Frauenfeindlichkeit

Jede zweite Ärztin erlebt anzügliche Bemerkungen durch Vorgesetzte

Viele Ärztinnen hören im Job Sätze, die sie nie hören sollten. Eine Befragung der Wiener Ärztekammer zeigt, dass mehr als die Hälfte anzügliche Bemerkungen durch Vorgesetzte erlebt hat. Die Vorwürfe wiegen schwer und verlangen klare Konsequenzen. 

Ärztinnen haben es im Arbeitsalltag nach wie vor oft schwerer als ihre männlichen Kollegen. Das geht aus einer am Montag präsentierten Umfrage im Auftrag der Wiener Ärztekammer hervor. Fast zwei Drittel (64 Prozent) der befragten Medizinerinnen gaben an, im Laufe ihrer Karriere bereits mit Benachteiligungen konfrontiert gewesen zu sein. Häufig erleben Ärztinnen auch Abwertungen und Misstrauen gegenüber ihren Kompetenzen - von Patientenseite aber auch von männlichen Kollegen.

Insgesamt ist die Zufriedenheit der Wiener Ärztinnen laut der Online-Befragung von Meinungsforscher Peter Hajek, an der 1.409 der rund 8.000 Wiener Ärztinnen teilgenommen haben, mit ihrer Karriereentwicklung groß: Drei Viertel zeigten sich zufrieden mit ihrer Karriere, wobei die Zufriedenheit bei niedergelassenen Ärztinnen deutlich höher (88 Prozent) als bei angestellten Ärztinnen (69 Prozent) ist.

Familienplanung als größtes Hindernis

Dabei wird Familienplanung und Kinderbetreuung mehrheitlich (52 Prozent) als größtes Karrierehindernis empfunden. 93 Prozent meinen, dass Mutterschaft für Ärztinnen strukturelle Nachteile mit sich bringt. An zweiter Stelle der Hindernisse wird eine zu geringe Förderung durch Vorgesetzte genannt.

Im Alltag sind Medizinerinnen oft mit Frauenfeindlichkeit konfrontiert. In der Umfrage gaben 59 Prozent der Ärztinnen an, selbst regelmäßig Abwertungen zu erleben und zwar nicht nur von Patientenseite (60 Prozent), sondern gleichermaßen auch von Kollegen und Vorgesetzten (59 Prozent). Eine Mehrheit von 54 Prozent berichtete zudem von unerwünschten anzüglichen Bemerkungen durch Vorgesetzte, 27 Prozent von unerwünschten einschlägigen Berührungen, vier Prozent erlebten sexuelle Übergriffe durch Vorgesetzte. Auch Misstrauen gegenüber ihrer Kompetenz erleben Ärztinnen häufig, besonders oft wird dies vonseiten der Patientinnen und Patienten entgegengebracht (62 Prozent), aber oft auch vonseiten Vorgesetzter (44 Prozent).

Ärztekammer sieht gesellschaftliches Problem

Ärztekammer-Präsident Johannes Steinhart sieht darin ein gesellschaftliches Problem, das nicht nur den medizinischen Bereich betreffe, wie er bei einer Pressekonferenz erklärte. In der Pflicht sieht Steinhart daher die Politik, gesellschaftspolitisch tätig zu werden. In Bezug auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie fordert die Ärztekammer eine Flexibilisierung bei den Arbeitszeiten.

Die Kolleginnen im niedergelassenen Bereich würden sich mehrheitlich eine flexiblere Regelung der Einzelordinationen mit Kassenvertrag wünschen - etwa mit flexibleren Öffnungszeiten, Job-Sharing-Modellen, der stärkeren Förderung von Gruppenpraxen und besseren Vertretungsregelungen, so Kammer-Vizepräsidentin und Obfrau der Kurie niedergelassene Ärzte Naghme Kamaleyan-Schmied. Auch die Einführung von Mutterschutz für Kassenvertragsärztinnen sei dringend geboten.

In den Spitälern brauche es gezielte Förderangebote speziell für Frauen und familienfreundlichere Arbeitsbedingungen mit flexibleren Arbeitszeiten, Teilzeitmodellen und mehr betrieblicher Kinderbetreuung, so der Obmann der Kurie angestellte Ärzte und ebenfalls Kammer-Vizepräsident Eduardo Maldonado-González. Er appellierte zudem auch an die Zivilcourage der Männer, bei geringschätzenden oder anzüglichen Äußerungen gegenüber Ärztinnen einzuschreiten.

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