Missbrauchs-Skandal

100 Klagen gegen die Kirche

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Zwei Anwälte legen sich mit der mächtigen Kirche an. Sie stellen ein Ultimatum, sonst geht es vor Gericht. Sie vertreten schon über 100 Opfer.

Es wird eng für die katholische Kirche: Die Opfer des jahrelangen Missbrauchs machen Ernst. Die beiden Anwälte Georg Zanger und Werner Schostal kämpfen jetzt Seite an Seite für Entschädigungen – und stellen der Kirche ein Ultimatum: Sollte es nicht bald Gespräche über einen außergerichtlichen Vergleich geben, wollen die Juristen im Namen der Opfer die Klage einleiten. „Es hat sich bisher niemand von der Kirche bei uns gemeldet. Kein Anruf, keine E-Mail, nichts“, sagt Schostal zu ÖSTERREICH. Die Kirche habe jetzt nur noch „ein paar Wochen“ Zeit, bis die rechtlichen Schritte in die Wege geleitet würden.

Über die Höhe der Entschädigungszahlung halten sich die Anwälte bedeckt, klar ist aber:

  • Die Juristen fordern einen Pauschalbetrag, der allen Opfern zukommen soll, die sich gemeldet haben.
  • Ausgenommen sind schwere Einzelfälle und Therapiekosten. Diese Fälle müssten individuell überprüft werden.
  • Der Druck auf die Kirche steigt, immer mehr Menschen sprechen über ihre Qualen: „Insgesamt haben sich bei den Anwälten und unserem Verein über 100 Menschen gemeldet, die sich der Klage anschließen“, so ein Sprecher von Betroffene kirchlicher Gewalt zu ÖSTERREICH. Erste Auswertungen zeigen: Mehr als ein Drittel aller Meldungen bei der Plattform betrifft sexuelle Gewalt (siehe Grafik). Gemeinsam mit Zanger und Schostal kämpft Missbrauchsopfer Michael Tfirst um Gerechtigkeit.

„Es gibt 70.000 Kirchen-Opfer in ganz Österreich“
Er fordert, dass die Kirche ihre Archive öffnet. Dann werde man sehen, dass es sich um „Hunderte Serientäter und zigtausende Opfer“ handeln würde. Tfirst setzt sich seit 30 Jahren mit dem Thema Missbrauch auseinander. Seiner Recherchen nach gibt es in Österreich rund 70.000 Opfer kirchlicher Gewalt.

Die Plattform Betroffene kirchlicher Gewalt geht in die Offensive. Sie lädt für nächste Woche Donnerstag die Justiz- und Familiensprecher aller Parteien, Opfer selbst, Psychologen und Anwälte zu einem Hearing ins Parlament. Die von Kardinal Christoph Schönborn gegründete Kommission mit Waltraud Klasnic an der Spitze wurde erneut wegen fehlender Unabhängigkeit kritisiert – sie stehe „im Sold der Kirche“.

ÖSTERREICH: Sie wollen einen außergerichtlichen Vergleich. Wurden Sie von der Kirche schon kontaktiert?
Werner Schostal: Nein. Kein Anruf, keine E-Mail, nichts. Das ist sehr enttäuschend und schon fast lächerlich. Und das, obwohl sich immer mehr Betroffene melden. Wenn nicht bald etwas von der Kirche kommt, werden wir in wenigen Wochen die rechtlichen Schritte einleiten.
ÖSTERREICH: Wie könnte Entschädigung aussehen?
Schostal: Wir wollen einen Pauschalbetrag für alle Opfer. Behandelt man jeden Fall einzeln, dauert das aufgrund der vielen Gutachten Jahre. Aber: Wenn jemand in Behandlung ist, sollten diese Kosten extra bezahlt werden.
ÖSTERREICH: Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus. Verständlich?
Schostal: Ich selbst bin gläubiger Christ und nicht ausgetreten. Aber wie die Kirche mit dem Skandal umgeht, das ist ja fahrlässig. Die Menschen sind empört und frustriert.
(rep)

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