Nina Proll

Protest gegen Corona-Politik

Nina Proll: ''Habe das Vertrauen in die Regierenden verloren''

Schön, klug, mutig: Die Schauspielerin Nina Proll (46) positioniert sich aktuell als Kritikerin des Regierungskurses in der Coronakrise.

Ihre klare Positionierung tut in Zeiten des täglichen Herumgeschwurbels wirklich gut: Die in Tirol mit ihrem Ehemann Gregor ­Bloéb lebende Sängerin und Schauspielerin Nina Proll bekennt im Interview mit dem "INSIDER"-Magazin offen, was sie an den aktuellen Maßnahmen gegen die Corona-Ausbreitung stört.

Protest auch mit Song: "I zag di au" wird ein Hit

Und die Mutter von zwei Buben (12 und 10 Jahre alt) gibt dabei zu, dass sie längst jeden Optimismus verloren hat: „Die Perspektiv­losigkeit und die Zukunftsangst fressen einen auf. Nicht die Angst vor dem Virus.“

Mit ihrer deutlichen Kritik an der Unverhältnismäßigkeit der Maßnahmen der Bundesregierung ist der Serien-Star (Vorstadtweiber) nicht allein: Fans schicken Nina Proll Hunderte E-Mails, ihr Song I zag di au kam allein auf Youtube 125.000 Abrufe.

Nach Marcello-Mastroianni-Preis, einer Romy und Dancing Stars-Erfahrung berichtet die Proll aus eigener Erfahrung über die jetzt durch Corona-Sperren dramatische Situation in der Kunst- und Kulturszene: „Den Schaden, den man der Kunst und Kultur hier zugefügt hat, kann man auf Jahre nicht mehr reparieren. Uns – in der sogenannten ,freien Szene‘ – wurde die Grundlage ent­zogen, wirtschaftlich zu arbeiten.“

Der INSIDER wird dieses Interview (siehe unten) jedenfalls auch an die Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer und Vizekanzler Werner Kogler schicken – sie sollten Nina Proll zu einem längeren Gespräch einladen. Es könnte nicht schaden.

© Chris Singer
Nina Proll
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Harte Kritik von Nina Proll: "Erst wenn alles zerstört ist, folgt ein Umdenken"

INSIDER: Wir sind jetzt im achten Monat der Coronakrise. Was läuft Ihrer Meinung nach falsch? Sie haben erst kürzlich gesagt, es fehle die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen …

NINA PROLL: Absolut. Maßnahmen, die nicht verhältnismäßig sind, sind verfassungswidrig. Der Schaden, den die Maßnahmen ver­ursachen, steht in keinem Verhältnis zum Nutzen. Mittlerweile warnt sogar die WHO vor neuerlichen Lockdowns und bestätigt, dass Covid-19 nicht so gefährlich ist, wie ursprünglich angenommen. Warum Politiker dennoch anders agieren, kann ich nicht ­beantworten. Aber es wäre schon hilfreich, wenn Medien wie oe24 mehr dar­über berichten würden, denn den Einfluss der Medien auf die Politik kann niemand leugnen.

INSIDER: Als bekannte österreichische Künstlerin sind auch Sie von Auftrittsver­boten betroffen. Wird den Kunstschaffenden genug und vor allem rasch genug geholfen, diese schwere Zeit zu überstehen?

PROLL: Den Schaden, den man der Kunst und Kultur hier zugefügt hat, kann man auf Jahre nicht mehr reparieren. Für Künstler an subventionierten Häusern, wie dem Burgtheater, den Vereinigten Bühnen oder auch der Staatsoper, sind diese Maßnahmen natürlich nicht so spürbar, denn sie bekommen 14 Monatsgehälter oder zumindest 80 % davon, egal ob kein einziger Zuschauer im Publikum sitzt oder 1.000. Bei 80 % aller Kulturschaffenden – immerhin 130.000 Menschen – ist das aber nicht der Fall. Uns in der sogenannten „freien Szene“ wurde die Grundlage entzogen, wirtschaftlich zu arbeiten. Kurz gesagt: Wenn ich vor 60 Zuschauern spielen muss, rechnet es sich nicht, sondern ich zahle im Gegenteil auch noch drauf, da meine Fixkosten ja bleiben: Musiker, Techniker, Equipment, Reise- und Hotelkosten etc. Die theoretische Möglichkeit, auftreten zu können, bringt hier also nichts.

