Die Eröffnung der Wiener Festwochen findet wegen dem ESC-Trubel heuer erstmals am Heldenplatz statt. Intendant Milo Rau will ein Zeichen setzen und die politische Bühne bewusst ins Zentrum rücken. Nach der Gaza-Debatte geht es ihm mehr denn je um klare Haltung und offene Diskussion.
Milo Rau, Schweizer Intendant der Wiener Festwochen, ist ganz schön auf Achse. Kürzlich hat er seine Inszenierung "Der Prozess Pelicot" unter außergewöhnlichen Umständen beim eigentlich abgesagten BITEF-Festival in Belgrad gezeigt, derzeit inszeniert er in Stockholm sein Stück "Rage", das er am 31. Jänner am Dramaten zur Uraufführung bringt. Das Festwochen-Programm wird am 26. Februar vorgestellt. Die Eröffnung findet heuer am Heldenplatz statt, verrät er im APA-Interview.
Die Wiener Festwochen, die heuer 75-Jahr-Jubiläum feiern, dauern von 15. Mai bis 21. Juni - und kommen damit anfangs dem Großereignis ESC ein wenig ins Gehege, das von 10. bis 17. Mai den Rathausplatz mit seinem "Eurovision Village" bespielt. "Dieses Jahr findet die Festwochen-Eröffnung auf dem Held:innenplatz statt, wie ich ihn nenne. Sie findet nicht am ersten Wochenende statt, da ist unsere Jubiläumsproduktion 'Das beste Stück aller Zeiten', sondern am zweiten, nämlich am 22. Mai, eine Woche nach dem Song Contest."
Debatte um Gaza-Brief "war unglaublich wertvoll"
Für die große Festwochen-Jubiläumsrevue in der Halle E des MuseumsQuartier wurden per Casting-Aufruf "echte Menschen mit eigenen Geschichten" gesucht - und einige Geschichten kann Rau auch bereits aus seiner relativ kurzen Intendanz selbst erzählen. So hat etwa ein Offener Brief Raus über das angebliche Schweigen der Kulturszene zum Gaza-Konflikt im Herbst heftige Auseinandersetzungen ausgelöst. "Diese Debatte, auch wenn sie unerwartet und anstrengend war, hat zu vielen Begegnungen geführt, gerade auch mit der jüdischen Gemeinschaft von Wien. Ich bin mit vielen Leuten in Austausch getreten. Wir haben uns vielleicht vorher nicht genügend für einander interessiert, könnte man sagen. Aber das war für mich jetzt noch ein ganz anderes Eintauchen in die ganze Bewusstseinslage, die in der Stadt und in dem Land herrscht. Die ganze Sache war für mich also unglaublich wertvoll und hat zu vielen neuen Freundschaften geführt, die eigentlich durch Konflikt begonnen haben."
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Vielerorts wurde freilich kritisiert, dass Rau die von ihm geleitete Institution zum Verbreiten seiner eigenen politischen Meinung instrumentalisiere. "Ich kann verstehen, dass man gesagt hat: Warum meldet sich der Intendant selber zu Wort, was soll das? Diesen Vorwurf kann ich durchaus nachvollziehen, und deshalb ist die Bestrebung, diese ganze Debatte im Programm zu behandeln, umso größer. Auch die nächste Ausgabe der Festwochen wird diesen Fragen wieder ganz viel Raum geben. Wir werden viele unterschiedliche Meinungen präsentieren und wie bisher auch eines der ganz wenigen Festivals sein, das auch Produktionen aus Israel einlädt. Bei uns hat jede Meinung Platz."
"In Wien ist jeder Intendant der Festwochen"
"In Deutschland sagt man ja, jeder ist ein Bundestrainer. In Wien ist jeder Intendant der Festwochen und weiß ganz genau, was das Festival soll und was der Intendant darf und nicht darf. Und so haben wir eben auch unsere Vorstellungen." Es gehe bei einem Kulturfestival nicht nur um das Organisieren von Veranstaltungen, sondern auch um das Beweisen von Haltung, ist der 48-jährige Theatermacher überzeugt. "Wir sind ein Fenster zur Welt, indem wir Produktionen einladen, die teilweise auch politische Positionierungen bedeuten - etwa aus der Ukraine, aus Georgien, aus Israel, was alles nächstes Jahr der Fall sein wird. Wir versuchen nicht nur verschiedene künstlerische Handschriften zu zeigen, sondern auch das Meinungsfenster offen zu halten. Gleichzeitig vernetzen wir uns."
