja so ist es.
Warum haben Sie dann eigentlich nie an ein zweites Kind gedacht?
Sonja Friedle: Ich glaube das haben wir ehrlich gesagt irgendwie übersehen. Zuerst war alles so rasch so viel: weil wir haben doch gleich geheiratet, dann unser Kind bekommen. Dann sind wir umgezogen. Da muss man sich als junge Eltern erst einmal erst orientieren und mal schauen wohin geht die Reise. Und plötzlich ist die Kleine schon 6 oder 7. Und dann überlegt man schon ob man wieder von vorne anfangen will. Dazu ist Gerry ja auch wirklich viel unterwegs.
DJ Ötzi: Ich bewundere jede Mutter und jeden Vater der das auf sich nimmt.
Sonja Friedle: Ich hab e einige Freundinnen die zwei, drei Kinder haben und das ist eine ganze andere Ansage als wie eins.
DJ ÖTZI: Wobei es anscheinend mit zwei oder drei Kindern nicht mehr so anstrengende ist. Aber wie gesagt: ich kann da nicht mitreden, weil ich haben es ja nicht.
Sonja Friedle: Vielleicht ist der Unterscheid zwischen zwei und drei Kindern nicht mehr so groß wie der Unterschied zwischen einem und zwei.
DJ ÖTZI: Umso mehr du das wahrnimmst umso größer ist mein Respekt vor Eltern größerer Familien.
Wie sehr haben Ihnen die Konzerte und die Bühne gefehlt?
So sehr wie einem Fallschirmspringer das Fallschirmspringen fehlt. Dieser Kick, dieser Energieaustausch, dieser Applaus, das singen an sich, weil singen ja alles vertreibt was negativ ist Aber da ist es uns Musikern allen gleich gegangen: Wir waren die ersten die zusperren mussten und sind die letzten die wieder auftreten dürfen. Mit dem hat ja niemand gerechnet.
Rechnen Sie damit, dass es sie im Winter wieder Ihre legendäre Gipfeltour gibt?
Die Gipfeltour ist schon geplant und hoffentlich kriegen wir die hin. Das ist ja im Freien. Wenn es geht bin ich super glücklich.
Sonja Friedle: Wir haben ja noch ein bisschen Zeit bis dahin und die Leute werden sich schon impfen lassen.
Bei vielen Veranstaltungen gilt jetzt die 3G-Regel oder gar noch strenger…
Das wird so passieren wie sie wollen. Ich brauche auch niemand zu einer Impfung überreden. Ich misch mich da nicht ein weil ich einfach der Meinung bin es steht mir nicht zu. Wenn ich jetzt sage ihr sollt, ihr müsst, dann wäre das die falsche Botschaft. Jeder soll das machen was er denkt.
Sie sind geimpft?
Für mich ist es richtig. Aber es heißt gar nichts. Ich glaub man trifft die Leute nur mit Emotionen und nicht wenn du zu ihnen sagst, dass sie dumm sind. Das ist falsch.
Ihre Konzerte sind normal die große Party. Jetzt gibt es aber auf der neuen CD jedoch auch sehr viele Songs die zum Nachdenken anregen. Wie werden Sie das mischen?
Blumen blühen auch nicht das ganze Jahr. Und selbst wenn man das schönste Bild malt, nimmt man nicht immer nur die hellen Farben. Also kann man auch nicht immer nur Hits losfeuern sondern muss auch die Leute mit auf eine Reise nehmen. Das will ich dem Publikum geben und eine geile Zeit. Und eine gute Zeit hat auch damit zu tun was du fühlst.
Sie gelten als Party-Tiger…
Ich persönlich bin ganz weit weg vom Party-Tiger. Ich will einfach, dass die Leute eine geile Zeit haben.
Die neue CD trägt aber den Unter-Titel „ Party 2.0“...
Wenn es nach mir gegangen wäre, dann hätte man das nicht gebraucht. Aber es ist ja auch am Album das drauf was den DJ Ötzi ausmacht aber auch das was den Gerry ausmacht. DJ Ötzi macht Laune. Gerry macht Mut. Das ist ein Ansatz der für mich immer dazu gehört.
Hätten sie die CD nicht auch als Gerry Friedle veröffentlichen können. Oder braucht es den Ötzi?
Coca Cola ohne Coca wäre ja auch Scheiße. Oder Red Bull ohne Red. Ich kann ganz klar zu mir stehen. Sowohl zu meiner Marke als zu meiner Person. Das ist alles eins. Aber es steckt mehr unter der Haube. Und es macht echt Spaß ich zu sein.
