Wegweisend

Holocaust-Gedenkstätte wünscht sich Yad-Vashem-Straße in Wien

Yad-Vashem-Chef Dani Dayan wünscht sich eine Straße in Wien mit dem Namen der Gedenkstätte. Für ihn wäre das ein starkes Zeichen gegen das Vergessen. 

Der Vorsitzende der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem wünscht sich von Wien eine Yad-Vashem-Straße. "Ich halte das für wichtig. Berlin folgt dem Beispiel von New York City, wo bereits eine Straße in Manhattan nach Yad Vashem benannt wurde", sagte Daniel "Dani" Dayan gegenüber der APA auf eine entsprechende Frage. Dayan hatte diesen Wunsch in den Gesprächen, die er mit Regierungsmitgliedern in Wien geführt hatte, aber nicht angesprochen.

"Ich werde oft gefragt, warum das so wichtig ist. Viele Menschen werden diese Straße passieren und nicht einmal wissen, was Yad Vashem bedeutet. Und meine Antwort lautet: Genau aus diesem Grund ist es wichtig." Die Menschen würden googeln und herausfinden, was Yad Vashem ist, und sie würden über den Holocaust lesen und sich besser über den Holocaust informieren. "Also ja, ich denke, dass auch Wien diesem Beispiel folgen sollte." Zu gegebener Zeit würden sie Kontakte zur Stadt Wien aufnehmen, kündigte Dayan an.

Dayan, der am Montag in Wien unter anderem Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP), Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) und mehrere Staatssekretäre getroffen hatte, lobte das österreichische Engagement gegen Antisemitismus. "Österreich war in Europa führend bei der Vorlage eines sehr ehrgeizigen Plans zur Bekämpfung des Antisemitismus und zur Förderung des jüdischen Lebens", verwies er auf die nationale Strategie gegen Antisemitismus.

Yad Vashem unterstützt Österreich

"Wir wissen das sehr zu schätzen. Wir wissen auch die Tatsache zu schätzen, dass wir vor Jahren vom Bundeskanzleramt gebeten wurden, bei der Umsetzung des Plans mitzuwirken", sagte der Chef von Yad Vashem. Seine Institution helfe bei der Forschung, beim Austausch von Forschungsergebnissen, bei der Bildung und auf andere Arten. "Leider ist aufgrund der Budgetzwänge, mit denen Österreich derzeit zu kämpfen hat, die Zukunft dieses Plans und unsere Beteiligung daran für die kommenden Jahre noch unklar." Dayan zeigte sich aber zuversichtlich, dass die Zusammenarbeit fortgesetzt werde. Für die österreichische Bewerbung um den Vorsitz der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) im Jahr 2028 wäre dies ein "wichtiger Pluspunkt".

Österreich habe "einen erstaunlichen Prozess durchlaufen", analysierte Dayan: "Von der Dreistigkeit, sich nach dem Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang als erstes Opfer des Nationalsozialismus zu definieren, bis hin zur heutigen vollständigen Anerkennung seiner Verantwortung für die Shoah und der Tatsache, dass Österreich, fast gleichberechtigt mit Deutschland, ein Täterland war." Dies sei "nicht nur für Juden wichtig. Ich denke, es ist auch für die Österreicher wichtig. Eine Gesellschaft, die auf einem historischen Irrtum und einer historischen Verfälschung basiert, hat eine zweifelhafte demokratische Zukunft."

Die Sichtweise müsse sich auch in der gesamten Gesellschaft durchsetzen. "Ich sage nicht, dass dies eine leichte Aufgabe ist, aber es ist eine unerlässliche Aufgabe. Und das ist in einer multiethnischen, multikulturellen Gesellschaft noch schwieriger." Dayan hat nach eigenen Angaben Stocker und Wiederkehr gesagt, dass mit der österreichischen Staatsbürgerschaft Verpflichtungen sowie Werte einhergehen sollten, "die völlig unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder völlig unabhängig von der Frage sind, wo ihr Großvater oder Urgroßvater während des Krieges war. In dem Moment, in dem man Bürger Europas und insbesondere Österreichs wird, sollte man diese Werte verinnerlichen." Das wichtigste Instrument dafür sollte Bildung sein. Manchmal sei aber auch die Strafverfolgung erforderlich.

Fünf Millionen Holocaust-Opfer identifiziert

Yad Vashem hatte im November bekanntgegeben, fünf Millionen Holocaust-Opfer identifiziert zu haben. Das Projekt gehe weiter, sagte Dayan. "Wir wissen, dass wir niemals alle sechs Millionen Namen identifizieren können. Heute sprechen Optimisten von wahrscheinlich 5,3 Millionen. Leider wurden viele Juden, Hunderttausende Juden, die in der Shoah getötet wurden, ohne Spuren zu hinterlassen ermordet."

Die sechs Millionen Juden, die im Zweiten Weltkrieg in den Konzentrationslagern ermordet wurden, seien sehr unterschiedlich gewesen, berichtete Dayan: Sie waren Kommunisten, Sozialisten und Kapitalisten. Sie waren ultra-religiös und Atheisten. Sie waren Zionisten und Nicht-Zionisten. Sie waren reich und arm. Sie waren Sepharden und Aschkenasim. Sie hätten eines gemeinsam: "Sie alle wollten in Erinnerung bleiben."

Die Nazis hätten versucht, Juden in eine Nummer zu verwandeln, die ihnen vor ihrer Ermordung auf den Arm tätowiert wurde. "Wir haben die Pflicht, ihnen ihre Identität zurückzugeben. Und der Name ist der erste Schritt dazu." Zusätzlich sammle Yad Vashem Fotos und Gegenstände, die mit den betroffenen Personen verbunden seien. "Es geht also darum, so viele Informationen wie möglich über jede einzelne Person zu sammeln, um ihnen ihre Persönlichkeit, ihre Menschenwürde zurückzugeben." Die Namen seien in Yad Vashem ausgestellt. Eine Kopie gebe es in der Gedenkstätte des KZ Auschwitz-Birkenau und auch online seien die Namen verfügbar.

Wohnen im Westjordanland

Zum aktuellen Friedensprozess in Nahost sagte Dayan, der in der israelischen Siedlung Ma'ale Shomron im besetzten Westjordanland lebt, dass sich nicht viel geändert habe. Er lebe seit fast 40 Jahren dort "ein sehr angenehmes Leben". Ihn deswegen in eine Schublade zu stecken, sei zum Scheitern verurteilt. Israel hatte 1967 das Westjordanland und Ost-Jerusalem erobert, wo heute mehr als 700.000 Siedler inmitten von rund drei Millionen Palästinensern leben. Nach internationalem Recht sind die Siedlungen illegal.

Dayan betonte: "Ich bin ein sehr unkonventioneller Mensch. Ich bin ein überzeugter Liberaler. Und ich glaube, dass jede konventionelle Definition meiner Person zum Scheitern verurteilt ist."

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