Die von ihm ins Leben gerufene "Resistance now!"-Reihe sei "auf europäischer Ebene die größte kulturpolitische Kampagne, die es derzeit gibt", glaubt Milo Rau. "Das führt als Nebeneffekt auch zu einer unglaublichen Steigerung der internationalen Bekanntheit der Festwochen - und auch dafür bin ich engagiert worden. Es ist immer die Frage: Wie positioniert man sich in der Weltlage? Wir kämpfen für die Demokratie. Das finde ich eigentlich sehr schön. Sich einzuigeln war nie die Idee der Festwochen - sie wurden gegründet, um Wien mit der ganzen Welt zu verknüpfen. Das alles führt halt oft zu Reibung - und das freut mich."
Mit "Resistance now!" sei man "total auf Tour und es ist wirklich schön. Allein im Herbst haben wir damit 20 Städte gemacht. Die Hälfte der Standorte ist in Ost- und Mitteleuropa. Das ist eine Region, an die ich die Festwochen ganz eng anbinden will. Ehe ich nach Wien kam, dachte ich: Warum ist dieses Festival nicht osteuropäischer, warum nimmt man diese geografische Position so wenig wahr?"
Auf dem "Guerilla-Festival" in Belgrad
Kürzlich war Rau in Belgrad, wo er 2024 mit einer Rede das traditionsreiche BITEF-Festival eröffnet hatte, das in der Folge geschlossen und nun als zivilgesellschaftliche Initiative "ne:Bitef" weitergeführt wird. "Ich war auf hunderten Festivals, aber das war absolut eine meiner schönsten wenn nicht sogar DIE schönste Erfahrung", schwärmt der Regisseur. "Wir haben das mit 'Pelicot' eröffnet und das in der Kunsthochschule, von der die Proteste ausgingen, reinszeniert. Sie haben das in fünf Städte übertragen und die Seele von BITEF verteidigt. Es begann 2024 mit meiner Anti-Lithium-Rede, die benützt wurde, um den Leiter rauszuwerfen, dann war meine Person nicht erwünscht, und dann ist das ganze Team zurückgetreten und das Festival wurde aufgelöst. Man muss bedenken, das BITEF gibt's seit 60 Jahren, es hat alles überlebt - aber nicht den Opportunismus dieses Aufsichtsrats, der von der Politik abhängt."
"Das Team hat jetzt ohne jede Finanzierung dieses Guerilla-Festival gemacht, und auch wir haben das gratis gemacht. Sie haben mir nur den Flug bezahlt. Es ist toll, wenn diese Leute sagen: Wir halten dieses Festival am Leben, es darf nicht untergehen", sieht Rau die Kulturszene eng in die andauernden Proteste in Serbien eingebettet.
"Wien ist wieder eine Frontstadt"
"Manche Länder sind weiter im Demokratieabbau als andere. Zuerst war Russland, dann Ungarn, jetzt sind es die Slowakei und Serbien. Und jetzt ist Wien wie schon im Kalten Krieg gewissermaßen eine Frontstadt, von der aus das alles extrem nah stattfindet. Für uns ist das schon rein geografisch eine andere Prophezeiung als für jemanden, der aus Brüssel spricht. Man muss solidarisch zusammenhalten."
"Ich kann mich an Gespräche mit Marina Davydova und anderen während der 'Moskauer Prozesse' erinnern. Die sagten damals: Die Demokratie schien so stark, und die Erfahrung aus dem Autoritarismus war noch so nah, dass man sich das einfach nicht vorstellen konnte. Dann begann das schleichend, Schritt für Schritt. Es ging ganz lange ganz langsam und plötzlich ging es ganz schnell und es war zu spät. Das habe ich jetzt auch in Serbien gesehen: Serbien vor einem Jahr und Serbien heute ist ganz anders. Diese Bürgerkriegsmilizen sind zurückgekehrt, Serbien ist fast schon ein Polizeistaat. Es ist eine ganz andere Stimmung. Die Zivilgesellschaft in Serbien zeigt sich aber extrem widerstandsfähig und verteidigt die Demokratie und ihre Institutionen. Das Kapitel ist noch nicht beendet, wie man jetzt auch bei diesem Guerilla-BITEF gesehen hat."
