Schwer unter Druck

Der Lack ist ab - Darum wird es für Putin plötzlich eng

Der Kreml-Chef bringt jetzt sogar die Militärs gegen sich auf. 

Von Siegesstimmung ist keine Spur unmittelbar vor der Militärparade auf dem Roten Platz in Moskau. Seit Jahren ist die Parade Teil des Pomps und militärischen Waffenklirrens, mit dem die russische Führung den Tag des Sieges begeht. Vor 81 Jahren, am 9. Mai 1945, wurde in Moskau die Kapitulation Nazi-Deutschlands bekannt. Die Sowjetunion gehörte damit zu den vier Siegermächten im Zweiten Weltkrieg.

Das Militärspektakel war zwei Jahrzehnte lang Ausdruck des Supermachtstatus, auf den Russland als Nachfolger der Sowjetunion nach dem Verständnis von Kremlchef Wladimir Putin natürlichen Anspruch hatte. Doch in diesem Jahr muss Putin seine Lieblingsveranstaltung deutlich zurückfahren. Statt modernster Panzertechnik, Artillerie und atomar bestückbarer Raketensysteme, die sonst über den Roten Platz donnerten, werden lediglich Kadetten und Soldaten im Stechschritt über das Pflaster marschieren. Ausländische Medien wurden bei der Show kurzfristig ausgeladen.

Putins Sprecher Dmitri Peskow erklärte die Kürzungen mit den "terroristischen Bedrohungen". Gemeint sind mögliche Drohnenangriffe der Ukraine. Moskau drohte vorsorglich mit einem Gegenschlag auf Kiew und rief das Botschaftspersonal anderer Staaten dazu auf, die ukrainische Hauptstadt zu verlassen.

 

Immer wieder hat Kremlchef Wladimir Putin die von ihm befohlene Invasion in die Ukraine mit dem Verteidigungskampf der Sowjetunion gegen den Vernichtungskrieg der deutschen Wehrmacht unter Adolf Hitler gleichgesetzt. Es gelte, in der Ukraine das Aufkommen des Faschismus zu verhindern und die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs zu verteidigen, führte er dabei zur Begründung seines Kriegs an.

Putin Parade
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Putins Krieg dauert länger als sowjetische Verteidigung

Doch der Vergleich mit dem Zweiten Weltkrieg wird immer mehr zur Bürde für die politische Elite Moskaus und inzwischen auch für Putin persönlich. Anfang des Jahres wurde die psychologisch wichtige Marke von 1.418 Kriegstagen überschritten - so lange dauerte es, bis die Rote Armee nach dem Angriff von Hitlers Truppen Berlin eingenommen hatte.

Deren Enkel und Urenkel hängen inzwischen immer noch im ostukrainischen Donbass-Gebiet fest - gegen einen Feind, den die russische Propaganda vor der Invasion lächerlich gemacht hatte. "In einem echten Krieg besiegen wir die Ukraine in zwei Tagen", hatte beispielsweise die Chefin der Medienholding RT, Margarita Simonjan, 2021 noch getönt.

Putin
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Kein Sieg in Sicht

Schlimmer noch: Die Aussichten auf einen militärischen Durchbruch sind trüber denn je. Im April hat das russische Militär erstmals seit Jahren wieder mehr Territorium in der Ukraine verloren als neu besetzt. Die Ukrainer sind den Russen mit ihrer Drohnentechnik zumindest derzeit überlegen. Viele russische Soldaten sterben durch Einschläge, noch bevor sie die eigentliche Front erreichen. Nach Angaben aus Kiew töten und verletzen die ukrainischen Soldaten inzwischen mehr Gegner als Moskau neu mobilisieren kann. Der Blutzoll der angreifenden Armee steigt - und der Frust in Russland auch.

Und dieser ergreift inzwischen Schichten, die lange unverbrüchlich zu Putin gestanden haben. Die Ultranationalisten und Militärblogger klagen seit langem über den ihrer Ansicht nach unfähigen Generalstab. War Putin als Oberbefehlshaber lange von der Kritik ausgenommen, so fällt die auf seine Anweisung zurückgehende Abschaltung von Internet und verschiedener an der Front genutzter Messenger - insbesondere Telegram - nun auf sein Image zurück.

Putin bringt Militärs mit Telegram-Abschaltung gegen sich auf

Als geradezu quälend empfanden viele Beobachter einen Auftritt Putins im Kreml, als er bei einem Empfang zum Frauentag eine Funkoffizierin mit Suggestivfragen dazu zwang, Telegram zu verteufeln. "Unter der Bedingung, dass eine gute Alternative fehlt, ist das aber eher ein Schlag gegen die eigene Bevölkerung und die eigenen Streitkräfte", kritisierte der einflussreiche Militärblog "Rybar" Putins Initiative.

Das Ausschalten des Internets geht auch den Russen hinter der Front zunehmend auf die Nerven. Unternehmer verlieren viel Geld durch die Einschränkungen, die Bevölkerung einen Großteil der lieb gewonnenen Bequemlichkeit. Apps funktionieren plötzlich nicht, Navi-Systeme spielen verrückt, Lieferungen können nicht abgeholt werden und teilweise müssen die an kontaktloses Bezahlen gewöhnten Russen beim Einkaufen wieder Bargeld mitschleppen.

Kritik kommt auch aus den eigenen Reihen. Für die Internetbeschränkungen schiebt der Kreml Sicherheitsaspekte vor. Der Gouverneur der westrussischen Region Belgorod, Wjatscheslaw Gladkow, beklagte öffentlich, dass die Sicherheit der Belgoroder dadurch geschmälert werde, da oft Warnmeldungen nicht oder nicht rechtzeitig bei den Betroffenen ankämen.

Hilflosigkeit gegen ukrainische Angriffe

Dass die ukrainischen Drohnen offenbar ganz unbeeindruckt von den Internetabschaltungen in immer kürzeren Abständen Ziele weit hinter der Front treffen, macht den Frust nur noch größer. Bilder wie zuletzt aus dem Schwarzmeerhafen Tuapse oder der Millionenstadt Perm, wo Rauchschwaden nach Einschlägen in Ölanlagen tagelang die Luft verpesten, demonstrieren die Hilflosigkeit der russischen Behörden.

Gleichzeitig haben vier Jahre Kriegswirtschaft endgültig zivile Branchen an den Rand des Ruins getrieben. Die Krise musste zuletzt sogar Putin selbst eingestehen, auch wenn er versuchte, den Rückgang des Bruttoinlandsprodukts mit der hohen Zahl an Feiertagen zu Jahresbeginn zu begründen.

Putins Popularität sinkt

Unter diesen Vorzeichen sinkt die Popularität Putins. "Es scheint, als habe sich in Russland die Zusammensetzung der Luft verändert", überschreibt der Politologe Alexander Baunow vom Carnegie Center seine Analyse über den Stimmungswandel in Russland.

Sinkende Zustimmungswerte registrieren sogar kremlnahe Umfrageinstitute wie WZIOM oder FOM in Russland. Sind die absoluten Werte mit über 70 Prozent immer noch hoch, so sind sie zugleich teilweise auf dem tiefsten Stand seit Kriegsbeginn. Zudem seien die Umfrageergebnisse wegen der immer schärfer werdenden Repressionen verzerrt, gibt der ins Exil geflohene frühere Redenschreiber Putins Abbas Galljamow zu bedenken. Richtig sei vielmehr, dass inzwischen immer mehr Russen bereit seien, ihre Unzufriedenheit auszusprechen - trotz der Angst vor möglichen Schikanen.

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