Edelmetalle

Rekordjagd, Rücksetzer, Reset bei Gold und Silber

Gold und Silber gingen mit Karacho ins Jahr und bekamen dann die kalte Dusche. Kein Trendbruch: Korrigiert wirdvon Rekordständen, nicht aus einer Schwäche heraus. 

Gold schoss von Anfang Jänner bis rund 23. Jänner in Euro gerechnet um etwa 15 Prozent nach oben und markierte neue Höchststände. Danach setzte das ein, was nach solchen Sprints fast immer kommt: der Rücksetzer. Ausgerechnet dort, wo es am heißesten war – in der Zone um 4.900 bis 5.000 Dollar je Unze, der klassischen „PostRallyRegion“, in der Gewinne gesichert werden und die Nerven dünner werden. „Nach einer derart steilen Aufwärtsbewegung ist eine Pause nicht nur normal, sondern notwendig“, sagt Monika Rosen, Börsenexpertin und Vizepräsidentin der Österreichisch-Amerikanischen Gesellschaft. Entscheidend sei, dass der Markt nicht aus einer Schwächephase heraus falle, sondern von einem überhitzten Niveau. Genau darin liege der Unterschied zwischen Korrektur und Trendbruch.

Silber: Das TurboMetall 
schlägt zurück

Während Gold vergleichsweise kontrolliert korrigierte, zeigte Silber einmal mehr sein extremes Temperament. Im Jänner stieg das Metall in Euro um knapp 13 Prozent, ehe es Anfang Februar zu einem der heftigsten Tagesverluste der jüngeren Vergangenheit kam: Innerhalb eines Handelstags verlor Silber fast 24 Prozent und fiel auf rund 67 Dollar je Unze. Der Schock ist real – aber die Perspektive ebenso: Trotz des Einbruchs liegt Silber seit Jahresbeginn noch immer knapp vier Prozent im Plus, auf Sicht von zwölf Monaten sogar deutlich über 100 Prozent. „Silber ist das TurboMetall unter den Edelmetallen“, sagt Rosen. „Es reagiert schneller, heftiger und emotionaler als Gold – nach oben wie nach unten.“

Überhitzt, nicht erledigt

Die Kursbewegungen kamen nicht aus dem Nichts. 2025 war für Gold und vor allem für Silber ein Ausnahmejahr mit historischen Höchstständen. Das GoldSilberRatio fiel stark – ein Muster, das Profis gern als „späte HaussePhase“ lesen: Wenn Silber plötzlich deutlich schneller steigt als Gold, ist oft sehr viel Euphorie im Spiel. Für Otto Normalverbraucher lässt sich das so übersetzen: In wenigen Wochen wurde bei manchen Anlegern aus „Absicherung“ ein „SchnellreichPlan“. Genau dann wird der Markt dünnhäutig. „Wenn zu viel zu schnell passiert, wird der Markt irgendwann brutal ehrlich“, sagt Rosen. Dann reicht ein Auslöser – und aus Gewinnen wird in Stunden ein Ausverkauf. Technikbegriffe wie RSI muss man dafür nicht lieben: Entscheidend ist die Logik dahinter. Wenn Kurse nahezu senkrecht steigen, werden Rücksetzer wahrscheinlicher – nicht weil das Metall „schlecht“ ist, sondern weil zu viele auf einmal durch dieselbe Tür wollen.

Warum der Rücksetzer so weh tat

Die Hauptzutat heißt Gewinnmitnahme: Nach zweistelligen Monatszuwächsen wird Kasse gemacht – oft gleichzeitig. Dazu kommen engere Liquidität und höhere Anforderungen im Derivatehandel, die Bewegungen verstärken. Übersetzt: Wenn viele Investoren mit geliehenem Geld oder stark gehebelten Produkten unterwegs sind, müssen sie bei fallenden Kursen schneller verkaufen. Das kann Abwärtsbewegungen beschleunigen – besonders bei Silber. Beim Silbermarkt kommt außerdem der „ChinaFaktor“ hinzu: Exportrestriktionen und Angebotsverknappung hatten die Rally zusätzlich aufgeblasen. „Solche Preisanomalien lösen sich in Korrekturphasen oft abrupt auf“, erklärt Rosen. Das mache den Rücksetzer nicht angenehmer, aber erklärbarer.

Dollar, Euro – und der Blick 
aus Österreich

Für europäische Anleger zählt nicht nur der Metallpreis, sondern auch die Währung. Gold und Silber werden international in Dollar gehandelt und wenn der Dollar schwankt, schwankt die EuroPerformance mit. Wer in Euro denkt, erlebt daher manchmal doppelte Dynamik: Der Metallpreis bewegt sich, und der Wechselkurs liefert den zweiten Hebel. Ganz praktisch: Selbst wenn Gold in Dollar kaum steigt, kann der Preis in Euro trotzdem zulegen – oder umgekehrt. „Man darf Edelmetalle nicht isoliert betrachten“, sagt Rosen. „Gerade in Phasen, in denen Währungen und Zinsen stark in Bewegung sind, wirkt der Devisenmarkt wie ein zusätzlicher Beschleuniger.“

Was die großen Häuser erwarten. Trotz der Korrektur sind die längerfristigen Argumente pro Edelmetalle nicht verschwunden: hohe Schuldenlast, geopolitische Spannungen, Zentralbankkäufe – und das Bedürfnis vieler Investoren nach einem „harten“ Gegengewicht zu Papierwerten. Entsprechend bleiben auch die großen Häuser erstaunlich offensiv. Goldman Sachs etwa arbeitet in seinen Szenarien für Ende 2026 mit einer Marke um 5.400 Dollar, J.P. Morgan nennt als Zielgröße sogar 6.300 Dollar je Unze. Deutsche Bank und Société Générale sehen Gold in dieser Größenordnung – um 6.000 Dollar – ebenfalls als plausibel, während UBS für 2026 wiederholt Bereiche um 6.200 Dollar skizziert und erst gegen Jahresende mit einer leichten Normalisierung rechnet. Rosen warnt allerdings vor dem falschen Reflex, nach einem Crash sofort die nächste Gerade nach oben zu erwarten. „Nach so einer Bewegung muss der Markt zuerst eine neue Normalität finden“, sagt sie. Für Gold gehe es darum, welches Niveau als tragfähig akzeptiert werde. Und bei Silber müsse man Volatilität als Preis für das mögliche Aufwärtspotenzial mitkaufen.

Reset statt Trendbruch

Unterm Strich zeigt sich eine klassische Sequenz: Überzogene Rally, scharfe Korrektur, Stabilisierung – aber auf einem deutlich höheren Niveau als vor einem Jahr. Gold wirkt dabei wie der ruhigere Pol, Silber wie der nervöse Verstärker. Oder, wie es Rosen formuliert: „Wer bei Silber investiert, bekommt keine lineare Geschichte, sondern ein Metall mit enormem Potenzial und ebenso großen Ausschlägen.“ Der jüngste Einbruch ist damit weniger das Ende der Hausse als ihr Belastungstest: schmerzhaft, laut und vielleicht genau der Reset, den ein überhitzter Markt gebraucht hat. 

Stephan Scoppetta

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