Für dieses Selbstvertrauen haben Sie jedoch lange gekämpft…
Ich habe mich nur angezweifelt: Ist das richtig? Brauchen das die Leute? Bin ich gut genug? Darf ich Erfolg haben? Oder warum darf ich Erfolg haben? Alles was einen negativ belastet und nur runterdrückt. Ich mich selber. Gar nicht von außen. Wenn es heißt „das ist doch nur Après-Ski oder Gaudi-Musik“ Bullshit! Ein Stern“ ist höchstens zwei Prozent Après-Ski. Das wird auf Begräbnissen genauso gespielt wie auf Geburtstagen. Das haben Omas genauso gesungen wie Rocker. Ich lasse das einfach nicht zu. Da rinnt mir das Tätowierte runter.
In der Musik wird oft über Qualität diskutiert. Und gerade Ihre Songs werden da gerne runtergemacht …
Es ist klar, dass ich jetzt kein Jean-Michel Jarre oder Schönberg bin. Das verstehe ich. Dass es in der Hochkultur eine hochwertigere Musik gibt. Aber da wo es um das Gleiche geht, nämlich um die Liebe oder um die Angst oder um was auch immer – da ist es mir egal. Das ist mir Wurst. Ich will mich auch nicht erklären, man soll über mich denken was man denken will. Ich habe Spaß momentan. Und das tut mir gut.
Was lernt man über Sie wenn man die CD hört oder die Biografie liest?
„Aha – hätte ich mir so nicht gedacht.“ Ich kann die Meinung des anderen nicht ändern. Ich kann vielleiecht eine andere Ansicht geben, dass man mich anders wahrnimmt. Das würde mir gefallen. Vielleicht kann man ja auch nach dem Lesen den Mut aufbringen und sagen: „Na wann der das schafft, dann kann ich es ja Hundert Mal.“ Wenn ich das schaffe, dann habe ich alles richtig gemacht. Mehr will ich gar nicht.
Wo stehen Sie im Austropop?
So wie ich das mitbekommen habe zumindest bei Pizzera & Jaus ganz oben (lacht). Aber das sollen andere bewerten. Es gibt so viele wahnsinnig gute Sachen. Ich habe mir deshalb auch ganz bewusst die Amadeus Awards angesehen und da wäre mir nichts aufgefallen was Scheiße ist. Es hat sich so viel entwickelt. So stark wie der Austropop jetzt ist war er nur in den Glanzzeiten der 80er Jahre. Und da waren es eigentlich auch nur 3, 4 Leute. Oder höchstens 10. Ich bin stolz auf uns Österreicher und das wir momentan so eine coole Musiklandschaft haben. Und wo ich mich im Austropop sehe oder nicht ist eigentlich scheiß-egal. Weil ich mache eine geile Musik. Und das kann beurteilen wie man will. Ich mache es nicht: Ich gebe einfach nur mein Bestes.
Falco ist an Platz 1 in Amerika zerbrochen. Wie haben Sie eigentlich Platz 1 in England überlebt ?
Ein Lotto-Sechser soll ja dafür da sein, dass du anfängst an dir zu arbeiten und nicht aufhörst. Ich bin da eher dem Fleiß gegenüber verpflichtet. Ich möchte mich immer weiter entwickeln. Mit Falco kann und sollte sich gar niemand vergleichen. Natürlich hatte er einen Vorteil, weil er ein gewisses Doping in sich hatte. Er hatte dadurch natürlich schon ein erweitertes Bewusstsein gehabt. Aber das hatten früher alle. Egal ob David Bowie, oder Mick Jagger. Aber die haben unsere Geschichte bereichert. Auch dank ihrer Substanzen. Dadurch hat man natürlich eine ganz andere Wahrnehmung.
Drogen haben Sie nie gereizt?
Nein da hatte ich viel zu viel Angst davor. Da geht mir der Reis. Ich war Epileptiker. Ich hatte meinen Krebs. Ich habe Geschichten gehabt wo ich das echt nicht brauchen konnte. Ich will bei mir sein. Andere sollen tun, was sie wollen, aber ich will das nicht machen.
Haben Sie eigentlich ausgesorgt?
Ich habe ausgesorgt weil ich an mich glaube. Ich habe keine Existenzängste weil ich an mich glaube. Ich bin sparsam. Ich bin großzügig wenn es um meine Familie und Freund geht. Ich investiere sehr viel in die Marke DJ Ötzi. Aber an das will ich gar nicht denken, ob ich ausgesorgt habe oder nicht. Wenn ich wüsste wie viel Geld ich habe müsste ich geizig werden. Und das will ich nicht.
Im Jänner wurden sie 50. Haben Sie ein Problem mit dem Alter?
Wenn der 5er nicht vorne stehen würde, dann würde ich es gar nicht wissen. Weil ich fühle mich jünger denn je. Mit dem 50er geht es mir so wie mit dem „ausgesorgt“: Hört man da auf? Nein. Ich habe ausgesorgt, weil ich an mich glaube und ich mich nicht mehr aufgeben werden will.
Interview: Thomas Zeidler
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