Weißmann hat geheim vor den ORF-Prüfern ausgesagt. Versucht er das "Opfer einzuschüchtern", wie manche Anwälte vermuten?
Es ist ein Sittenbild, das den ORF in seinen Grundfesten erschüttert. Die Rede ist vom Fall Roland Weißmann und allen Verstrickungen und Fehden, die seither immer offenkundiger werden.
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ORF-Compliance hat jetzt nicht jugendfreie Fotos
Donnerstagnachmittag – zeitgleich wurde lanciert, Weißmann habe Strafanzeige gegen das mutmaßliche Opfer wegen eines heimlich aufgenommenen Telefongesprächs und auch gegen ihren Anwalt wegen mutmaßlicher Erpressung eingebracht – musste der zurückgetretene ORF-Generaldirektor erstmals vor der Compliance-Stelle des ORF aussagen.
Also jener Stelle, die für die interimistische ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher die Vorwürfe der 35-jährigen ORF-Mitarbeiterin gegen den 58-jährigen Ex-ORF-Chef prüfen soll. Diese muss mögliche arbeitsrechtliche Konsequenzen für Weißmann prüfen. Arbeitsrechtler sehen einen Zeitdruck.
Der Öffentlich-Rechtliche müsse sehr zeitnah entscheiden, ob der dienstfrei gestellte Ex-ORF-GD doch noch „entlassen“, „gekündigt“ oder weiter „beschäftigt“ würde. Ernste Konsequenzen seien aufgrund der Art der Fotos und Texte „arbeitsrechtlich möglich“. Allerdings müsse man auch die lange Beschäftigungsdauer Weißmanns im ORF – über 30 Jahre – berücksichtigen.
Weißmann kämpft um 3,2 Millionen Euro
Insgesamt kämpfe der einstige Vize-Finanzchef um 3,2 Millionen Euro – das war offenbar bereits bei den ersten Gesprächen mit ORF-Stiftungsratsspitze und Anwälten der Fall. Weißmanns Forderung setze sich aus – nach seinem Rücktritt als ORF-Chef erhält er jetzt 300.000 Euro als Chefproducer im Jahr – seinem Jahresgehalt bis zu seinem 65. Geburtstag in sieben Jahren plus seiner Abfertigung zusammen.
„Das wird der ORF so unmöglich zahlen können“, sind sich einige Spitzenvertreter des Öffentlich-Rechtlichen einig. „Da liegt zu viel Schädliches für ihn auf dem Tisch“, mutmaßt ein ORF-Kollege.
Der internen ORF-Prüfungskommission soll seitens des mutmaßlichen Opfers sämtliches Material in Wort, Ton und Bild zur Verfügung gestellt worden sein, das zeigen soll, dass ihr Ex-Chef sie 2022 aus ihrer Sicht bedrängt und belästigt habe. Weißmann leugnete die Inhalte nicht, berief sich aber auf eine „einvernehmliche emotionale Affäre“. Und zeigte seinerseits gemeinsame Lauffotos und eine Geburtstags-Nachricht der jungen Frau an ihn aus 2024. Wie auch immer.
Versucht Politik "wieder zuzuschütten"?
Im ORF hat man den Eindruck, dass Thurnher zwar aufklären wolle, aber nicht so recht wisse, wie. „Den Regierungsparteien ist hingegen nicht klar, dass sie auch massiven Schaden durch die ORF-Affären erleiden.“ Die Stiftungsratsspitze um Heinz Lederer und Gregor Schütze – die Lobbying-Geschäfte der beiden Herren, die von Weißmann Aufklärung gefordert hatten, werden seither fast täglich geoutet – will logischerweise Konsequenzen für Weißmann. Und die „Getreuen von Weißmann wollen Rache und alle mit sich ziehen“, behaupten zumindest ORFler.
Tatsächlich soll das Lager um Weißmann von Anfang an überlegt haben, nicht nur das potenzielle Opfer und dessen Anwalt, sondern auch ORF-Manager Pius Strobl, die Stiftungsräte Lederer und Schütze sowie den Ex-ORF-Chef Alexander Wrabetz anzuzeigen.
"Slap-Klage" gegen 35-jährige ORF-Mitarbeiterin?
Am Ende – zumindest derzeit – dürfte aber nur eine Sachverhaltsdarstellung gegen die 35-jährige ORF-Mitarbeiterin und ihren Anwalt eingebracht worden sein. Laut Anwälten könnte das eine – im Zivilrecht so genannte – Slap-Klage sein, die zum Ziel habe, ein Verfahren abzudrehen. Respektive „Opfer einzuschüchtern“, so mehrere Anwälte.
„Weißmann muss sich wehren können“, sagt hingegen ein Strafverteidiger, der allerdings auch anmerkt, dass der Ex-ORF-Chef während der Verhandlungen mit den Stiftungsräten „die gesamte Zeit über anwaltlich vertreten war“. Hätte dieser eine „Erpressung gewittert, hätte er umgehend Strafanzeige erstatten müssen“. Im Fall der Tonbandaufnahme hätte er an sich „umgehend eine Unterlassungsklage einbringen“ können. Während wieder andere Anwälte mutmaßen, Weißmann sei zum Rücktritt „genötigt“ worden.
Bitter scheint es derzeit jedenfalls für die 35-jährige ORF-Mitarbeiterin abzulaufen, der bis Ende der Woche keine Hilfe seitens des ORF angeboten wurde.
Bis kommende Woche sollte das Urteil der Compliance-Stelle stehen. Und dann auch endlich die Task Force eingesetzt werden, die auch andere Fälle von ungebührlichem ORF-Verhalten – etwa von einem Stiftungsrat und einem anderen ORF-Manager – prüfen soll.„Wir sitzen auf der Titanic und spielen das Orchester“, sagt ein ORF-Journalist frustriert darüber, dass seit bald zwei Wochen keine klare Entscheidungen getroffen würden und stattdessen nur eine Schlammschlacht der ORF-Cliquen tobe.