Plus 46 Prozent:

Zahl der jugendlichen Häftlinge explodiert

Volksanwältin Schwarz: Aufgrund des Überbelags häufig gemeinsam mit Erwachsenen angehalten  

Am Dienstag hat die Volksanwaltschaft im Rahmen einer Pressekonferenz in Wien ihren Parlamentsbericht 2025 präsentiert. Dabei machte die für den Strafvollzug zuständige Volksanwältin Gabriela Schwarz (ÖVP) auf einen signifikanten Zuwachs bei den jugendlichen Häftlingen aufmerksam. "2024 gab es 125 Jugendliche in Haft. Ende 2025 waren es 182. Das bedeutet einen Anstieg von rund 46 Prozent in nicht einmal einem Jahr", sagte Schwarz.

Aufgrund des Überbelags würden Jugendliche häufig gemeinsam mit Erwachsenen angehalten: "Das ist eine dramatische Situation." Das Justizministerium betonte in einer Stellungnahme, den Jahresbericht ernst zu nehmen und die darin getroffenen Feststellungen eingehend zu prüfen. Justizministerin Anna Sporrer (SPÖ) setze seit Beginn ihrer Amtszeit Maßnahmen, um die Situation im Straf- und Maßnahmenvollzug zu verbessern, "nachdem in vergangenen Legislaturperioden notwendige Maßnahmen oftmals unterlassen bzw. zu spät oder zu wenig konsequent ergriffen wurden".

Schwarz verwies bezüglich des Überbelags auf die Justizanstalt (JA) St. Pölten, wo Mitte März 2025 327 Insassen untergebracht waren. Wegen des hohen Belagsdrucks musste die Jugendabteilung geschlossen werden. Vier Jugendliche wurden auf andere Abteilungen verlegt, wo sie in Mehrpersonenhafträumen mit Erwachsenen landeten. In der JA Wiener Neustadt waren im August 2025 fünf Jugendliche in keiner eigenen Abteilung untergebracht. Für die Betroffenen gab es auch keine Ergotherapie, keine Sozialpädagogik und keine kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung.

JA Münnichplatz zu 114 Prozent ausgelastet

In der JA Graz-Jakomini wurde die Jugendabteilung aufgrund von Bauarbeiten im Juni 2025 verlegt. "Die interimistische Lösung war für die Anhaltung von Jugendlichen völlig ungeeignet. Die Hafträume der Jugendlichen waren vermehrt geschlossen. Ein Wohngruppenvollzug wurde nicht angeboten", berichtete Schwarz. Seit Ende November 2025 ist die Jugendabteilung wieder in Betrieb.

Mit 1. Februar hat in Wien-Simmering die neue JA Münnichplatz für männliche Jugendliche mit 72 Haftplätzen den Vollbetrieb aufgenommen. Im Justizministerium versprach man sich davon eine Entlastung der gesamten Ostregion. "Davon sind wir weit entfernt", konstatierte Schwarz. Derzeit seien dort nämlich bereits 82 Jugendliche untergebracht, was einer Auslastung von 114 Prozent entspricht.

Dass im Justizministerium darauf reagiert wurde, indem mit Anfang Mai die sogenannte Belagsfähigkeit auf 90 Plätze angehoben wird, kritisierte Schwarz scharf: "Diese Erweiterung in ein positives Licht zu rücken, kann wirklich nur ein schlechter Scherz sein. Ich sage es ganz deutlich: Das ist keinesfalls etwas Gutes. Mit der Anhebung der Belagsfähigkeit wird die Anstalt überfordert, noch bevor sie richtig läuft."

Stockbetten in Hafträumen

Laut Schwarz sieht der Alltag in der JA Münnichplatz nämlich in einigen Hafträumen so aus, dass dem Überbelag mit Stockbetten begegnet wird: "Die für Jugendliche empfohlene Ein- oder Zweipersonenbelegung ist dadurch nicht mehr möglich." In Folge dessen könne auch die vom Justizministerium vorgegebene Mindesthaftraumgröße pro Insasse nicht mehr eingehalten werden. "Enge Platzverhältnisse führen zu einem erhöhten Gewaltrisiko", warnte Schwarz unter Verweis auf den Prüfschwerpunkt "Gewalt in Haft", der im Parlamentsbericht 2024 enthalten war.