INSIDER: Sie trifft diese Krisensituation ja noch dazu doppelt, Ihr Ehemann Gregor Bloéb ist ebenfalls Schauspieler. Kommt irgendwann der Punkt, an dem man seinen Optimismus verliert?

PROLL: Der ist längst gekommen. Die Perspektivlosigkeit und die Zukunftsangst fressen einen auf. Nicht die Angst vor dem Virus.

INSIDER: Ihr Appell zu mehr ­Eigenverantwortung – könnte das in Österreich überhaupt gut gehen?

PROLL: Eigenverantwortung heißt per Definition, dass jeder für sich selbst Verantwortung übernimmt und nicht anderen die Schuld gibt, wenn er sich beispielsweise mit dem Virus ansteckt. In diesem Sinne denke ich, wäre es absolut möglich, auch in Österreich dies zu fördern. Risikogruppen sind in erster Linie Menschen über 65, sie sind meist ohnehin nicht mehr berufstätig. Sie können daher selbst entscheiden, ob sie sich in eine gedrängte U-Bahn oder ins Theater wagen oder ihre Enkel in die Arme schließen wollen.

INSIDER: Wie gehen Sie eigentlich mit den Trollen und Hatern auf diversen Social-Media-Plattformen um? Haben Sie schon einen eigenen Lösch-/Blockier-Beauftragten, eine Agentur, die das übernimmt?

PROLL: (lacht) Nein, dieses Vergnügen gönne ich mir selbst.

INSIDER: Ihr Song „I zag di au“ hat allein auf Youtube 125.000 Abrufe. Jetzt gibt’s in Deutschland sogar schon eine Web-Plattform, bei der „Corona-Sünder“ angezeigt werden können – kommen noch dunklere Zeiten, oder sind Sie zuversichtlich, dass sich alles ­wieder beruhigen könnte?

PROLL: Wir werden uns noch wundern, was alles möglich ist. Ich denke, bis Dezember wird sich die Lage dermaßen zuspitzen, dass die gegenseitigen Reisewarnungen sich selbst ad absurdum führen. Man wird erst umdenken, wenn man alles zerstört hat. Ich fürchte, das Ganze wird zunehmend eine Diskussion zwischen Selbstständigen und Arbeitnehmern. 80 % der arbeitenden Menschen sind Arbeiter und Angestellte und wiegen sich in einer vermeintlichen Sicherheit von Kurzarbeit oder zumindest der Möglichkeit, vom AMS Arbeitslosenversicherung zu beziehen. Ein Selbstständiger kann das nicht, er hat keinen Anspruch auf Arbeitslose. Was man mit all den Selbstständigen vorhat, die demnächst Pleite gehen, weiß ich nicht. Aufs AMS können sie jedenfalls nicht. Diesbezüglich hat sich noch niemand etwas überlegt.

INSIDER: Sie werden demnächst wieder bei Drehs zu den „Vorstadtweibern“ dabei sein. In dieser Serie steckt ja auch viel Gesellschaftskritik. Sind wir zu oberflächlich geworden?

PROLL: Ich glaube, dass unsere Gesellschaft völlig verlernt hat, mit den Risiken des Lebens und letztlich mit dem Tod umzugehen. Es scheint so, als würden die Menschen zum ersten Mal realisieren, dass ihr Leben endlich ist, und man tut so, als gäbe es ein „Recht auf Gesundheit“. Das gibt es jedoch leider nicht, denn Krankheit gehört nun einmal zum Leben dazu. Ich bin da ganz bei Wolfgang Schäuble, der gesagt hat: „Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gibt, dann ist das die Würde des Menschen. Die ist unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen.“

Richard Schmitt