"Die Festwochen sind fast ein Fördergeber"
Obwohl auch die Stadt Wien im Kulturbereich sparen muss, bleibt die Festwochen-Subvention 2026 gleich. Burgtheaterdirektor Stefan Bachmann ist der Meinung, dass auch die großen Institutionen sich beim Sparen nicht ausnehmen dürfen. Wie kann der Solidarbeitrag der Wiener Festwochen aussehen? Rau verweist auf die indirekte Wirkung des Festivals auf die lokale Szene: "Indem wir - mit Ausnahme der beiden Festwochen-Hallen - ausschließlich in Institutionen spielen, sind die Festwochen fast schon ein Fördergeber. Wir versuchen, so viele Koproduktionen wie möglich zu machen, wir mieten diese Theater an, arbeiten mit lokalen Künstlern: Wenn du die Festwochen kürzt, kürzt du damit auch ganz viele andere Institutionen in der Stadt. Umgekehrt ist natürlich jede Kürzung, die eine Partnerinstitution erfährt, indirekt auch ein Problem von uns, wo wir dann versuchen, in die Bresche zu springen."
Raus Resümee: "Das ganze System hängt miteinander zusammen. Es ist eine gemeinsame Aufgabe. Wien hat vieles zu bieten, aber ich glaube, die Menschen kommen wegen der Kultur, der Architektur, der Lebensqualität, also wegen Dingen, die auf öffentlichen Förderungen beruhen. Wien ist eben die Welthauptstadt der Theater- und Musikkultur."
"Another Nobel Prize Dinner"
Am 29. März wird "Der Prozess Pelicot" in New York reinszeniert, am 24. Mai am Piccolo Teatro in Mailand. Kürzlich gastierte man damit in Stockholm, wo Milo Rau am Dramaten gerade sein neues Stück "Rage" inszeniert. Und es wäre nicht Rau, wenn er aus der Tatsache, dass am Tag nach dem "Pelicot"-Gastspiel die Verleihung der Nobelpreise stattfand, nicht gleich theatrale Funken geschlagen hätte: "Wir haben am 10. Dezember, also dem Termin des offiziellen Nobelpreisbanketts, 'Another Nobel Prize Dinner' gemacht, bei dem die Frauen, die damals mit ihren Enthüllungen über Missbrauch die Nobelpreis-Jury gesprengt haben, eingeladen waren. Eine dieser Frauen ist jetzt am Dramaten meine Dramaturgin."
Sein Stück "Rage" ("Wut") spiele in einem auf einer sich drehenden Bühne einsichtigen Landhaus, erzählt Rau. "Es hat einen Anschlag auf die Premierministerin gegeben. Eine Familie aus Schauspieler:innen und Intellektuellen zieht sich in das Haus zurück, und dann kommt eine Miliz, in der Rechts- wie Linksradikale vertreten sind, also beide Seiten, die unsere Gesellschaft grundsätzlich ablehnen. Damit beginnt ein dystopischer Bereich."
"Was haben wir als Kulturelite falsch gemacht?"
Es werde auch eine Buchausgabe geben, erzählt Rau. "Eigentlich frage ich mich in dem Stück: Was haben wir als Kulturelite falsch gemacht? Haben wir zu sehr den Kopf in den Sand gesteckt als für die Demokratie einzustehen? War es uns wichtiger, unsere Privilegien zu verteidigen, als uns zu positionieren? Haben wir diese Dystopie ein Stück weit selbst heraufbeschworen? Es ist auch ein allegorisches und philosophisches Stück - und weit im Hintergrund steht auch 'Die Möwe' von Tschechow."
Für Wien wird er später vielleicht eine erweiterte Fassung des Stücks erarbeiten. Zunächst sei es aber ganz auf den Genius Loci in Stockholm zugeschnitten. "Berühmte Bergman-Schauspieler sind ebenso dabei wie Netflix-Stars. Es ist auch ein Generationen-Porträt. Natürlich war einer der Gründe, warum bei #Metoo das Dramaten geschlossen und der Direktor entlassen wurde, die verfahrene Struktur, die auch auf Bergman zurückgeht. Andererseits ist es toll, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die bei ihm gearbeitet haben. Bergman war ja eine meiner prägendsten künstlerischen Erfahrungen. Es geht in meinem Stück auch um diese ikonische Qualität des Hauses. Das Dramaten ist ja gewissermaßen das Burgtheater des Nordens und hat ganz viele Mythen. Für jemanden, der an Theater- und Filmgeschichte so interessiert ist wie ich, ist das natürlich ein super Ort. Ich kann nicht immer nur auf Guerilla-Festivals sein."
Gespräch: Wolfgang Huber-Lang/APA