Zusätzlich zum Platzmangel macht der JA Münnichplatz offenbar auch Personalnot zu schaffen. Für 60 vorgesehene Planstellen im Exekutivdienst stehen laut Volksanwaltschaft derzeit nur 43 Personen zur Verfügung, davon zehn per Dienstzuteilungen, die teilweise keine Vorkenntnisse über die Arbeit im Jugendstrafvollzug besitzen. Ein Justizwachebeamter wurde dem Vernehmen nach gar aus der JA Feldkirch dienstzugeteilt und somit von Vorarlberg nach Wien transferiert.

Laut Justizministerium "operative Herausforderungen"

Dem widersprach das Justizministerium. Vor zwei Wochen sei ein Erlass zur kurzfristigen personellen Unterstützung an die umliegenden Anstalten versendet worden. 60 der 71 Planstellen seien besetzt, wurde betont. "Die Sicherheit und Ordnung sowie die Betreuung der jugendlichen Häftlinge sind gewährleistet." Allerdings komme es "in der aktuellen Expansionsphase in den Vollbetrieb zu operativen Herausforderungen. Die zuständige Generaldirektion im Justizministerium begleitet die Entwicklungen engmaschig und wird diese laufend evaluieren", hieß es.

"Zu wenig Justizwachepersonal bedeutet wenig Beschäftigungsmöglichkeiten und hohe Einschlusszeiten für die jugendlichen Insassen", hielt Schwarz fest. Es gebe in der JA Münnichplatz zwar neue Sport- und Bewegungsmöglichkeiten im Innenhof: "Doch ohne ausreichende Justizwachebeamte können sie nicht genützt werden. Diese Situation ist für das Personal und die Inhaftierten gleichermaßen untragbar. Wenn uns sowohl Bedienstete als auch Insassen beim Sprechtag sagen, dass dringend mehr Personal notwendig ist, schrillen bei mir alle Alarmglocken."

Situation im Strafvollzug grundsätzlich verschärft

Grundsätzlich habe sich die Situation in heimischen Justizanstalten weiter verschärft, betonte die Volksanwältin: "2025 haben wir 23 Sprechtage in Justizanstalten abgehalten und 1.145 Beschwerden von Inhaftierten wie auch Personal erhalten. Das ist eine Steigerung um 27 Prozent im Vergleich zum Vorjahr." Zusätzlich hätten 23 Kontrollen der Bundeskommission stattgefunden. Alle Gefängnisse seien überfüllt, der Personalmangel führe Justizanstalten "an den Rand ihrer Belastbarkeit."

Ein Höchststand wurde im Vorjahr bei den Suizidzahlen in Haft verzeichnet. Bis Jahresende wurden der Volksanwaltschaft 59 versuchte und acht vollendete Suizide von Inhaftierten gemeldet. "Diese Zahl ist alarmierend", zeigte sich Schwarz betroffen. Laut Justizministerium werde kontinuierlich daran gearbeitet, Suizid-Anzeichen frühzeitig zu erkennen und Insassinnen und Insassen in psychischen Notsituationen zu unterstützen. Die Abgrenzung zwischen Suizidversuch und selbstverletzendem Verhalten ohne suizidale Absicht sei oftmals nicht einfach einzuschätzen. Im Jahr 2025 ereigneten sich im österreichischen Straf- und Maßnahmenvollzug 44 Suizidversuche, welche ohne Einschreiten der Bediensteten den Tod zur Folge gehabt hätten und daher als lebensbedrohlich qualifiziert wurden.

Laut dem Justizministerium seien bei der Justizwache aktuell von 3.339 Planstellen 3.148,48 besetzt, was einem Besetzungsgrad von 94 Prozent entspricht. Der Personalmangel habe sich in den vergangenen Jahren verringert, behauptet das Ministerium. 2019 lag demnach der Besetzungsgrad noch bei 91 Prozent. Aktuell sei aufgrund von österreichweit kontinuierlich laufenden Recruiting-Maßnahmen ein Anstieg bei den Bewerberinnen und Bewerbern für den Justizwachdienst zu verzeichnen.

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